Wer keine nahen Angehörigen hatte, endete im Grab der Unbekannten. Auch Armengenössige oder Tote, deren Identität nicht mehr festgestellt werden konnte, wurden anonym bestattet. Das ist lange her. Doch die Idee von gemeinschaftlichen Gräbern lebt weiter, ja sie ist so beliebt wie nie zuvor. Immer mehr Menschen wünschen sich eine Bestattung in einem Gemeinschaftsgrab. Und seit die Namen der Verstorbenen aufgeführt werden, eingraviert auf einer Tafel etwa, werden die traditionellen Formen der Erdbestattungen und Urnengräber weniger nachgefragt.

Das zeigt sich auf den Friedhöfen der Region. In Aeschi wurde am vergangenen Wochenende ein neues Gemeinschaftsgrab eingeweiht. Im Anschluss an einen ökumenischen Gottesdienst wurde die Anlage von der reformierten Pfarrerin Monika Garruchet vom Pfarrkreis Subingen-Aeschi und von Pfarrer Beat Kaufmann von der Pfarrei St. Urs und Viktor gesegnet. 300 Menschen werden dort ihre letzte Ruhe finden. Für die kommenden Jahrzehnte sollte der Platz ausreichen. Auf einem steinernen Streifen neben einem Brunnen mit fliessendem Wasser können die Namen in eine Messingplatte eingraviert werden. Der Platz für die Urne indes kann nicht ausgewählt werden. Gepflegt wird die überkonfessionelle Anlage, wie der Rest des Friedhofs auch, von der Gemeinde.

Für alle Religionen offen

Zwar gibt es in Aeschi bereits ein Gemeinschaftsgrab. Dieses ist inzwischen aber voll besetzt. Zudem können dort keine Urnen, sondern allein die Asche beigesetzt werden. Zu Beginn geschah dies anonym. «Doch seit die Namen der Verstorbenen eingraviert werden können, steigt der Wunsch nach Bestattungen im Gemeinschaftsgrab», sagt Ueli Flury, Präsident der Friedhofskommission.

Zudem werde die Beisetzung in einer Urne würdevoller empfunden. Bereits finde in Aeschi die Hälfte aller Bestattungen auf dem Gemeinschaftsgrab statt.

Ein Gemeinschaftsgrab gibt es unter anderem auch in Langendorf, wie Pfarreikoordinator Gilbert Schuppli sagt. Weil dieses an Grenzen stiess, musste es vor einigen Jahren erweitert werden. Erst im Juni wurde auf dem Friedhof Bleichenberg in Zuchwil ein neues Gemeinschaftsgrab für alle Religionen und Konfessionen eingeweiht.

Erste Katholiken kremiert

Die steigende Nachfrage nach Gemeinschaftsgräbern ist statistisch erfasst. Roland Meyer von Messer Begleitung und Bestattung in Solothurn führt Buch über die Bestattungen. 95 Prozent werden inzwischen feuerbestattet, wobei der Anteil in der Stadt und Agglomeration noch immer höher sei als in ländlichen Gebieten. Sogar unter Katholiken aus Südeuropa, die früher noch im Sarg in die alte Heimat überführt wurden, würden die meisten inzwischen in der Schweiz bestattet und die ersten bereits kremiert. Die Firma Messer ist in den Bezirken Solothurn, Lebern, Bucheggberg und Wasseramt tätig.

Von allen Kremationen werden 49 Prozent in Gemeinschaftsgräbern bestattet, 26 Prozent werden gar nicht mehr auf Friedhöfen bestattet. Die Asche wird etwa im Wald verstreut, in der Aare, im Garten oder auf dem Sideboard zu Hause aufbewahrt. Das ist in der Schweiz grundsätzlich möglich. «Es gibt so viele Ideen dazu, wie es Menschen gibt», sagt Meyer. Dieser Trend sei eine Zeiterscheinung. «Der Einfluss der Kirche wird kleiner. Zudem wird das Individuum wichtiger, die Bedeutung der Gemeinschaft nimmt ab.»

Früher hätten Grossfamilien oft in der gleichen Region gelebt. Durch zunehmende Mobilität seien Angehörige von Verstorbenen inzwischen im ganzen Land oder auf verschiedenen Kontinenten verstreut. Manchmal dauere es bei Beerdigungen mehrere Tage, bis die Verwandten angereist seien. Zudem haben Menschen weniger Nachkommen als noch vor
Jahrzehnten. Damals habe man mit der Familie oft einen Sonntagsspaziergang
unternommen, der über den Friedhof und zu Gräbern von Verwandten führte. «Man war mit dem Bestattungsbrauchtum vertraut.»

Bescheiden auch nach dem Tod

Auch die persönliche Bescheidenheit führe zu grösserer Nachfrage nach Gemeinschaftsgräbern, weiss Roland Meyer. Paare, die jahrelang die Gräber ihrer Eltern pflegten, wollen dies ihren Kindern nicht mehr aufbürden. «Bei der älteren Generation findet ein Umdenken statt.»

Und welche Rolle spielen die Kosten? Schliesslich sind Gemeinschaftsgräber finanziell weniger aufwendig. «Die Kosten spielen oft eine untergeordnete Rolle, sonst hätten wir nicht regelmässig Beisetzungen von Auswärtigen in einem Gemeinschaftsgrab in der Region, das 3000 Franken kostet», sagt Meyer. Die Gebühren werden von jeder Gemeinde individuell festgelegt und sind sehr unterschiedlich.

Durch die zunehmenden Gemeinschaftsgräber verändern die Friedhöfe ihr Bild. Die klassischen Grabsteine werden immer weniger. In Aeschi geht man jedoch nicht davon aus, dass der Friedhof deswegen vereinsamt – im Gegenteil. Geht es nach dem Wunsch von Ueli Flury, wird der Friedhof vermehrt zum Ort der Begegnung. Parkbänke, eine schattenspendende Pergola oder Bäume laden zum Verweilen ein. Dank Gemeinschaftsgräbern soll der Friedhof zum Ort der Gemeinschaft werden.