Jahresendgespräch
«Im Dorf ist viel verloren gegangen»: Roger Siegenthaler aus Lüterkofen-Ichertswil blickt aufs vergangene Jahr

Roger Siegenthaler bewältigt viele Aufgaben. Im Rückblick beschreibt der 54-Jährige aus Lüterkofen-Ichertswil, wie er das letzte Jahr erlebte.

Urs Byland
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Roger Siegenthaler, Gemeindepräsident von Lüterkofen-Ichertswil.

Roger Siegenthaler, Gemeindepräsident von Lüterkofen-Ichertswil.

Solothurner Zeitung

Zählt man zusammen, welche Ämter Roger Siegenthaler auf sich vereint, verliert man rasch den Überblick. Er ist Gemeindepräsident von Lüterkofen-Ichertswil, Präsident des Verbandes Solothurner Einwohnergemeinden, Präsident der Repla Espace Solothurn und damit auch Präsident der Regiomech.

Von Amtes wegen sitzt er in mehreren Verwaltungsräten, so in der Kebag, in der Solothurnischen Pensionskasse oder im Sportzentrum Zuchwil. Er arbeitet Teilzeit für die Regio Energie Solothurn und hat vor fünf Jahren auch eine eigene Dienstleistungsfirma gegründet.

Roger Siegenthaler, wie haben Sie das letzte Jahr erlebt?

Roger Siegenthaler: Für mich als Mensch, der gerne vernetzt und unter Leuten in Gesellschaft ist, war es ein schlimmes Jahr. Die Kontakte fanden oft über Distanz statt. Sei es politisch oder im Vereinswesen. Technisch funktioniert das zwar, aber menschlich geht viel verloren. Ich konnte feststellen, dass Menschen, die weniger Kontakte hatten, dadurch traurig und teilweise auch sehr einsam geworden sind.

Wie haben Sie reagiert?

Die Gemeindeverwaltung hat schon in der ersten Woche mit einem Schreiben die Einwohner aufgefordert, anderen zu helfen oder sich zu melden, wenn sie Hilfe benötigen. Sei es für den Einkauf oder auch nur, um angehört zu werden. Im Verein haben wir die Möglichkeiten, die blieben, umso mehr geschätzt, und so lange, wie es erlaubt war, wurde geprobt.

In welchem Verein?

In den Musikgesellschaften, die ich dirigiere; die Musikgesellschaft Deitingen seit 14 Jahren und die Harmonie Bätterkinden seit 24 Jahren. Eine Woche vor dem Frühlingskonzert, an welchem wir vor über tausend Zuhörer in Bätterkinden spielen dürfen, mussten wir absagen. Das war brutal, wenn man so stark darauf hinfiebert. Im November musste die Musikgesellschaft Deitingen leider dieselbe Erfahrung machen.

Haben Sie als Gemeindepräsident auch persönlich Kontakt gesucht?

Ich habe meine Kontakte hauptsächlich auf die Familie begrenzt. Ich habe vermehrt telefoniert. Aber es ist hart für jemanden, der gerne gesellig ist, weil das Telefongespräch die Qualität eines persönlichen Kontakts nie erreichen kann.

Wie hat die Coronakrise das Dorf verändert?

Das Dorfleben wird unterdrückt, das Gemeinsame geht verloren. Wir haben einen grossen Turnverein, der jeweils die Fasnacht organisiert. Als der erste Lockdown verordnet wurde, war der Verein gerade in der fertig dekorierten Mehrzweckhalle. Ich war damals auch in der Halle. Wir standen noch ohne Maske und Abstände beisammen. Die jungen Organisatoren verhielten sich sehr verantwortungsvoll und haben den grössten Anlass im Dorf schweren Herzens abgesagt. Auch die Seniorenanlässe mussten abgesagt werden. Dies bereitet mir etwas Sorge. Für einige Senioren sind diese Anlässe eine von wenigen Möglichkeiten zur Pflege von sozialen Kontakten. Mit Corona ist im Dorf für alle etwas und für einzelne Dorfbewohner sehr viel verloren gegangen.

Erfahren Sie von den Coronafällen in Ihrem Dorf?

Einerseits gibt es eine offizielle Liste, zudem ist man auch als Präsident des Verbandes Solothurner Einwohnergemeinden gut informiert, denn der Verband ist Mitglied im kantonalen Pandemiestab. Ich war immer gut informiert.

Heute kann man die Zahlen auf der Kantonsseite nachschauen. Sie hatten bisher insgesamt 21 Coronafälle.

Neben den offiziellen Zahlen und Bericht gibt es auch einen zweiten ausführlicheren, vertraulichen Bericht. Am Anfang war ich etwas enttäuscht, dass die Zahlen nicht gleich sofort für jedes Dorf aufgelistet wurden.

Gab es Coronatodesfälle?

Als Inventurbeamter erfahre ich offiziell von jeder Person, die stirbt. Coronatodesfälle haben wir keine zuverzeichnen, und auch sonst haben wir verhältnismässig wenig Todeszahlen.

Oben sind Ihre Ämter aufgelistet. Sie haben ziemlich viele Jobs.

Ja, dieser Eindruck kann entstehen, wenn man die einzelnen Funktionen genau anschaut, stellt man aber fest, dass ich im Grunde immer dieselben Interessen vertrete. Man könnte fast sagen, in jedem Job habe ich denselben Auftraggeber, denn alles, was ich mache, ist zum Wohle des Gemeinwesens.

Was ist Ihre Motivation, sich für das Gemeinwesen zu engagieren?

Ich bin gerne mit Menschen zusammen und freue mich, wenn es den Menschen gut geht. Dazu muss die Behörde eine gute Basis für die Bewohner schaffen. Wenn die Gemeinde funktioniert, dann geht es dem Kanton und dem Bund gut. Eine funktionierende Gemeinde ist für mich eine Gemeinde, die die Interessen der Bewohner vertritt und einen sparsamen und nachhaltigen Einsatz der Mittel pflegt. Dies ist mir in unserer Gemeinde sehr wichtig.

Da hatte die Gemeinde nach Ihrem Start als Gemeindepräsident aber noch grosse Probleme. Heute schreibt Lüterkofen-Ichertswil schwarze Zahlen?

Die Finanzprobleme hatten wir wegen der drohenden Erbschaftssteuerreform. 2011 schenkten viele wohlhabende Personen Teile ihres Vermögens ihren Kindern. Damals wechselten Milliarden die Hand. Das ist auch uns in Lüterkofen passiert. Wir verloren 30 Steuerpunkte.

Jetzt läuft es aber wieder optimal.

Wir hatten unheimlich Glück mit der Ortsplanung, die zwei Jahre vor dem neuen Raumplanungsgesetz abgeschlossen wurde. Damals konnten wir ziemlich viel Bauland einzonen, das heute bebaut ist mit Einfamilienhäusern. Das hat uns sicher geholfen.

Welche Auswirkung hat die Krise auf die Dorffinanzen?

Corona trifft unser Dorf finanziell weniger stark. Wir hatten geringere Ausgaben. Zudem haben wir die möglichen Einbussen im Steuerertrag im Budget einberechnet. Wir rechnen auch dieses und nächstes Jahr mit den Erträgen unserer grossen Steuerzahler.

Zurück zu Ihren Ämtern. Sie tragen viele Hüte ...

Alles sind Gemeindehüte.

... und die Musik?

... das ist ein Hobby, das brauche ich, um meinen Kopf zu leeren. Wenn ich vor das Orchester stehe, denke ich an nichts anderes. Das Hobby übe ich seit meinem 14. Lebensjahr aus. Ich war im Militär Dirigent und durfte als Spielführer das Spiel Mot Inf Rgt 11 leiten. Das ist etwas vom Schönsten, das ich je erlebte.

Wenn man Sie als Macher bezeichnet, liegt man nicht falsch. Ärgert es Sie, dass es mit dem Regierungsrat nichts geworden ist?

Es hat mich gefreut, dass Leute aus dem Einwohnergemeindeverband und Unternehmer mich gefragt haben, ob ich bereit wäre. Ich habe mich bereiterklärt, mitzumachen. Leider fand die Ausmarchung nicht an einer Versammlung, sondern im Vorstand statt. Ich bin dort, wo etwas passiert, einer hinstehen und Verantwortung übernehmen muss und umsetzt. Das mache ich gerne. Die Konstellation wäre ideal gewesen. Ausser einer Person aus Grenchen stand niemand aus dem oberen Kantonsteil zur Diskussion, natürlich neben der gesetzten Brigit Wyss. In einem zweiten Wahlgang hätte ich mir grosse Chancen ausgerechnet.

Also bleiben Sie weiterhin Teilzeitangestellter der Regio Energie Solothurn. In diesem Jahr gab es im regionalen Strommarkt Konflikte. Und mittendrin Sie.

Bei jedem meiner Hüte, die ich auf den Tisch lege, steht irgendwo Gemeinde drauf. Bei der Regio Energie Solothurn bin ich für kommunale Anliegen zuständig. Da geht es nicht nur um Strom, da geht es auch um Wasser, Gas oder Fernwärme. Grundsätzlich suche ich mit jedem der Hüte sinnvolle Lösungen für Gemeinden. Ich würde keine Dienstleistung meines Arbeitgebers an Gemeinden verkaufen, hinter der ich selber nicht stehen kann.

Am spannendsten sind die Pachten der Stromnetze.

Bei den Stromnetzpachten geht es oft um viel Geld für die Gemeinde. Ich schaffe Transparenz und zeige die Strompreise auf. Letztlich gewinnt das beste Angebot. In meiner Gemeinde befürchteten wir seinerzeit, als die BKW die AEK Energie übernommen hatte, für unsere Gemeinde einen Preisaufschlag. Dieser trat dann auch ein.

Das war der Anstoss für einige Gemeinden, die Pacht neu auszuschreiben.

Genau. Hier ist meines Erachtens jeder Politiker verpflichtet, für seine Gemeinde das Beste herauszuholen. Es sind im Übrigen nur wenige Gemeinden im Kanton, die noch ein eigenes Netz haben und auswählen können. Und die meist nebenamtlichen Politiker in den Gemeinden sind froh, wenn ihnen jemand das nötige Wissen vermittelt. Meine Empfehlung: Nimm ein Büro, lass dich beraten und schreibe aus.

Aber es mutet seltsam an, wenn Ihr Dorf das Stromnetz neu verpachtet, eine Ausschreibung macht – Sie waren im Ausstand –, aber nur eine Offerte erhält, die von Ihrer Firma.

Die AEK Energie war anfangs mit dabei, aber deren Chefetage entschied frühzeitig, sich zurückzuziehen.

Gab es etwas Positives in diesem Jahr?

Sicherlich ist es dieses Jahr schwieriger, Positives zu erkennen. Ich freute mich über persönliche Kontakte mit netten Menschen und über Erfolge auch in der Politik.

Was wünschen Sie sich 2021?

Dass alles besser wird und Begegnungen wieder uneingeschränkt möglich werden.

Roger Siegenthaler

«Ich bin kein Mann der feinen Worte. Ich komme schnell auf den Punkt, und ich mag niemandem Honig um den Mund streichen.» Aber: «Wenn im Orchester einer falsch spielt, muss man es ihm gleich sagen, sonst kommt man nirgends hin. Und man muss von jedem wissen, wie man es ihm sagen darf.» An einem Rednerpult vor 300 Personen könne er es nicht allen recht machen. Der 54-Jährige mit Bürgerort Eggiwil wohnt zuoberst im Dorf an der Strasse nach Nennigkofen. «Ich konnte das Haus vor 25 Jahren dem Unternehmer Georg Levy (Levy-Picard) abkaufen. Hätte meine Grossmutter ihren Heimatort behalten dürfen, so wie es heute möglich ist, dann wäre Lüterkofen mein Heimatort. Dort drüben ist mein Grosselternhaus.» Er zeigt mit der Hand im Sitzungszimmer der Verwaltung zum Fenster hinaus. Seine Grossmutter, geborene Stuber, habe einen Siegenthaler geheiratet. Er sei ein Ur-Bucheggberger.

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