Sommeroper

Holländerschiff ankert in Selzachs Opernbucht – und begeistert alle

Jordan Shanahan hinterlässt in der Titelpartie des «Holländers» den stärksten Eindruck aller Solisten.

Jordan Shanahan hinterlässt in der Titelpartie des «Holländers» den stärksten Eindruck aller Solisten.

Stehende Ovationen bei der gelungenen Premiere des «Fliegenden Holländers» im Passionsspielhaus Selzach.

Wild pfeift der Sturm, dumpf rauscht das Meer, schwungvoll erklingt die Ouvertüre. Der (lange) Blick auf die Wogen lässt Hörende ihr eigenes Kopfkino erleben, weist auf die mystische Aura und musikalische Qualität des Kommenden hin. Dabei meinte Hansjörg Hack – mit René Kunz Mitbegründer des Opernreigens – beim ersten Inspizieren des Passionsspielhauses: «In dieser Scheune kann man doch keine Oper machen.»

Als er sich mit Mozart, Lortzing und Nicolai erfolgreich widersprach, schien das Spielopern-Konzept zementiert. Bis Thomas Dietrich das Erfolgsmodell mit Offenbach und Gounod um dramatische Komponenten erweiterte. Während Opernenthusiasten oft unter einem Zuviel an Regionalbezügen litten, traf genau diese Masche den Nerv des breiten Publikums.

In einem waren sich die Fraktionen jedoch einig: Ein Wagner-Epos in diesem Ambiente überstieg die Vorstellungskraft. Erneut wurden Besserwisser vom Gegenteil überrascht: Das Dreissig-Jahr-Jubiläum der Sommeroper Selzach katapultierte das Geisterschiff von Wagners Holländer ins Passionsspielhaus. Wobei dessen Holzkonstruktion nicht nur als Hafenpier, Schiffsdeck, Seemannskneipe und Spinnerei-Fabrikhalle überzeugt, sondern wohl als Oskar Fluris Meisterstück in die Annalen eingehen wird. Die kleine Bühne wird monumental zum szenischen Visualisieren genutzt, unterstrichen von der einfach superben Lichtregie von Sigi Salke.

Ein gelungener Höhenflug

Dem Dirigenten Constantin Trinks, Regisseur Dieter Kaegi und Ausstatter Oskar Fluri ist zweifellos ein Höhenflug geglückt. Der Pferdefuss dabei: Ob das komödiengewohnte und nicht unbedingt Bayreuth zugewandte Publikum die finstere Handlung und düster bebilderte Geschichte um Seelen in Not goutiert, wird sich zeigen. Zumindest die Pausengespräche an der Premiere lassen daran zweifeln.

Dabei realisierten die Verantwortlichen erstmals eine werkgetreue Opernaufführung, die auch musikalischen Vergleichen standhält: Ohne eingeschobene Dialoge und mit hervorragend spielendem Orchester. Constantin Trinks koordiniert und animiert die Mitwirkenden vor und auf der Bühne. Leitet stringent, zupackend, mit klug aufgebauter Dynamik, lässt das blendend disponierte Orchester zum eigentlichen Star werden. Trinks weiss auch die Stärken und Schwächen des Laienchores (einstudiert von Valentin Vassilev) gut auszutarieren. Spürt frisch und inspiriert der Dramatik der Musik nach, das Orchester spielt flüssig und elegant.

Überzeugender «Holländer»

Der Wagner-Experte lässt jede Solistenstimme sich voll entfalten. Wobei Jordan Shanahan in der Titelpartie den stärksten Eindruck hinterlässt. Sein Holländer ist weder Dämon noch Geist, sondern ein Leidender, der bewegt. Der Schmerz des Verdammten durchdringt förmlich sein Singen. Alexandra Lubchansky besitzt einen lyrischen Sopran, singt als Senta wichtige Passagen beseelter und wohlklingender als manche Hochdramatische.

In der gefürchteten Ballade glänzte sie mit fein dosierter Dynamik und Intensität. Im Schlussbild verstärkte sich leider das Vibrato unangenehm. Ladislav Elgr verkörpert den Erik mit expressiv geführtem, zum Forcieren neigenden Tenor und ausdrucksstarkem Spiel. Pavel Daniluk verlässt sich als geldgieriger Kupplervater zu sehr auf den Wohlklang seines Basses, auf Kosten stilvollen Phrasierens und Gestaltens. Bemerkenswert wendig Konstantin Nazlamov als Steuermann und Astrid-Frédérique Pfarrer als Mary in den kleineren Rollen.

Von einer motivierten Besatzung ermöglicht, ankerte das von stehenden Ovationen begleitete Premieren-Schiff in der Selzacher Opernbucht. Am 5. August werden Karsten Mewes als Holländer und Liine Carlsson als Senta die Segel hissen und mit den Zuhörenden in Wagners sinnliche Klangwogen eintauchen.

«Der Fliegende Holländer» wird bis und mit 21.  August gespielt. Infos gibt es hier.

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