Regionalturnfest

Hier etwas mehr Akrobatik, da etwas mehr Kunst

Ob altersmässig schon näher der AHV als dem Lehrlingslohnkonto mit Vorzugszins – Vereinsturnen vereint die Turnerfamilie zum vereinten Wettstreit. So auch am Regionalturnfest in Bellach.

Hier sind es Salti, Schrauben, Hecht- und Konter-Elemente über dem Holm am topmodernen Stufenbarren, da ist es ein Schwebesitz oder ein Kauerhang am Stufenbarren, wie wir ihn alle aus der Schulzeit kennen. Hier ein kolossaler Doppelsalto mit anderthalb Rotationen als Abgang, da ein sanftes Ausleeren rückwärts über den hohen Holm. Hier die, die Steingruber, Barloggio oder Kaeslin heissen; da die, die vielleicht Studer, Christen oder Senfgurtner heissen. Alle gehören sie zur grossen Turnerschar.

Die einen werden dafür bezahlt, dass sie täglich stundenlang üben und sich rudelweise blaue Flecken einfangen, damit sie die Schweiz einst ehrenvoll an Titelkämpfen und Olympischen Spielen vertreten dürfen; die anderen bezahlen ihren Mitgliederbeitrag, damit sie ein-, zweimal pro Woche mit ihren Vereinskolleginnen und -kollegen munter mitturnen und sich auf das nächste Fest vorbereiten dürfen.

Niemand missgönnt den Erfolg

Während für die Stars der Kunstturnszene das akrobatische Element erstrangig ist, glänzen die Vereinsturnerinnen und -turner immer wieder mit künstlerischen Einlagen, die mitreissen. Die effektvollen Bilder, die die Aktiven im Rahmen einer Gerätekombi, einer Gymnastik Bühne, Team-Aerobic oder einer Klein- oder Grossfeldgymnastik zu fetziger Musik auf den Rasen oder in die Hallen zeichnen, begeistern das Publikum.

Damenriege Lommiswil beim Team Aerobic am Regionalturnfest in Bellach

Damenriege Lommiswil beim Team Aerobic am Regionalturnfest in Bellach

Angefeuert werden die Aktiven dabei von Freund und «Feind». «Wir unterstützen uns alle gegenseitig und freuen uns füreinander», sagt Matthias Glutz, Leiter bei Biberist aktiv. Dem anderen den Erfolg missgönnen tut hier niemand – zumindest nicht hier am Regionalturnfest des RTV Solothurn und Umgebung in Bellach. Hier wird im Hinblick auf eine allfällige Resultatoptimierung nicht selektioniert, wer mitdarf und wer nicht.

«Bei uns dürfen alle mit, die dabei sein möchten und regelmässig trainieren», sagt Stefan Bussmann. Der Technische Leiter des TV Subingen stöckelt an Krücken durch die Botanik, weil er sich Ende April den Fuss am Barren anschlug und eine Knochenabsplitterung davontrug. «Pech gehabt», sagt er. Aber so könne er sich jetzt wenigstens voll auf seine vielfältige Aufgabe als Mädchen für alles konzentrieren.

3 Weitsprünge von Daniel Beer von Biberist aktiv! am Regionalturnfest in Bellach

3 Weitsprünge von Daniel Beer von Biberist aktiv! am Regionalturnfest in Bellach

Daniel Beer war beim letzten Regionalturnfest in Messen (2014) den Einzelwettkampf in der Leichtathletik gewonnen, sowie zusammen mit seinem Team den Leichtathletik-Mannschafts-Mehrkampf. 

Subingen und Biberist mögen sich prima. «Ja», bestätigt Glutz, «wir sind gut befreundet.» Als Vorbereitung auf das Fest in Bellach weilten beide Sieganwärter im 3-teiligen Vereinswettkampf, der Königsdisziplin also, Ende April am Oberwallisischen in Gampel. Damals behielt Subingen im innerkantonalen Vergleich knapp die Oberhand. «Natürlich geht man nicht an ein Fest, um zu verlieren», sagt Glutz. Aber, räumt sein Subinger Kollege Stefan Bussmann ein, «an erster Stelle steht, dass wir alle zusammen, die wir am Fest mitmachen, unsere bestmögliche Leistung abrufen und ein gutes Resultat erbringen.»

Grossfeldgymnastik des TV Lüterkofen am RTF Bellach

Grossfeldgymnastik des TV Lüterkofen am RTF Bellach

Hungerhaken und Wonneproppen

Gleicht im Spitzenkunstturnen ein Athlet dem anderen bezogen auf die Statur wie eine Red-Bull-Büchse der anderen, ist dies beim Vereinsturnen komplett anders und macht das besondere Etwas aus. Da turnen 15- und 55-jährig im gleichen «Geschwader». Ebenso wie der Hungerhaken neben dem Wonneproppen mit üppigem Weizenspoiler; die leichtfüssige Gazelle neben «Häuptling» stampfender Büffel und die, die den Rhythmus der Musik fühlt, neben dem, der diesen Rhythmus reflexartig missbilligt. Dieses facettenreiche Bild, das zu variantenreicher Musik interpretiert wird, unterstreicht den Sex-Appeal des Vereinsturnens im originärsten Sinn.

Simone Angéloz beim Einzelgeräteturnen am Regionalturnfest in Bellach

Simone Angéloz beim Einzelgeräteturnen am Regionalturnfest in Bellach

Am 25. Juni kann man sich an der Kantonalmeisterschaft in Biberist davon überzeugen. Dann erhalten auch die, die in Bellach ihr Potenzial vielleicht nicht gänzlich ausschöpfen konnten oder sich knapp geschlagen geben mussten, die Gelegenheit, es noch mal zu zeigen. Subingen ist da Titelverteidiger.

Die Ranglisten sind zu finden unter www.sotv.ch

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