Die Bühne steht bereit. Sie ist so gross wie 23 Fussballfelder und hat eine Möblierung, die im Lauf der letzten 125 Jahre etwas Rost angesetzt hat. Einen 60 Meter hohen Säureturm zum Beispiel. Dazu mit Schlacke und Quecksilber belastete Böden, die saniert werden müssen. Nun will die neue Eigentümerin, die Zürcher Immobiliengesellschaft Halter, die Brache des Attisholz Nord neu bespielen. Damit deren Bedürfnisse umgesetzt werden können, muss das erst 2014 genehmigte Teilleitbild aktualisiert werden. Heute Abend wird die Bevölkerung über die Neuerungen informiert. Bereits vorher trafen wir vier Akteurinnen und Akteure, die die Planung eng begleiten. Was haben sie im Attisholz Nord vor?

Andreas Campi, der Visionär

Wenn Andreas Campi in die Zukunft blickt, sieht er auf dem Attisholz-Areal ein neues, urbanes Quartier, wo Menschen wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Dabei soll der Wohnanteil mit 50 bis 80 Prozent gegenüber Gewerbe und Dienstleistungen klar überwiegen.

Bis 2040 sind 750 bis 1200 neue Wohnungen vorgesehen, sagt der Leiter Entwicklung bei Halter. Damit könnte sich die Einwohnerzahl von Riedholz verdoppeln. Weil dies Ängste wecken kann, betont Campi, wie langfristig das Generationenprojekt ausgelegt ist, und dass es in verträglichen Schritten entstehe. «Wir gehen davon aus, dass in den ersten zehn Jahren zwischen 150 und 250 Wohnungen entstehen.» Die bis dahin rund 400 neuen Dorfbewohner nennt Campi «Experimentalisten und Individualisten».

Es seien Pioniere, die es schätzen würden, auf einem Areal zu leben, wo die reiche, industrielle Vergangenheit noch spürbar sei und die Infrastruktur, etwa ein Lebensmittelladen, noch nicht ausgebaut sei. Dabei denkt er sowohl an günstige Logis für die Studentin wie an das gehobene Wohneigentum für den Firmenchef. «Wir bieten Wohnraum für jedes Bedürfnis.» Die Mietpreise dürften anfänglich tiefer sein und mit fortschreitender Entwicklung zum angesagten Quartier auch teurere Segmente umfassen. Bei der Mobilität und der nachhaltigen Energieversorgung sollen Trends gesetzt werden.

In Sachen Raumverbrauch sieht Campi hingegen keine Veränderung. So lange der Wohlstand hoch bleibt, werde die Wohnfläche pro Person nicht sinken. Um die grüne Wiese zu schonen, müssten die Häuser bei zunehmender Bevölkerung in der ganzen Schweiz in die Höhe wachsen.

In der ersten Phase werden auf dem Attisholz-Areal 100 Arbeitsplätze entstehen. Schon bald ist das frühere Direktionsgebäude der Zellulosefabrik ausgelastet, berichtet Campi. Unter anderem habe sich eine Firma aus dem Pharmabereich eingemietet. Eine Folge der Ansiedlung der US-Firma Biogen. Im Endausbau könnten bis zu 2200 Menschen im Attisholz Nord eine Arbeitsstelle finden.

Jasmine Huber, die Chefin

Für Jasmine Huber, Gemeindepräsidentin von Riedholz, ist die Entwicklung des alten Industriegeländes ein Glücksfall. Dass mit der Halter AG eine Investorin das gesamte Areal besitze, mache die Planung für die Gemeinde steuerbar. Huber denkt aber auch an die Risiken. Schliesslich erhält das ohnehin schon verzettelte Dorf neben Niederwil eine weitere Satellitensiedlung.

Für die Gemeindepräsidentin steht die Entwicklung aber in einem grösseren geschichtlichen Zusammenhang. Tatsächlich sei das Attisholz immer der zentrale Dorfteil gewesen. «Während oben in den 1950er-Jahren erst einige Häuschen standen, brummte unten an der Aare der Motor im Vierschichtbetrieb, und zwar das ganze Jahr hindurch.» Über 1000 Menschen arbeiteten zu den besten Zeiten in der Zellulosefabrik und bescherten der Region Wohlstand.

Eine weitere Chance sei das Angebot an Mietwohnungen, die in der stark wachsenden Gemeinde auf Nachfrage stossen dürften. Bisher ist Riedholz fast ausschliesslich mit Einfamilienhäusern bebaut. Auch Gewerbeland ist in der Leberberger Gemeinde kaum mehr vorhanden.

Möglichen Kritikern des Grossprojekts erwidert Huber, dass die Überbauung an der Aare, abgetrennt durch den Wald, weniger störe als im bestehenden Siedlungsgebiet. Bereits nach zehn Jahren dürfte die Gemeinde zudem mit zusätzlichen Steuereinnahmen von rund einer Million Franken rechnen.

Thomas Ledermann, der Experte

Thomas Ledermann hat diverse Leitbilder für Gemeinden erarbeitet. Das Attisholz Nord bezeichnet er aufgrund der Grösse und Komplexität aber als herausragend. «Trotz Beispielen in der Region wie der früheren Papierfabrik in Biberist oder dem Riverside-Areal auf dem Sulzer-Gelände in Zuchwil ist das Attisholz ein Spezialfall, der mehr verlangt.» Entsprechend stark soll die Bevölkerung einbezogen werden. Die zweimonatige Mitwirkungsfrist sei lang angesetzt, mehrfach werde in Sprechstunden transparent über den Fortschritt informiert. Das zahle sich für die Investorin langfristig aus, weil weniger Missverständnisse entstehen – und wohl auch weniger Einsprachen eingehen.

Massgebliches Landschaftselement ist laut dem Geografen die Aare. Heute sei der Uferbereich entlang der ehemaligen Fabrik hart verbaut, gegen Solothurn hin werde er natürlicher. Dies soll auch so bleiben. Thomas Ledermann schlägt vor, die geplante Promenade mit verschiedenen Nutzungen zu bespielen. «Was gibt es Attraktiveres, als am Ufer in einem Café zu sitzen oder ein Glacé zu essen?» Entsprechend sieht das Leitbild Gastronomiebetriebe vor.

Ledermann verweist auf den Landhausquai in Solothurn, der den Uferbereich stark aufgewertet hat. Wichtig sei zudem die öffentliche Zugänglichkeit, etwa mit Stegen. Schliesslich soll der Naturraum an der Aare mit der Planung auf der Südseite abgestimmt werden. Dort baut der Kanton einen Uferpark. Auch der Veloweg soll daran angebunden werden.

Pia Ringenbach, die Kommissionspräsidentin

Als Präsidentin der Ortsplanungskommission kommt Pia Ringenbach eine wichtige Rolle im Entwicklungsprozess zu. Bei ihr laufen die planerischen Fäden des Attisholz-Areals zusammen. Ringenbach betont die Wichtigkeit eines lebendigen und vielseitigen Quartiers. Um die Zersiedlung entsprechend den raumplanerischen Grundsätzen auf nationaler Ebene einzudämmen, müsse das Quartier in die Höhe wachsen. «Eine höhere Dichte ist zentral.»

Gemäss aktualisiertem Teilleitbild sind Hochhäuser im Attisholz zulässig. Dabei müssen aber die Topografie sowie die bestehenden Hochpunkte berücksichtigt werden, konkret etwa der Säureturm und der Kamin. Wie hoch die Bauten werden dürfen, ist indes im Leitbild nicht definiert. Ringenbach gibt zu bedenken, dass bereits die geschützte Kiesofenhalle 25 Meter hoch ist und somit nach landesweit gängiger Regel als Hochhaus gilt. Andere frühere Produktionsgebäude sind sogar bis gegen 40 Meter hoch.

Auch am anderen Ufer bei Biogen werde in die Höhe gebaut. Zwingend vorausgesetzt für Hochhäuser sei ein qualitätssicherndes Verfahren. Das soll mittels Studienaufträgen an Architekturbüros sichergestellt werden. Ebenso wichtig sei die Qualität des Aussenraums. So sollen im dicht bebauten Gebiet auch Freiräume entstehen, etwa dank Plätzen, Gassen und der Nähe zum Landwirtschaftsland und zur Aare.

Und wie sieht es mit zusätzlichem Schulraum aus? Dieser sei in der ersten Phase nicht notwendig. Pro Schuljahr werden drei bis fünf Kinder erwartet. Sie können in die bestehenden Schulhäuser integriert werden.

Infoveranstaltung zum aktualisierten Teilleitbild Attisholz Nord: Heute Montag, 19 Uhr, Turnhalle Riedholz. Danach läuft die Mitwirkung bis am 25. August.