Zuchwil
In der Sprachspielgruppe wird das Deutsch-Lernen zum Kinderspiel

Vor zehn Jahren verstand in Zuchwil nur jedes zweite Kind beim Kindergarteneintritt Deutsch. Heute sind es noch fünf bis zehn Prozent – auch dank der Sprachspielgruppe. Ein Projekt, das kantonsweit vorbildlich ist

Lara Enggist
Drucken
Teilen
Besuch im Vorkindergarten Zuchwil: Das Kinder- und Jugendzentrum Zuchwil (Kijuzu) bietet frühe Deutschförderung für Kleinkinder an.
16 Bilder
Auf spielerische Weise versuchen die Leiterinnen den Kindern, Deutsch zu vermitteln.
Auf spielerische Weise versuchen die Leiterinnen den Kindern, Deutsch zu vermitteln.
Auf spielerische Weise versuchen die Leiterinnen den Kindern, Deutsch zu vermitteln.
Etwa 80 Prozent der Kinder im Vorkindergarten sind fremdsprachig.
Etwa 80 Prozent der Kinder im Vorkindergarten sind fremdsprachig.
Etwa 80 Prozent der Kinder im Vorkindergarten sind fremdsprachig.
«Wie heisst das noch mal auf Deutsch?», fragt sich Yusuf.
Besuch im Vorkindergarten Zuchwil
Vor zehn Jahren verstand in Zuchwil nur jedes zweite Kind bei Eintritt in den Kindergarten Deutsch.
Vor zehn Jahren verstand in Zuchwil nur jedes zweite Kind bei Eintritt in den Kindergarten Deutsch.
Trotz steigender Fremdsprachenquote seien es heute nur noch fünf bis zehn Prozent.
Trotz steigender Fremdsprachenquote seien es heute nur noch fünf bis zehn Prozent.

Besuch im Vorkindergarten Zuchwil: Das Kinder- und Jugendzentrum Zuchwil (Kijuzu) bietet frühe Deutschförderung für Kleinkinder an.

Hanspeter Bärtschi

Die vierjährige Alessia rennt quer durch den Raum zu einer Bildstrecke an der Wand. Gewissenhaft schiebt sie die Klammer vom Bild «Begrüssungsrunde» zum Bild «Spiele im Kreis». Die Bildstrecke stelle den Tagesablauf in der Spielgruppe dar, erklärt die Leiterin, Sabrina Colombo-Wyss. «Wenn die Sprache noch nicht da ist, sind Bilder und Strukturen umso wichtiger».

Nur eines der Kinder versteht Mundart, die anderen sprechen Türkisch, Italienisch, Kroatisch, Albanisch und Thai. Die acht Mädchen und Jungen setzen sich mit erwartungsvollen Mienen mit den beiden Leiterinnen, welche in der Spielgruppe ausschliesslich Hochdeutsch sprechen, in einen Kreis.

Colombo-Wyss holt einen grünen Plüschfrosch aus einer Kiste und sagt mit ausgeprägter Mimik: «Hallo Quak, ich bin Sabrina.» Sie spricht laut und deutlich, dann reicht sie Quak einem Jungen weiter, leise sagt er: «Hallo Quak, mein Name ist Yusuf». Einige Kinder sind mutiger, andere sagen kein Wort.

Erst ablösen, dann lernen

Die meisten Kinder seien seit August letzten Jahres dabei. «In den ersten Wochen mussten sie sich zuerst vom Zuhause ablösen», sagt Colombo-Wyss. Erst danach begannen die Leiterinnen auf spielerische Weise, Deutsch zu vermitteln. Die Kinder sprechen zwar nicht viel, hören aber sehr aufmerksam zu. Sie scheinen das meiste von den Leiterinnen Gesagte zu verstehen.

Alessia rennt wieder zur Bildstrecke, nun ist freies Spielen angesagt. Das lassen sich die Kleinen nicht zweimal sagen: Mateo holt sofort die Spielautokiste hervor. Alessia zieht sich ein bodenlanges Kleid über und nimmt mit fürsorglicher Miene eine Puppe auf den Arm. Yusuf setzt sich mit einem Tier-Puzzle an den Tisch und versinkt in seine Welt.

Hier kommt die Leiterin «Deutsch als Zweitsprache», kurz DAZ genannt, ins Spiel. Erika Burki setzt sich neben den Jungen und versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. «Was ist das? Ein Hund?», fragt sie – er antwortet zunächst nur mit Kopfnicken. Einige Begriffe spricht er ihr leise nach, einige sagt er auf Türkisch.

Burki begleitet jede Spielgruppe einmal pro Woche während zweier Stunden. In dieser Zeit pickt sie sich Kinder heraus und bringt ihnen beim Puzzlen oder Puppenanziehen Deutsch bei. «Ich frage die Kinder immer, ob sie Lust dazu haben. Wenn ein Kind nicht will, dann ist das okay», sagt sie. Aber meistens machen die Kinder gerne mit, fügt sie an.

Osman-Berk und Yusuf knien neben einer Wiege und schaukeln eine Puppe in den Schlaf. Sie fangen an, sich auf Türkisch zu unterhalten. Erika Burki setzt sich dazu. Yusuf erzählt ihr begeistert etwas auf Türkisch, worauf sie mit derselben Begeisterung auf Deutsch antwortet: «Schaukelst du das Baby?». Yusuf nickt. «Manchmal sprechen die beiden Jungen Türkisch zusammen», sagt sie. «Es hat aber lange gedauert, bis sie bemerkt haben, dass sie dieselbe Sprache sprechen», fügt Burki lachend hinzu.

Zwang bringt nichts

«In unseren Vorkindergärten sind etwa 80 Prozent der Kinder fremdsprachig», sagt Stephan Hug, Präsident des Stiftungsrates Kinder- und Jugendzentrum Zuchwil (Kijuzu). Wenn ein Kind bei Eintritt in den Kindergarten die Sprache nicht versteht, sei erstens die Abnabelung von zu Hause viel schwieriger und zweitens schränke es den Lernprozess erheblich ein. Die Spielgruppe biete einen ungezwungenen Rahmen. Zudem gelte der Grundsatz: «Je kleiner die Kinder, desto einfacher lernen sie die Sprache». Kein Kind werde gezwungen Wörter zu büffeln, alles basiere auf einer spielerischen Ebene. «Die Frühförderung ist eine vorgängige Investition in die Zukunft», betont Hug. Vor zehn Jahren verstand in Zuchwil nur jedes zweite Kind bei Eintritt in den Kindergarten Deutsch. Trotz steigender Fremdsprachenquote seien es heute nur noch fünf bis zehn Prozent.

Die Frühförderung obligatorisch zu machen, davon hält Hug nichts: «Man sollte die Sprache nicht erzwingen, sondern die Kinder dazu befähigen». Deshalb gelte es, Anreize zu schaffen und Eltern dafür zu sensibilisieren, wie sehr sich Deutschkenntnisse auch auf die schulischen Leistungen auswirken.

Hug würde begrüssen, wenn der Kanton die Sprachförderung subventioniert. «In meinen Augen würde man mit der Förderung viel Geld sparen». Schliesslich sei es keine horrende Investition. Sybille Christen, Leiterin des Kijuzu, gibt aber zu bedenken, dass ein kostenloses Angebot dazu führen könnte, dass Eltern die Sache nicht ganz ernst nehmen und die Kinder nicht regelmässig in die Spielgruppe schicken.

Im Kijuzu mache man aber die Erfahrung, dass sich Empfehlungsschreiben der Schule positiv auf die Haltung der Eltern auswirkten. In Zuchwil übernehmen die Eltern die Spielgruppenkosten selber. Dank einem grosszügigen Beitrag der Gemeinde kann das Kijuzu aber einkommensabhängige Tarife anbieten. Christen betont: «Viele Eltern könnten sich die hohen Kosten ohne diesen Beitrag gar nicht leisten».

Wird Deutsch im Kanton bald ein «Muss»?

Der Kanton Solothurn prüft in einem Pilotprojekt, ob sprachfördernde Spielgruppen für Kinder mit schlechten Deutschkenntnisse obligatorisch werden sollen. Das Projekt wurde 2016 lanciert und wird nun während zwei Jahren (2017 bis 2019) erprobt. Beteiligt sind die vier Pilotgemeinden Olten, Dulliken, Solothurn sowie der Schulkreis Dorneckberg. 55 Kinder besuchen im aktuellen Jahr im Rahmen des Projekts eine Spielgruppe.
Die pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz wertet die Ergebnisse anschliessend bis im November 2019 aus. Dabei werden unter anderem die gesetzlichen Grundlagen und die Frage nach der Organisation und der Zuständigkeit geklärt. Zudem prüfen die Beteiligten, ob Eltern die Frühförderung mitfinanzieren sollen.
«Eine Zwischenbilanz kann noch nicht gezogen werden», so Claudia Hänzi vom kantonalen Amt für soziale Sicherheit. Die Erfahrungen aus dem ersten Jahr zeigen laut Hänzi aber, dass Eltern eine hohe Bereitschaft zur Kooperation zeigen.
Das Projekt «Deutschförderung vor dem Kindergarten» lehnt sich an das Modell des Kantons Basel-Stadt an – dort ist der Besuch einer Spielgruppe mit Sprachförderung für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen seit 2013 obligatorisch. (len)

Aktuelle Nachrichten