Es ist eine fesselnde Geschichte: Der Holländer – der Kapitän eines Geisterschiffs – ist dazu verdammt, auf ewig die sieben Weltmeere zu durchqueren. Der Fluch ist gebrochen, wenn der einsame Kapitän die wahre Liebe findet, dafür darf dieser aber nur alle sieben Jahre das Festland betreten. Der Plot entstammt keiner weiteren «Fluch der Karibik»-Fortsetzung, sondern einer über 170-jährigen Oper von Richard Wagner. «Der fliegende Holländer» fasziniert bis heute, und zum 30-jährigen Jubiläum der Selzacher Sommeroper wagt sich deren Team gleich an zwei Fassungen des Klassikers: In einer traditionellen Version und als Kinderoper wird das Werk diesen August im Passionsspielhaus aufgeführt.

Der Estrich wird zum Atelier

Die Oper auf die Beine zu stellen, gleicht dem Zusammensetzen eines komplexen Puzzles. Eines der Puzzlestücke wird seit 30 Jahren im Estrich der Familie Fluri in Bolken angegangen. In monatelanger Handarbeit entstehen hier die aufwendigen Kostüme, heuer umfasst alleine der Chor 50 Personen, die mit bis zu drei verschiedenen Ausstattungen versorgt werden. Wie viele Arbeitsstunden dafür aufgebracht werden? «Ich habe aufgehört zu zählen», antwortet Therese Rickenbacher lachend. Sie leitet zusammen mit Barbara Fluri das Kostüm-Team und beide sind sich einig: «Man muss mit Leidenschaft dabei sein.» Denn die Arbeit ist scheinbar endlos und gerade die Aspekte, die sie spannend machen, machen sie auch so anspruchsvoll.

Das Team rund um Fluri und Rickenbacher besteht aus Profi-Schneiderinnen und Hobbynäherinnen. Inmitten der Holländer-Kostüme, die fast die ganze Länge des Estrichs einnehmen, nähen, schneiden und bügeln sie auch heute eifrig. «In den Sommerferien haben wir einen sehr dichten Terminplan», so Rickenbacher. Dass es sich hier um eine Herzensangelegenheit handelt, ist offensichtlich. Das eingespielte Team opfert neben den eigentlichen Verpflichtungen unzählige Stunden für die Anfertigung der Kostüme und steht unter Zeitdruck, da auch heute wieder Sänger zur Anprobe vorbeikommen. «Und dann fängt die Arbeit erst richtig an», so Fluri. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch, im Gegenteil: Hier trifft Fleiss auf Humor, entsprechend viel wird gelacht.

Im Gespräch zeigen sich Fluri und Rickenbacher begeistert ob der vielschichtigen Herausforderungen und der kreativen Zusammenarbeit. Im Januar finde jeweils ein erstes Treffen aller Helferinnen statt, danach zeichne sie die ersten Entwürfe, so Rickenbacher. «Ich kenne die Industrie, das hat für mich aber keinen Reiz». Hier könne sie Unikate kreieren und verschiedene handwerkliche Berufe, die sie erlernt habe, zusammenführen.

Es sei spannend, die Ideen von Multitalent Oskar Fluri umzusetzen, der sich hinsichtlich Bühnenbild und Farbkonzept «extrem viel überlegt.» Über die Jahre haben sich die Frauen zudem den Blick fürs Detail angeeignet und werden immer von der Frage umgetrieben, was für eine bestimmte Epoche charakteristisch ist. Am Schluss solle das Bild harmonisch sein ohne klischeehaft zu wirken, so Fluri. Ein hoher Anspruch, dessen Erfüllung von Hut bis Schuh viel Detailarbeit, Logistik und natürlich eine hohe Qualität der ausgewählten Stoffe verlangt.

«Nicht einfach Grösse M kaufen»

Flexibilität heisst das Zauberwort im Helferteam, denn während der Kostümproduktion tauchen stetig neue Probleme auf. «Wir können nicht einfach Kleidung in Grösse M einkaufen», so Rickenbacher. Stattdessen wird jeder der über 60 Darsteller Rolle und Statur entsprechend individuell ausgestattet. «Dazu gehört auch, den Chorsängern ihre Rolle bewusst zu machen.» Manche erhalten etwa Kostüme, deren Farben sie privat nie tragen. Der Anspruch des Kostüm-Teams ist damit kein geringerer, als dass sich jeder auf der Bühne wohlfühlt.

Weiter fliesst die Funktion der Kostüme in die Arbeit ein, wie Fluri erklärt. «Wir fragen die Darsteller zum Beispiel, ob sie rückwärtsgehen oder auf eine Leiter steigen.» Und die Schuhe «sind ein Thema für sich», so Fluri lachend. Auch diese müssen in das Konzept passen, gleichzeitig Halt geben und keinen Lärm verursachen. Hüte wirkten optisch grossartig, seien für die Schauspieler aber häufig störend, da sie Schatten werfen oder das Gehör beeinträchtigen. Diesen unterschiedlichen Bedürfnissen von Darstellern und Regie gerecht zu werden, alles nach Mass anzufertigen und auf der Suche nach Material «legal Brockis abzuklappern», sei unheimlich spannend, sind sich die Frauen einig.

Publikum erkennt Harmonie

Mit dem ersten Heben des Vorhangs verlagert sich die Arbeit vom Atelier hinter die Bühne. «Dort sind immer etwa drei von uns, die den Darstellern beim Umziehen helfen.» Trotz engem Zeitplan sei die Atmosphäre auch dort sehr schön. «Wir spüren, dass unsere Arbeit geschätzt wird», so Rickenbacher lächelnd. Harmonie vor und hinter der Bühne – kommt das auch im Publikum an?«Die Zuschauer merken, dass das Gesamtbild stimmig ist», denn auf der Bühne fügen sich alle musikalischen, gestalterischen und darstellerischen Puzzleteile zusammen.

Tatsächlich müsse man die Vorstellung aber eigentlich mehrmals sehen, um die zahlreichen Feinheiten entdecken zu können, die im monatelangen Prozess eingearbeitet wurden. Eine Gelegenheit bietet sich bei der Premiere am 2. August, wenn «Der fliegende Holländer» zum ersten Mal mit seinem Geisterschiff Selzach ansteuert.

Die Aufführungsdaten und weitere Informationen finden Sie hier.