Im Wohnzimmer ertönt das Telefon. Verena Antener entschuldigt sich kurz. «Jemand will einen Anlass auf dem Inseli organisieren», sagt sie, nachdem sie den Hörer aufgelegt hat. Dieses Mal sei es eine Pfadfinderin, die anfragt, ob sie mit ihrer Gruppe auf dem Aareinseli in Selzach zelten dürfe.

Die meisten wüssten inzwischen Bescheid und würden nicht mehr anfragen. «Ich habe ihr gesagt, dass wir nichts dagegen hätten, aber sie müsse sich an die Gemeinde wenden. Die sollen das entscheiden.» Verena Antener ist sauer. Die Enttäuschung, dass sie nun mit der Gastronomie auf dem Aareinseli kein Geld mehr verdienen darf und nichts mehr beitragen kann zum Einkommen, ist nach wie vor gross. Und dass der Sohn seine Obstbaumplantage wieder bodeneben machen muss, geht ihr ans Gemüt.

Dieser Bescheid des Kantons hat seine Spuren hinterlassen. Verena Antener geht es gesundheitlich nicht mehr gut. Bittere Ironie des Schicksals: Ihr Sohn muss gesunde Apfelbäume ausreissen. Seit diesem Bescheid kann sie kein Obst mehr ohne Folgen essen. «Ich habe mich immer gefragt, was das heisst, wenn man von einem Menschen sagt, der sei gebrochen. Das ist mir passiert. Jetzt weiss ich es.»

Klauen schneiden statt wirten

Simon Antener öffnet die Stubentür und setzt sich an den Tisch. Er ist wieder öfter unterwegs in seinem Nebenerwerb als Klauenschneider. «Von irgendetwas müssen wir ja leben.» Draussen auf der Wiese fressen neun Kühe und einige Kälber den Löwenzahn.

Die Muttertierhaltung hilft neben dem Feldanbau, dass der Hof weiterhin als Landwirtschaftsbetrieb Gelder erhält. Aber seine Frau ist mit seinem Job auswärts nicht glücklich. «Er fehlt überall auf dem Hof. Und was soll ich hier überhaupt noch machen, wenn ich weiss, dass es nicht weiter geht.»

Eine Spezialzone

Das düstere Bild hellt sich im Gespräch mit Selzachs Bauverwalter Thomas Leimer etwas auf. «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, sich Gedanken zu machen im Hinblick auf den bevorstehenden Generationenwechsel.» Leimer sagt dies, weil Selzach gerade den Ortsplan revidiert. «Insbesondere, wenn man zu wenig Land besitzt», fügt er an und denkt dabei ans Aareinseli.

«Im Rahmen der Ortsplanungsrevision können Anliegen eingebracht werden.» Vom Aareinseli habe er aber noch von keinem konkreten Anliegen vernommen. «Wenn etwas ins Auge gefasst wird, dann soll das innerhalb des nächsten halben Jahres gemeldet werden.» Ob von der Gemeinde aus etwas unternommen werde, sei nicht sicher. «Das öffentliche Interesse ist nicht gegeben.»

Im Fall des Aareinselis seien sich aber alle einig, dass es eine spezielle Situation sei. Das Inseli liegt in der Witi-Schutzzone, ist Kantonales Naturreservat und wird zusätzlich überlagert von der Kantonalen Uferschutzzone. Zudem wird das Inseli bewirtschaftet. Künftig sei, so Leimer, etwas mehr nötig, als die extensive Bewirtschaftung, wie sie in den 70er-Jahren festgelegt wurde. Nur wie viel ist «etwas mehr»?

Er könne sich die Errichtung einer Spezialzone vorstellen. «Das ist vielleicht ein möglicher Weg, um mit allen Akteuren darüber zu diskutieren, was auf dem Inseli gemacht werden darf und was nicht. Eigentlich wollen ja alle, dass das Inseli bewirtschaftbar bleibt.»

Unterstützung fürs Inseli

Einer, der ebenfalls in diese Richtung denkt, ist Kantonsrat Markus Dietschi. Der Selzacher Landwirt ist Mitglied der Kommission, die die Ortsplanung in die Hand nimmt. Noch habe keine Sitzung stattgefunden, deshalb könne er seine persönliche Meinung kundtun, die er aber auch vertreten werde.

«Ich finde, man soll für eine Lösung schauen, die allen hilft.» Dabei gelte es herauszufinden, was wünschbar und gleichzeitig gesetzlich möglich ist. Er habe Kontakt mit Adrian Antener aufgenommen, Vertreter der künftigen Generation auf dem Aareinseli, denn er sei auf den Rückhalt der Familie Antener angewiesen. Weil er mit dem seinerzeitigen Entscheid der Behörden Mühe habe, will er sich nun einsetzen. «Die Aareinsel ist ein Wahrzeichen von Selzach, denn sie ist die einzig bewohnte Flussinsel in der Schweiz.»

Adrian Antener ist froh um die Unterstützung durch Dietschi. Aktuell könne er sich kaum vorstellen, was möglich sein wird. «Neben der Bewirtschaftung von 8 Hektaren müsste ich nebenbei arbeiten gehen. Aber welcher Arbeitgeber kann mir die Flexibilität geben, die die Bewirtschaftung erfordert?» Möglicherweise würde er das Land kurzfristig verpachten, bis eine Lösung möglich würde. «Das könnte mir etwas Luft verschaffen, ein anderes Konzept zu erarbeiten», so der gelernte Baumschulist.

Starker Wille

Simon und Verena Antener werden nicht mehr wie früher Gastgeber auf dem Aareinseli spielen können. Eine Ortsplanungsrevision dauert Jahre. Aber Simon Antener hat einen starken Willen. «Wer weiss, was in zwanzig, dreissig Jahren sein wird.» Sein oberstes Ziel sei es, den Landwirtschaftsbetrieb aufrecht zu erhalten, bis der Sohn übernimmt. Und Hoffnungsschimmer zeichnen sich auch für seine Frau ab.

Zwar wurde Anteners Generationenprojekt eine Absage erteilt, und ein weiteres gemeinsames Leben der Familie auf der Insel beinahe verunmöglicht. Aber die Tochter will mit dem Enkelkind bald vom fernen Oberland in die Nähe wohnen kommen. Dann könnte Verena Antener ihrer Tochter helfen und Grossmutter sein.