Tanzstück-Premiere
Immerhin: «Warum Tanz niemand sehen will» unterhält vier Zuschauer

Oleg Kaufmann feierte mit seinem neusten Tanzsolostück Premiere. Der Besucher erhält bei «Warum Tanz niemand sehen will» nebst Musik auch Geräusche und eine Stimme ab Band. Passend zum Namen des Stücks bestand das Publikum aus vier Personen.

Urs Byland
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Oleg Kaufmann tanzt.

Oleg Kaufmann tanzt.

Urs Byland

Was der Titel des Tanzstücks von Oleg Kaufmann indirekt androht, wird auf der Bühne umgesetzt. Auf drei, eigentlich vier Ebenen läuft in «Warum Tanz niemand sehen will» eine Auseinandersetzung ab.

Dass diese nicht unangenehm sein muss, bewies Kaufmann. Einen Tag nach der gut besetzten Premiere wagten aber nur vier Personen diese Auseinandersetzung.
Den Besucher erwartet Musik und erhält ab Band Geräusche und eine Stimme.

Unangenehme Geräusche, wiederholtes Räuspern, Wortschnipsel, aber auch eine Stimme: «Wo isch de Tanz?», «Bitte keine langatmige Performance» oder «Keine unverständliche Messages»

Dazu muss man wissen, dass Oleg Kaufmann im Rahmen der Erarbeitung des Stückes eine Umfrage zum Thema machte. «Ich bin stundenlang Bus gefahren und habe die Menschen befragt», berichtet nach der Aufführung Oleg Kaufmann. Aber auch im Internet haben über 100 Personen seinen Umfragebogen beantwortet.

Ist es eine Maschine?

Dann setzt neben den Geräuschen und der Stimme zusätzlich stark verzerrte Musik mit viel Hall ein. Die Aussagen der Stimme, die eigentlich den Tanz konterkarikieren, die Musik und als drittes Element die Bewegungen von Kaufmann.

Er startet am Boden liegend mit einer wiederholenden Bewegung. Ist es eine Maschine oder ein Tier? Später im blauen Licht folgt unermüdlich immer dieselbe Yogaübung. Seine Muskeln bewegen sich zeitweise unabhängig von Stimme und Geräuschen.

Aber wenn alles zusammentrifft, ineinander spielt, wirkt sein Tanz plötzlich präsent, stark, faszinierend.

Das ist die vierte Ebene: der Betrachter, der alles verbinden will, was misslingt, der lachen muss, weil die Stimme im Lautsprecher den perfekten Tanz beschwört und Oleg Kaufmann unabhängig davon tanzt, Muster abspult, arbeitet.

Der Betrachter, der die Emotionen des Tanzenden spürt. Emotionen, die sich auf ihn übertragen, und mit denen er zurechtkommen muss.

Sehr persönliches Thema

«Warum Tanz niemand sehen will» lässt ein Lehrstück erahnen, aber diese Drohung wird (fast) nicht eingelöst. Dass am Ende Oleg Kaufmann einen Stuhl ergreift, sich vors Publikum setzt und darum bittet, falls jemand etwas sagen will, dass nun zu sagen, hat mehr mit einer Therapiesitzung zu tun als mit einer Abendveranstaltung mit nur 20 Franken Eintritt. Eine Therapie ist teurer, hier sucht man nur billiges Vergnügen.

Das bietet Kaufmann eben auch, fürs Auge mit seinen Bewegungen. «Alles von mir, mein Körper, Seele, Geist, alles von mir», sagt die Stimme. Was er macht, macht Spass, ihm und dem Zuschauer.

Etwa im Zwiegespräch mit einer Person am Handy während sein Körper im Zwiegespräch mit einer Schachtel ist.

Also nochmals: «Warum Tanz niemand sehen will». Wenn es eine Frage sein soll, beantwortet die Stimme im Lautsprecher die Frage selber: «Ig bi vo Chriegstette. I’m proud to be von Chriegstette.»

Kriegstetten ist nicht Zürich, Bern, Basel oder Genf, wo Tanz sein Spartenpublikum findet. Deshalb ist die Frage eher eine persönliche.

Interessiert sie die Zuschauer? Nein. Diese Antwort gab die Abendkasse. Deshalb hier der Titelvorschlag für das nächste Tanzsolo: «Warum alle Tanz sehen wollen.»

Weitere Aufführungen Do., 3., und Fr., 4. Dezember, je 20 Uhr, Tam Tam Studios, Hauptstrasse 68, Kriegstetten; Sa. 5. Dezember, 20 Uhr, Adlersaal, Berntorstrasse 10, Solothurn.

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