Luterbach
«In diesen Tagen haben wir den Peak an Arbeitskräften auf der Biogen-Baustelle»

Ein Rundgang auf der Biogen-Baustelle gibt einen Einblick in eine Welt modernster Technik.

Urs Byland
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Rundgang auf der Biogen-Baustelle im September 2017
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Von hier werden aus werden die Rohstoffe in den Tanks mit Rohrleitungen zum Hauptgebäude transportiert.
Der Eingangsbereich mit den Drehkreuzen
Das dreistöckige Containerdorf mit den Büros
Die Hülle des Hauptgebäudes spiegelt das aktuelle Wetter. Links ist ein Teil des Empfangs- und Administrativgebäudes. Rechts ist ein Teil des Hauptgebäudes mit der Doppelhelix, die an die DNA-Struktur erinnert, in der Glasfassade des Treppenhauses.
Die künftige Meetinghalle
Trupps mit jeweils einigen Arbeitern sind an unzähligen Stellen im Gebäude mit Arbeiten betraut.
Blick zum Hauptgebäude mit einem Lager einer beteiligten Firma (vorne rechts). Links davon gibt es einen Fuss-Verbindungsweg.
Im Hintergrund ist der Pausenplatz für die Arbeiter sichtbar. Im Vordergrund das Materiallager einer Firma, die am Bau beteiligt ist.
Biogen wirbt für sich auf der Baustelle
Sicherheitsvorschriften werden grossgeschrieben
Eine Gruppe arbeitet an einem Bodenbelag
Blick vom Hauptgebäude Richtung Versorgungsanlage und Stadt Solothurn
Blick Richtung Attisholz Nord

Rundgang auf der Biogen-Baustelle im September 2017

Urs Byland

Der Zeitplan sei «äusserst ambitioniert», sagt Markus Ziegler. Man sei froh, diesen einhalten zu können. Was es dazu braucht, zeigt der Rundgang mit dem Director Corporate Affairs auf der Biogen-Baustelle im Attisholz Süd.

Ausgestattet mit Helm, Sicherheitsbrille, Handschuhen, festem Schuhwerk und Badge wird das Drehkreuz passiert. Ein internes Netz mit Strassen, Fusswegen und Fussgängerstreifen sorgt für einen geordneten Betrieb. In einem grossen Zelt ist die Kantine untergebracht. Ein dreistöckiges Containerdorf beherbergt Büros der diversen Firmen, die am Bau beteiligt sind. Werbebanner sind an den Balustraden befestigt. Mit Werbeplakaten auf der Baustelle sensibilisiert auch Biogen für ihr Wirken.

Ein Teil der Biogen-Mitarbeiter stellt sich in den Containerbüros auf die kommenden Arbeitsprozesse ein. Monatlich werden 20 neue Leute angestellt. 600 Personen zu rekrutieren ist eine grosse Herausforderung. Sogar auf der Baustelle suchen mit Plakaten Biogen und die Firma CBRE, an welche Biogen Betrieb und den Unterhalt der Anlagen auslagerte, künftige Arbeitskräfte. Ziegler nennt die Bereiche Chemie, Medtech, aber auch Lebensmittelbranche, aus denen Mitarbeiter benötigt werden. «Ein Grossteil unserer Belegschaft in Luterbach wird über einen technischen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen wie zum Beispiel Biologen, Laboranten, Chemiker, Ingenieure, Pharma- oder Lebensmitteltechnologen, aber auch Polymechaniker, Elektriker, Industrie-Kältetechniker, Lüftungs- Heizungsmonteur oder Logistikfachleute», wirbt Ziegler. Die Liste ist längst nicht abgeschlossen. «Wir sind mit Volldampf dran.»

Sicherheit hat oberste Priorität

«In diesen Tagen haben wir den Peak an Arbeitskräften auf der Baustelle», klärt Julian Klinglmayr auf. Der junge Deutsche hat zehn Jahre in England die Schule besucht, studiert und in London gearbeitet, bevor er in Basel bei der Roche für Bauprojekte anheuerte. Als er sich bei Biogen bewarb, wurde er sofort eingestellt. Klinglmayrs Aufgabe ist es, Markus Ziegler und den Besucher sicher über die riesige und komplexe Baustelle zu führen.

Mehr als 1000 Menschen sind auf der Baustelle aktuell beschäftigt, darunter viele ausländische Arbeitskräfte. Nicht weil diese billiger seien. «Die Zeit ist der kritische Faktor», gibt Markus Ziegler zu bedenken. «Wir haben einen Zeitplan einzuhalten und müssen deshalb viele Firmen mobilisieren, auch im Ausland.» Auf den Fusswegen herrscht nicht gerade ein Gedränge, aber sie sind ziemlich belebt. Unzählige Arbeitern verschieben sich auf dem internen Verkehrsnetz.

An einigen Stellen sind gesicherte, überdachte Zonen eingerichtet, wo die Arbeiter ihre Pause verbringen, rauchen oder telefonieren können. Überall sind Gruppen von Arbeitern mit irgendwelchen baulichen oder Leitungsarbeiten beschäftigt. Im bereits mit der Fassade eingekleideten Rohbau führen unzählige Treppen zu den Stockwerken, und nicht selten bildet sich ein Stau. Mit Vorsicht bewegt man sich über die Baustelle, durch die Gänge und über die Treppen. Man könnte über Absätze stolpern, etwas steht hervor und man fragt sich, ob der Betonboden, den man betreten will, schon trocken ist. Man kommt Arbeitern in die Quere. Und nicht zuletzt macht man den einen oder anderen Weg durch das Labyrinth der Gänge und Treppen vergebens, steht plötzlich vor einer Abschrankung und wartet, bis Klinglmayr die Lage gecheckt hat. Nicht selten gehts rückwärts die Treppe wieder hoch, die Sackgasse verlassend, in diesem unendlich gross wirkenden Bau.

Wie auf der Intensivstation

«Eigentlich bauen wir eine Gebäudehülle für kilometerlange Rohrleitungen», beschreibt Julian Klinglmayr prosaisch die Baustelle. Die Rohre bringen die Rohstoffe wie Wasser, Dampf, Sauerstoff, Stickstoff und andere zu den Kesseln in der Fabrik. Die Fassade ist nicht einfach geschlossen, sondern beinhaltet viel Glas, das Licht ins Gebäude durchlässt. Ziegler schwärmt von der Doppelhelix, die auf den Glaspanels der Feuertreppen gezeichnet sind und nachts beleuchtet sein werden.

Der Produktionsprozess beginnt oben im Gebäude – oder eigentlich bei chinesischen Hamstern. Von ihnen stammen ganz ursprünglich die Säugetierzellen, die gentechnisch modifiziert werden, damit sie Proteine produzieren. Sie sollen sich in wochenlangen Prozessen immer wieder teilen und vermehren, werden dann mit Nährstoffen versetzt und beginnen, Proteine zu bilden. Dies in den sogenannten Fermentern unter idealen Bedingungen.

Der Anblick hat etwas Mystisches, ähnlich dem Blick in die Intensivstation eines Spitals, wo der Patient überwacht und über Schläuche mit den nötigen Stoffen versorgt wird. Was im Milligrammbereich oben im Gebäude im Labor und später in kleinen Kesseln startet, endet einige Stockwerke weiter unten im 18 500 Liter fassenden Fermenterkessel. Um diesen herum sind wiederum mehrere Kessel platziert, die ihn nicht über Schläuche, aber über Rohre mit den benötigten Stoffen versorgen. Der gesamte Produktionsprozess vom Beginn der Anzucht bis hin zum Endprodukt nimmt viele Wochen in Anspruch: Hauptgrund ist das langsame Wachstum von Säugetierzellen. Deshalb dauert es auch lange, bis genügend Zellen vorhanden sind, um im letzten Fermenter grosse Mengen des Produkts herstellen zu können.

Die Zukunft

Zwei Produktionseinheiten mit je vier Fermentern werden 2019 in Betrieb genommen. Teams einer spezialisierten Firma aus Amerika bauen gerade das Herzstück der ersten Produktionseinheit auf. «Sie haben Teile der Anlage bereits einmal in Amerika aufgebaut, getestet, wieder zerlegt und die Komponenten hierher verfrachtet, wo sie nun definitiv verbaut werden», erklärt Ziegler. Die zweite Produktionseinheit wird erst in drei Monaten auf dem gleichen Stand der Installation der ersten Einheit sein. Das Besondere der modernen Biogen-Produktionsstätte ist die Automatisierung des Produktionsprozesses. Auch die Kontrolle ist automatisiert. «Alle Testungen werden elektronisch und kontinuierlich erledigt, deshalb reden wir auch von ‹The Next Generation›.»

Am Ende des Prozesses werden die Bestandteile der Medikamente mit Zentrifugen, Filtern und in weiteren mechanischen Prozessen aus der Flüssigkeit extrahiert und in eine möglichst reine Form gebracht. Die entsprechenden Anlagen sind in einem Raum gleich neben den Fermentern eingerichtet. Staub, wie jetzt auf der Baustelle, darf es dann nicht mehr haben. Die Medikamente werden schliesslich Menschen in die Blutbahn iniziiert, wo sie Gutes bewirken sollen.

Kein Babylon in Attisholz Süd

Der Turm von Babylon wurde nicht fertig gebaut. Der neue Flughafen in Berlin ist seit einem Jahrzehnt ein nicht enden wollendes Trauerspiel. Das wird in Luterbach nicht passieren. Auf der Baustelle von Biogen ist das Sprachenwirrwarr zwar auch gross. Schweizerdeutsch ist ebenso präsent wie Amerikanisch, Französisch oder Italienisch. Und in Luterbach wird ebenfalls ein Bau mit Kosten in Milliardenhöhe erstellt. Aber es geht vorwärts. Das sieht auch der Laie.

Der riesige Einsatz von Geld und Personal hat seinen Grund: Der Zeitfaktor ist für Biogen unternehmerisch entscheidend. Das amerikanische Biotech-Unternehmen will möglichst bald genügend biopharmazeutische Produkte herstellen, um eine Million Menschen versorgen zu können. Die Medikamente helfen, Krankheiten zu verzögern, Leben zu verlängern und im besten Falle gar zu heilen. Führend ist Biogen bei Multiple Sklerose, grosse Hoffnungen hegt der Konzern bei neurodegenerativen Erkrankungen (Alzheimer, Parkinson, ALS etc.) und geforscht wird auch bei seltenen genetischen und Autoimmun-Erkrankungen. «Ich habe solche Patienten auch selber erlebt. Das ist natürlich ein Motivator, wenn man für derart schwerwiegende Krankheiten eine Option geben kann», sagt Markus Ziegler von Biogen.

Wenn Biogen seinen Vorsprung halten will, muss die Firma nachlegen, zumal Biogen eine gute Produktepipeline habe. Luterbach ist die dritte und im Konzern grösste Produktionsstätte. Die beiden anderen grossen Fertigungsstätten liegen in North Carolina sowie in Dänemark. Der Output in Luterbach werde 3 bis 5 Mal höher sein als bisher. (uby)

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