Derendingen
«Immer mehr hängen in der Fürsorge - die Kassen werden immer leerer»

Immer mehr Menschen werden in die Sozialhilfe geführt. Derendingens Sozialamtsleiter Olaf Wirtz beschreibt die Misere, die sich auch hinter den Kulissen abspielt.

Urs Byland
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Olaf Wirtz, Leiter des Sozialdienstes Wasseramt Ost, schlägt sich mit den Sorgen von Menschen auseinander, die in Schwierigkeiten stecken.

Olaf Wirtz, Leiter des Sozialdienstes Wasseramt Ost, schlägt sich mit den Sorgen von Menschen auseinander, die in Schwierigkeiten stecken.

Die Sozialhilfe, das Auffangnetz für Menschen, die von der Arbeitswelt ausgespuckt wurden – aus welchen Gründen auch immer –, hat mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Immer mehr Menschen werden in die Sozialhilfe geführt. Beispielsweise durch die IV, die die Zügel angezogen hat, damit sie aus der negativen Finanzspirale herauskommt.

Die Menschen, die Sozialhilfe beziehen, werden stigmatisiert. Die Wirtschaft kann die dringend benötigten Arbeitsstellen für Ungelernte nicht mehr bereitstellen. Die Sozialhilfe kämpft aber auch intern mit Problemen. Mit eindringlichen Worten beschreibt Derendingens Sozialamtsleiter die Misere in der Sozialhilfe. Dies in der «SonntagsZeitung», die eine Umfrage bei über Hundert Leiterinnen und Leitern von Sozialdiensten in allen Teilen der Schweiz machte. Wir haben nachgefragt.

Wie schlimm ist es, Olaf Wirtz?

Olaf Wirtz Man kann den Menschen, die hier arbeiten, nicht immer noch mehr aufbürden. Alles hat seine Grenzen. Immer neue Vorschriften müssen umgesetzt werden. Jedes Stück Papier, das von irgendwelchen Ämtern verlangt wird, belastet uns zusätzlich. Eigentlich sollte ja ein Sozialarbeiter mit dem Menschen arbeiten und schauen, wo hat er Defizite und wo Stärken, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

Welche Folgen hat die vielfältige Belastung ihres Personals?

Wir müssen knallhart sieben, weil wir nur in ganz, ganz ausgewählten Fällen einwirken können. Ansonsten fehlt uns die Kapazität. Wir haben 200 Stellenprozente Sozialarbeit, die 130 bis 140 Dossiers erledigen müssen. Der neue Schlüssel im Kanton beträgt 100 Fälle für 75 Prozent Sozialarbeit, hinzu kommt natürlich noch 50 Prozent Administrativkraft. Aber in Realität verzahnt sich das.

Sie wollen mehr Zeit haben, sprich mehr Arbeitskräfte, die Dossiers abarbeiten können?

Es ist ganz einfach: Die Zeit fehlt. Wir haben auch unlösbare Aufgaben. Von uns wird aber verlangt, dass wir sie
lösen.

Was ist eine unlösbare Aufgabe?

Ein Asylsuchender erhält die Aufenthaltsbewillligung B. Dann geht er raus aus dem Asylbereich und kommt meistens direkt zu uns. Wir müssen schnell eine Wohnung finden, er soll sich integrieren und er soll möglichst bald einen Job haben. Ja aber wo sind die Arbeitstellen, wo sind die Wohnungen. Wie kann ich jemanden, der vielleicht ein paar Brocken Deutsch spricht, auf Wohnungssuche gehen lassen und erwarten, dass er etwas findet. Wir haben den Stau, wir kriegen die Leute nicht mehr aus unseren Asylunterkünften raus. Die Maxime lautet: schnell integrieren, möglichst bald in die Gesellschaft rauslassen. Dabei sitze ich stundenlang, bis nur mal ein Formular ausgefüllt ist. Oder die ausgesteuerten älteren Arbeitnehmer. Wie wollen Sie mit denen Stellen suchen. Es gibt keine Stellen. Es ist nichts da.

Welche Stellen fehlen denn?

Solche, wie sie jetzt hier in Derendingen im Logistikcenter geschaffen werden. Stellen für Ungelernte, ganz unteres Segment. Aber die Wirtschaft entledigt sich bei jedem Hauch von Rezession gleich wieder von diesen Leuten. Dann kriegen sie vielleicht zwei Jahre Arbeitslosengeld und dann stehen sie bei uns. Wer mit 55 Jahren entlassen wird, und keinen richtigen Beruf gelernt hat, hat keine Chance. Zum Teil haben sie was gelernt, aber das liegt so weit zurück, die will keiner mehr. Dann kommt noch die IV, die immer mehr Leute für arbeitsfähig erklärt. Sie könnten leichte Tätigkeiten machen, heisst es, deswegen gibt es keine IV-Rente mehr. Aber wohin können wir diese Menschen vermitteln?

Die Schere geht auf.

Ja. Wir haben ja den Sozialdienst, lautet der Tenor, der soll es machen. Es ist so komplex momentan. Je länger ich mich damit befasse, desto kribbeliger macht es mich. Thema Fachhochschulausbildung: Wenn wir heute einen Praktikanten nehmen würden, dann kostet das auch eine halbe Stelle, um den zu betreuen. Zuerst muss jemand von uns einen Kurs besuchen, damit diese Person überhaupt befähigt ist, einen Praktikanten zu betreuen. Da sagt uns die Fachhochschule, was Praxis sein soll. Eigentlich müsste es ja umgekehrt laufen. Wir sind die Praxis. Effektiv braucht es ein Jahr, um einen Praktikanten so fit zu machen, dass er bei uns arbeiten kann.

Haben Sie überhaupt nachrückende Kräfte?

Wenige. Wenn wir zwei, drei Bewerbungen erhalten, welche die entsprechenden Ausbildungen haben, dürfen wir uns glücklich schätzen. Und die richtigen Ausbildungen bilden klar die Grundlage für unsere Zuschüsse aus dem Lastenausgleich. Das ist sicher nicht schlecht, Professionalität ist unabdingbar, aber es fehlt einfach an den entsprechenden Kräften. Nach Möglichkeit mache ich ein Angebot für Wiedereinsteigerinnen. Diese Frauen brauchen wir, denn als Sozialarbeiter auf dem Sozialdienst zu arbeiten, das ist ja nicht die grosse Leidenschaft.

Sie sieben und arbeiten vor allem mit Jungen. Erlaubt dies das Gesetz?

Das Gesetz schreibt uns ja mal gar nichts vor, in dieser Sache. Wir müssen selber abwägen. Ein Beispiel: 55-jähriger arbeitsloser, ausgesteuerter Mann mit Alkoholproblematik. Ich kann den in eine Alkoholkur schicken. Man könnte Schulungsmassnahmen mit ihm machen. Wenn es dann halbwegs läuft, steht er vor der Pension. Da frage ich: Macht das Sinn?

Einem 55-Jährigen, der zu Ihnen kommt, wird durch die Blume ...

... das sagt man so nicht. Wir fordern die Leute schon auf, sich um eine Arbeit zu bemühen, die erforderlichen Nachweise zu erbringen, aber wir können jetzt nicht mehr riesige Massnahmen mit dieser Person machen. Ich würde niemals eine ältere Person dazu zwingen, in eine Frühpension zu gehen, aber wir reden schon Klartext. Sie müssen schon die Mehrfachproblematik sehen. Wenn Sie hier eine Schnapsflasche rausziehen und gleichzeitig sagen, Sie suchen einen guten Job, dann sage ich Ihnen, nein das werden Sie so nicht schaffen.

Warum setzen Sie sich denn für Junge ein?

Nehmen wir das Beispiel einer 23-jährigen alleinerziehenden Mutter. Wenn das Kind drei Jahre alt wird, kann man von ihr verlangen, dass sie etwas arbeitet. Wenn das Kind zwei Jahre alt ist, beginnen wir mit der Arbeit, und schauen, welche Möglichkeiten diese Frau hat, vielleicht eine Berufslehre. Oder ein Junger mit 20 Jahren: hat der keine Berufsbildung, wird es allerhöchste Zeit. Da fangen wir an.

Der Druck ist gross. Wie gehen Sie damit um?

Ich sage meinen Mitarbeiterinnen: Versucht es nicht, mit dem Herzen zu lösen, macht es mit dem Kopf. Das klingt zwar hart. Ich beispielsweise wurde auch schon als herzlos betitelt. Ich habe aber ein zu grosses Herz, wie mir der Arzt erklärte, und ich habe mir deswegen extra ein Ultraschallbild von meinem Herzen mitgeben lassen, das ich nun vorweisen kann. Natürlich ist die heulende Mutter, die nicht mehr weiter weiss, eine traurige Angelegenheit. Es ist traurig, wenn eine junge Frau mit zwei Kindern sitzen gelassen wird, und sich der Vater versucht aus der Alimentenschuld raus zu stehlen. Das ist einfach eine Scheisssituation, und wir können auch nur begrenzt helfen. Die Mutter ist im Moment nicht klar im Kopf und hat nur Sorgen. Wir müssen schauen, sind das wirklich Sorgen, und wie kann man das lösen?

Dabei werden Sie von allen Seiten getreten?

Klar, wir sitzen in der Mitte. Den einen schmeissen wir als Gesellschaft das Geld nur so hinterher und denen unten, denen reicht es nie. Und wir müssen das ausgleichen. Immer mehr hängen in der Fürsorge und die Kassen werden immer leerer. Also versuchen wir zu kürzen, versuchen wir, was da ist, auf mehr Leute zu verteilen. Und wir müssen denjenigen, die das Geld in den Topf reintun, immer wieder Rechenschaft ablegen, was wir mit dem Geld machen. Dass wir nicht Geld zum Fenster rausschmeissen, dass wir nicht Handys kaufen und Autos finanzieren und schöne Wohnungen, sondern dass wir wirklich nur das Existenzminimum sichern.

Wo liegt dieses denn aktuell?

Ein älterer Mann, alleinstehend, der kriegt 980 Franken im Monat, daneben wird ihm der Mietzins und die Krankenkasse bezahlt. Das wars. Bringen Sie mal einen Mann, der vorher 4000 Franken verdiente, auf diesen Level runter. Es gab schon viele Leute, die verzweifelt hier rausgingen, weil wir ihnen geholfen haben. Die hatten Vorstellungen, die man halt so hat. Ich hab einen Hund, ich brauche für zwei. Nein, der Hund ist in diesen 980 Franken mit drin.

Auf den 1.Januar gab es Kürzungen, welche?

Alleinerziehende kriegten früher, solange das Kind nicht drei Jahre alt war, 300 Franken Zuschlag. Seit 1. Januar ist das weg. Früher kriegte einer, der in einem Programm war, 8 Franken Essensgeld zusätzlich. Heute noch 6 Franken. Das klingt im Einzelnen wenig, aber für den Betroffenen ist es viel. Wir müssen umsetzen, was die Politik vorgibt. Die Leute geben aber uns die Schuld und die Politik sagt, seid froh, dass wir nicht mehr gekürzt haben. Die nächste Rezession steht vor der Tür. Mir wird angst und bange. Was ist in zwei Jahren, wenn die auch noch vor der Türe stehen?