Es ist seine Mutter, die den Kaffee serviert. Die Mutter ist auch Managerin und deshalb mit dabei, wenn Jonas Straumann mit den Medien spricht. Der junge Mann hat Erfolg. Im grau gestrichenen Kellerzimmer, seinem Geschäftsraum, steht ein Schlagzeug. An der Wand hängen Gitarren und am Arbeitstisch flimmern die Bildschirme.

Jede Ausgabe seiner Zeitschrift «hearZONE.net» wird von 10- bis 20 000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gelesen. Zusammen mit fünf Helferinnen und Helfern aus Deutschland textet er die Beiträge des Internet-Magazins für Hörbehinderte. Jonas Straumann ist ebenfalls hörbehindert. 60 bis 70 Seiten monatlich produziert das Team. Eigentlich wäre man reif für eine gedruckte Ausgabe. Noch fehlt aber ein Investor, der Jonas Straumanns Start-up auf die Beine hilft.

Mit Feuer und Leidenschaft

Aufgefallen ist Jonas Straumann im Fernsehen durch eine Werbekampagne der «Generali»-Versicherung. Im Spot erzählt er von sich und macht damit beste Werbung für die Versicherung. «Gefunden haben sie mich wahrscheinlich wegen meines Internet-Magazins.» Deshalb ist auch ein Vertreter der Versicherung mit dabei beim Kaffee. Alle wollen dem jungen Mann helfen. Jonas Straumann rollt die Augen. Er könne sich schon behaupten, will er sagen, aber er akzeptiert die Geschäftsregeln.

Der junge Mann ist Gold wert. Er hat etwas, was andere nicht haben. Charisma, diese Fähigkeit, andere Menschen zu fesseln. Mit seiner Präsenz und seinem Willen, seinem unergründlichen Wesen und seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein lässt er dem Gegenüber keine Wahl. Man muss und will ihm zuhören. Trägt seine Hörbehinderung auch mit dazu bei? Er hat Fehler in der Satzstellung, manche Buchstaben kommen wie verwischt über seine Lippen, was die Aufmerksamkeit des Gegenübers schärft.

Mit seiner Leidenschaft und seinem Feuer macht Jonas Straumann die Auswirkungen seiner Hörbehinderung mehr als wett. Dabei ist er sicher schwer hörbehindert. Wendet man das Gesicht nicht ihm zu, hat er kaum eine Chance, das Gespräch zu verstehen. Er muss zu seiner beschränkten Hörfähigkeit zusätzlich von den Lippen lesen können. Ein Handy hat er, aber kontaktieren kann man ihn nur per SMS. Mit dem Hörgerät höre er rund ein Viertel eines normal Hörenden. «In der Wüste, ohne Hörgerät und ohne Batterien, gelte ich als gehörlos», scherzt der 20-Jährige.

Einstufungen wie schwer oder leicht hörbehindert ärgern den jungen Mann, der zusammen mit seiner Mutter in Gerlafingen in einem kleinen Hausteil lebt. «Es ist ein Problem der Gehörlosen, dass sie sich gestützt auf ihr Hörvermögen soziokulturell definieren.» Sozial betrachtet, gehöre er nicht zu den Gehörlosen, weil er mit den Normalen kommunizieren könne. «Ich werde als leicht schwerhörig eingestuft.» Kein Fall für Jonas Straumann. Er will aufklären. «Ich will die Barrieren abbauen und strebe eine gemeinsame Definition für die Gruppe der Gehörlosen an.» Ganz schön vollmundig, denkt man. Aber mit «hearZONE.net» geht er bereits einen Schritt in diese Richtung.

Jonas Straumann ist zufrieden mit seiner Hörfähigkeit. «Ich kann mich kommunikativ durchsetzen. Ich habe nicht das Bedürfnis, besser hören zu wollen.» Er kümmere sich gar nicht um die Frage, ob er den Gesprächspartner versteht oder nicht. Das sei schon immer so gewesen. «Wenn man eine hörende Familie hat, lernt man, sich mit der Lautsprache durchzusetzen.» Für das Erlernen der Gebärdensprache hatte er nie Zeit gefunden. Untypisch sei das für einen Menschen mit seiner Hörbehinderung. «Ich hatte keinen anderen Weg, ich musste die Sprache lernen. Ich war ein Einzelkämpfer.»

Poet, Aktivist und Journalist

Das ist er weiterhin. Mit seinem Aussehen hätte der gebürtige Grenchner kein Problem, eine Freundin zu finden. Aber das will er nicht. «Es heisst ja immer die Liebe des Lebens und am Schluss heisst es nur noch Lebensabschnittspartner.» Gut möglich, dass die familiären Probleme in seiner Jugend mit zu dieser Einschätzung beitragen. Ihn interessiert nicht die Beziehung zu einzelnen Menschen. Seiner extrovertierten Art entsprechend, sucht er die Masse, etwa mit seinem Magazin. «Ich bin zwanzig, ich will etwas aufbauen.» Da nehme er gerne in Kauf, ein Einzelgänger zu sein.

Die Idee für sein Magazin hatte er in Interlaken. Die letzten Jahre besuchte er dort ein Internat und absolvierte das KV. Dort erfuhr er aber auch Neid und fühlte sich gemobbt. «Es gibt immer Menschen, die eifersüchtig sind.» Jonas Straumann zog sich zurück, was aber mit ein Auslöser war für sein jetziges Geschäft mit dem Magazin für Hörbehinderte. «Ich verbrachte Stunden am Computer, und da kam mir auf Anstoss eines Musikproduzenten die Idee.» Eigentlich hätte er für die Prüfungen lernen sollen. Aber er arbeitete vor allem am Aufbau des Magazins. Wie so oft schätzte sein Umfeld, Lehrbetrieb, IV und Lehrerschaft, Jonas Straumann falsch ein. Man prophezeite ihm ein Versagen. «Am Schluss hatte ich den zweitbesten Abschluss.»

Jonas Straumann, laut Eigenwerbung ein junger, frischer Poet, Musiker, Aktivist und Journalist, ist ein Mensch, der sich dagegen wehrt, als Hörbehinderter keine Perspektiven haben zu dürfen. Erreicht hat er schon viel. Das Feedback auf die Werbung mit der Versicherung ist gross. Plötzlich werden seine Werbeanfragen beispielsweise an die Adresse von Akustikfirmen beantwortet. «Ich habe Schub erhalten auch für meine Anliegen mit meinem Magazin.»