Die Sommeroper Selzach hat mit der umjubelten Premiere von Donizettis «L’elisir d’amore» bewiesen, wie eine komische Oper mit sozialkritischen Elementen und Helvetismen in Einklang mit belcantistischer Lyrik und staccato-reicher Buffonerie zu einem turbulenten, witzigen und tiefschürfenden Opern-Highlight wird.

Erstmals in Originalsprache gesungen und gesprochen, gehen Spiel und Gesang ineinander über. Die Opera buffa wird zelebriert, zum herzhaften Lachen gesellen sich Schmunzeln und poetischer Tiefsinn. Das überwältigende Bühnenbild mit dem Filmplakat von «Bitterer Reis» katapultiert das Geschehen mitten in den italienischen Neorealismus. Hier wurzelt die Inspiration für das Selzacher «Liebestrank»-Konzept, entwickelt von Bühnenbildner und Ausstatter Oskar Fluri.

Nach 27 Jahren Sommeroper Selzach wünschte er sich eine grössere Herausforderung, als lediglich ein Bauerngut auf die Bühne zu zaubern, verlegte das ländliche Ambiente des frühen 19. Jahrhunderts in die von Armut geprägte Po-Ebene, auf die Reisfelder und den Hof der Colombara, ins Jahr 1949.

Charaktere und Typen

Dessen Bewohner sehnen sich nach Freiheit, besseren Arbeitsbedingungen und natürlich nach romantischer Liebe. Der Alltag der Mondinen, so wurden die Feldarbeiterinnen genannt, ist hart. Noch bevor die Ouvertüre mit Donizettis spritziger Musik erklingt, wird der Blick des Publikums auf die Reispflückerinnen gelenkt, die während des Arbeitens das berühmte Partisanenlied «Bella Ciao» singen. Nach Feierabend trennt das mächtige Tor der Colombara (mit Backsteinen dem Original nachempfunden) die Patronin von den Mondinen. Ihnen liest die Chefin aus der Legende von Tristan und Isolde vor, erzählt vom mystischen Liebestrank.

Regisseur Thomas Dietrich bevölkert die Bühne nicht einfach mit Choristen und Solisten, sondern schafft Charakteren und Typen. Ihm gelingt sogar das Kunststück, die handelnden Personen sowohl Italienisch wie auch Deutsch parlieren zu lassen. Ganz einfach: Der italienische Bauer Nemorino wird zum Mechaniker Josef Maria und zum aus dem Wallis zugereisten Gastarbeiter. Der dramaturgische Kniff funktioniert prächtig. Als der windige Quacksalber Dulcamara mit viel Getöse auftaucht, entpuppt er sich als Norddeutscher, spricht und singt mit dem Svizzero, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Mitentscheidend für den Erfolg sind Donizettis herrliche Melodien und die Solisten. Glanzpunkt ist zweifellos Deborah Leonetti. Sie singt die Adina natürlich, ohne zu übertreiben. Technisch perfekt mit mühelosen Koloraturen, aufblühender Höhe und immer schlank auf die Linie fokussiert. Die Sopranistin gebietet über ein kultiviertes Piano und bezaubert mit grossen Legato-Bögen. Dino Lüthy, der den Nemorino alternierend mit André Gass gibt, singt mit viel Schmelz, guter Höhe und schlank geführter Stimme. Opernschlager «Una furtiva lagrima» ist ein Prüfstein für lyrische Tenöre. Der am Beginn seiner Laufbahn stehende Tenor besitzt eine sinnlich timbrierte Stimme, überzeugt mit guter Phrasierungskultur, unangestrengten Höhen und fein gesponnen Piani. Ein funkelnder Solitär, der mit ein wenig Feinschliff bis in den Belcantohimmel vorstossen kann.

Testosterongesteuerter Macho

Neben dem Schwärmer Nemorino wirkt Aram Ohanian als Belcore wie ein testosterongesteuerter Macho, der Adina unbedingt haben will. Der vom Theater Biel Solothurn bekannte Bariton schält die draufgängerische Note des Sergeanten heraus. Seine Pläne werden von Dulcamara durchkreuzt, der im von Babu Wälti konstruierten Gefährt Bordeaux als vermeintlichen Liebestrank verkauft.

Bassist Nikolaus Meer, seit 2001 ständiger Gast der Sommeroper, vermag mit der Auftrittsarie «Udite, udite» nicht ganz an Vergangenes anzuknüpfen, erweist sich aber einmal mehr als Erzkomödiant. Astrid-Frédérique Pfarrer, die ebenfalls zur Stammbesetzung gehört, spielt und singt die quirlige Giannetta mit grossartiger Präsenz. Aus dem von Valentin Vassilev gut vorbereiteten Chor stechen Sängerinnen und Sänger mit köstlichen Sonderaufgaben hervor. Wie Eva Herger, die als Anführerin der aufmüpfigen Mondinen glänzt. Und, vom Theater Biel Solothurn, Konstantin Nazlamov als Priester.

Amarone und Amore

Das ad hoc zusammengestellte und von Bruno Leuschner dirigierte Orchester zeigt sich der Donizetti-Partitur gewachsen. Die wunderschönen Soli (Oboe) trugen über die kleinen Anfangsschwierigkeiten hinweg.

Zum besonderen «Jura-Südfuss-Opern-Kolorit» gehören neben der raffinierten Lichtregie von Sigi Salke und dem kreativen Produktionsteam, die vielen Helferinnen und Helfer aus der Region sowie der engagierte Vereinsvorstand. Dessen Präsident Ulrich Bucher versprach beim Apéro: «Amarone und Amore passen bestens zusammen.» Entsprechend kredenzt die Selzacher Fassung des Liebestranks schäumenden Spumante, angereichert mit erdigem Roten aus dem Piemont. Fazit: Hingehen und geniessen.