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Heimliche Macht: Vereine werden die Fusionsfrage mitentscheiden

Franz Portmann, Präsident des Vereinskonvents Biberist, vor der Biberena, dem Veranstaltungszentrum der Biberister Vereine.

Franz Portmann, Präsident des Vereinskonvents Biberist, vor der Biberena, dem Veranstaltungszentrum der Biberister Vereine.

Selbst wenn sie sich unpolitisch geben: Die Vereinsmitglieder werden bei der Fusionsfrage zwischen Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil ein starkes Wort mitreden. Tausende sind in den fünf Fusionsgemeinden organisiert.

Mir hei e Verein, i ghöre derzue,

Und d Lüt säge: Lue, dä ghört o derzue

Und mängisch ghören i würklech derzue

Und i stah derzue

(aus: «Mir hei e Verein» von Mani Matter, 1970)

Sie werden pfleglich behandelt. Denn ihr Wert für die Gesellschaft ist unbezahlbar. Das sagen nicht bloss Schönwetter-Politiker, wenn sie gerade um Wählerstimmen buhlen. Die Vereine geniessen in der Schweiz tatsächlich einen sehr hohen Stellenwert. Sie sind sogar per Bundesverfassung geschützt.

Im Fall von Biberist kann ihr Wert ziemlich genau beziffert werden. Bis zu 130 000 Franken pro Jahr oder 2500 Franken pro Anlass in der Biberena lässt sich die Gemeinde ihre Vereine kosten. Für diesen Betrag können die rund 60 Biberister Vereine den grossen Veranstaltungssaal in der Biberena gratis nutzen.

Allein in diesem Jahr belegten sie das Lokal 47-mal. Die Gemeinde mietet sich sozusagen in den privaten Betrieb ein, damit dort der Lottomatch der Naturfreunde, das Hornusserfest oder die Dorffasnacht stattfinden kann.

«Ja, wir sind hier bestens bedient», sagt Franz Portmann. Er ist Präsident des Biberister Vereinskonvents und setzt sich seit Jahren für günstige Bedingungen ein. So können die Biberister Vereine etwa die Sportanlagen wie die Dreifachturnhalle kostenlos für ihre Veranstaltungen benutzen.

Tausende sind organisiert

Wo sich Gleichgesinnte zusammenschliessen, werden Interessen gebündelt. So nutzen Vereine immer wieder ihren politischen Einfluss. Geht es um den Bau einer Mehrzweckhalle, werden sonst spärlich besuchte Gemeindeversammlungen von Turnern und Freizeitgymnastikern überrannt.

So hatten Dorfvereine in den vergangenen Jahren Grossbauten mit Millioneninvestitionen in Messen, Günsberg und eben Biberist durchgeboxt. Und dafür zum Teil happige Steuererhöhungen in Kauf genommen.

Die Vereine sind, wenn sie ihr politisches Gewicht in die Waagschale werfen, in den Dörfern eine Macht. Nicht selten haben die etablierten Vereine bekannte Persönlichkeiten in ihren Reihen, die die öffentliche Meinung beeinflussen können. Allein der Turn- und Sportverein Biberist aktiv! zählt 600 Mitglieder, über 7 Prozent der Dorfbevölkerung.

Selbst wenn sie sich unpolitisch geben: Die Vereinsmitglieder werden bei der Fusionsfrage zwischen Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil ein starkes Wort mitreden. Tausende sind in den fünf Fusionsgemeinden organisiert.

Und de gsehn i de settig, die ghöre

derzue

Und hei doch mit mir im Grund

gno nüt z’tue

Und anderi won i doch piess derzue

Ghöre nid derzue

Pistolenschützen, Fellnähgruppe, Associazione Regionale Emigrati Siciliani, Luzernerverein, Verein für Pilzkunde, Posaunenchor: Die Vereinslandschaft in Biberist ist vielfältig. Trotz aller Unterschiede haben sie eines gemeinsam: Sie werden gepflegt, und sie werden grosszügig mit Steuermitteln unterstützt.

Je mehr Kinder und Jugendliche in ihren Reihen sind, desto mehr Mittel fliessen in der Regel. Biberist aktiv! erhält 4200 Franken. Die «Harmonie» kriegt 15 000 Franken fix. Selbst der Platzgerklub mit zehn Mitgliedern wird mit 400 Franken unterstützt.

Einheitliche Richtlinien

Diese Mittel würden nach einem Zusammenschluss der Einwohnergemeinden nicht einfach verschwinden. Vier Jahre lang sollen die Vereine in einer fusionierten Gemeinde in gleicher Höhe unterstützt werden.

Auch die kommunale Infrastruktur könnte für vier Jahre gratis benutzt werden – bis auf Solothurn, wo Vereine bereits heute Nutzungsgebühren zahlen müssen. Im Sinne der Gleichbehandlung würde die Exekutive dann einheitliche Unterstützungsrichtlinien ausarbeiten.

«Es ist grundsätzlich nicht vorgesehen, die bisherigen Leistungen abzubauen», steht im Fusionsvertrag. Und doch gibt es Befürchtungen, dass die Unterstützung durch die öffentliche Hand schwinden und die Vereine in der Folge Mitgliederbeiträge anheben müssten, damit sie die Qualität hochhalten können.

«Ja, das ist ein Thema», sagt Martin Kaiser, Präsident von Biberist aktiv!. Natürlich wäre es schade, wenn der kommunale Support minder ausfallen würde. Ein tieferer Steuerfuss könne auch bedeuten, dass bei Vereinen gespart werde.

«Heute schaut Biberist sehr gut zu uns.» Der Vorstand von Biberist aktiv! fasse dennoch keine Parole zur Fusionsabstimmung. Die Vereinsstatuten schreiben vor, dass die Organisation keine politische Meinung hat. Man wolle zusammen turnen, nicht politisieren. Für Kaiser steht dennoch fest: «Es gibt Vor- und Nachteile einer Fusion.»

Auch der Vereinskonvent wird keine Parole fassen. In der Vorstandssitzung sei die Fusion kurz angesprochen, jedoch nicht näher darauf eingegangen worden, sagt Portmann. «Es wäre auch schwierig, eine einzige Sicht zu haben, so differenziert wie die Vereine aufgestellt sind.» 

Und i wirde verläge, sta nümm rächt

derzue

Und dänken: O blaset mir doch i d’Schue

Und gibe nume ganz ungärn zue:

Ja i ghöre derzue

Franz Portmann weiss, dass die Vereine von den öffentlichen Geldern abhängig sind. Er spürt unter den Biberister Vereinsmitgliedern eine gewisse Unsicherheit, weil nicht klar sei, was nach den vier Jahren Besitzstandswahrung gelten mag.

Derzeit funktioniere das Vereinsleben in Biberist gut. Mittlerweile sei man sehr zufrieden mit dem Service und der Benutzung der Biberena. Aus Vereinssicht biete eine Fusion keine Vorteile.

«Dann müsste man mobilisieren»

Andererseits sind sich die «Vereinsmeier» bewusst: Sollte es in einer fusionierten Gemeinde weiterhin Gemeindeversammlungen geben, müsste man dort mobilisieren. Und sollte ein Parlament die Legislative bilden, müssten die Interessen eben bei den Abgeordneten deponiert werden.

Das sieht auch Urs Zeltner von den Freunden der Harmonie Biberist entsprechend. «Alle Gemeinden unterstützen ihre Vereine und das Kulturleben finanziell.» Ob mit oder ohne Fusion sei nicht entscheidend. 

So ghör i derzue, ghöre glych nid derzue

Und stande derzue, stande glych nid

derzue

Bi mängisch stolz und ha mängisch gnue

Und das ghört derzue.

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