Die Landwirte kennen ihn. Und wer in der Landwirtschaftszone wohnt und bauen oder sanieren will, sowieso. Über den Tisch von Markus Schmid gehen alle Baugesuche, die in der Juraschutzzone liegen. Er ist im Kanton beauftragt für den Heimatschutz.

Und dieser ist den Solothurnern heilig. Seit 1942 gewährleistet eine schweizweit einzigartige Verordnung, dass der ländliche Raum nicht verschandelt wird. Und da der Kanton Solothurn ländlich geprägt ist, ist der grössere Teil davon betroffen. «Die Idee war, dass Städter in den grünen Hügelzügen keine Ferienhäuschen bauen sollen», sagt Schmid.

Zum Jura, der seit den 1940ern vor «verunstaltenden Bauten» geschützt wird, wurden 1962 der Bucheggberg, der Engelberg und der Born hinzugefügt. Zum Gebiet von besonderer Schönheit und Eigenart wurde später auch das äussere Wasseramt erklärt. Überall dort gelten strenge Vorschriften, damit Siedlungen nicht in die Landschaft hinauswuchern. Und wenn es nicht anders geht, sollen die Bauten wenigstens mit ortsüblichen Materialien und nicht auf exponierten Hügeln gebaut werden.

«Allgemeines Volksempfinden»

«Der Charakter der bäuerlichen Landschaft soll gewahrt werden», sagt Schmid. Damit die Leute aus der Stadt einen Freiraum haben oder zumindest wissen, dass sie aus dem urbanen Raum ausbrechen können, Zum Spazieren etwa oder zum Ausreiten.

Trotzdem haben sich viele Bauherren über die verteuernden Auflagen aus «Solothurn» geärgert. Vor allem Landwirte klagen, nicht wirtschaftlich bauen zu können und von der Chancengleichheit ausgeschlossen zu sein. Sie wollen leben, arbeiten und effizient bauen, jedoch nicht in einem Heimatmuseum leben. Das Spannungsfeld zwischen ästhetisch und praktikabel, zwischen bewahren und erneuern ist gross. Die Frage an den «Geschmackskontrolleur» drängt sich auf: Was ist eigentlich schön?

Keine Verbotszone

Schmid kann auf eine grosse Erfahrung zählen. Seit 16 Jahren beurteilt der Architekt, was im ländlichen Solothurn schön ist und was nicht. «Ich weiss, was in der gerichtlichen Praxis möglich ist. Wo ist die Grenze, wie viel kann man verlangen?». Diese Frage stelle sich bei jedem Baugesuch neu.

Im Austausch mit Juristen leuchtet er den Spielraum aus. Die rechtlichen Normen sind allgemein formuliert. Starre Wendungen findet man in der Verordnung kaum. «Die Juraschutzzone ist keine Bauverbotszone, kein Ausschlussgebiet. Sie definiert also den Rahmen, indem es Flexibilität gibt», sagt Schmid. Klar ist aber: Wo ein Kleinbauernhaus stand, kann keine Villa stehen.

Pragmatische Praxis

Zu hitzigen Diskussionen führten oft die Dächer der mächtigen Bauernhäuser. Als die Zone definiert wurde, mussten die Dächer steil sein. Schmids Vorgänger legten darauf grossen Wert. Die Bauern waren verärgert, und vor 15 Jahren wurde im Kantonsrat darüber diskutiert, ob der Juraschutz überhaupt noch opportun ist.

Inzwischen haben sich trotz viele Mehrkosten mit dem Juraschutz arrangiert. Das hänge nicht zuletzt mit der pragmatischen Praxis des Heimatschutzbeauftragten zusammen, hört man allenthalben. Tatsächlich lockerte Markus Schmid die Vorschriften und setzte bei der Beurteilung der Baugesuche eine weniger strenge Brille auf. «Man kann ja auch mal ein braun eingefärbtes Blechdach erstellen.

Das sieht nicht weniger gut aus als Ziegel», sagt er. Die Landwirtschaft wandle sich, da müsse man sich anpassen. Das gehe bis zu den heute üblichen grossflächigen Stallgebäuden. «Würde man da weiterhin steile Dächer draufsetzen, gäbe das Mordsdonnersdächer.» Zwar soll beim Gesamteindruck das Dach weiterhin vorherrschen – Flachdächer auf grösseren Bauten sind nicht möglich – aber auch mit weniger geneigten Dächern könne die Identität der Landschaft gewahrt werden.

Alter Zopf oder wertsteigernd?

Auch bei der Materialwahl kommt der Heimatschützer den Landbewohnern entgegen. Steht im Gesetz, dass «störende Baumaterialien nicht zu verwenden sind», könne man dies in der Praxis auch lockerer handhaben. «Heute gibt es Bleche, die aufgrund ihrer Oberfläche nicht mehr so stark spiegeln und in die Landschaft hinausleuchten.» Im Dialog mit den Bauwilligen komme man so meist zu einer Lösung, die sowohl für die Allgemeinheit als auch für den Bauherren erträglich sei. «Wir haben uns mit dem Juraschutz arrangiert», sagt Jürg Willi, Gemeindepräsident von Schnottwil.

Nicht immer sind die Bauherren zufrieden. Gerade Landwirte sind nach wie vor frustriert. Roger Siegenthaler, Präsident der Regionalplanungsgruppe Espace Solothurn, spricht von einem alten Zopf, den es abzuschneiden gelte. Doch so lange die Juraschutzzone existiert, müssten die Bauherren mit dem Mehraufwand im Dienst der Öffentlichkeit leben. Ausserdem können sie einen Vorteil herausstreichen, von dem viele Einfamilienhausbesitzer träumen: dass sie in einer unverbaubaren Lage wohnen.