Vor dem Haus an der Schmiedegasse 8 rennt Rüde Dinu von Busch zu Busch und markiert sein neues Revier. Der Hund gehört einem der Hausbesetzer, die vor eineinhalb Wochen das Haus im Gerlafinger Bahnhofsquartier besetzt haben. Die Liegenschaft mit den insgesamt 18 Wohnungen gehört zu einem schützenswerten Ensemble aus ehemaligen Arbeiterhäusern beim Stahlwerk.

Die Botschaft der Besetzer ist auf ein Leintuch gesprayt, das als Transparent an der grauen Fassade hängt: «Beleben, bewegen, bewohnen». Fünf bis zehn Personen aus dem Raum Solothurn, Emmental und Zürich haben sich derzeit in der Liegenschaft einquartiert, wie das «Kollektiv gegen Wohnungs- und Gartennot» mitteilt. Ihre Namen wollen die Bewohner nicht in der Zeitung lesen. Denn was sie tun, das wissen die Besetzer genau, ist Hausfriedensbruch.

«Wir bewegen uns hier in einer Grauzone», sagt einer der Bewohner. Das soll aber nicht so bleiben. Mit dem Hausbesitzer versuche man, Kontakt aufzunehmen, bisher vergeblich. Die Eigentumsverhältnisse sind komplex: Seit 2009 gehört das Haus einem Israeli. Weder er noch sein Vertreter in der Schweiz waren gestern erreichbar.

Wie Gerlafingens Bauverwalter Ewald Kaiser sagt, ist bei der Gemeinde derzeit ein Baugesuch hängig. Die Liegenschaft soll, wie bereits das identische, nördlich gelegene Haus, sanft renoviert werden. Vor der Sanierung soll die Liegenschaft an einen neuen Besitzer übergehen. Auch dieser war für die Zeitung gestern nicht erreichbar.

Anzeige nach Hausfriedensbruch

Einer der Besetzer, der als Landschaftsgärtner und Gerüstbauer arbeitet, zeigt den aufgesetzten Brief an die Immobilienverwaltung. Das Kollektiv möchte einen Gebrauchsleihvertrag abschliessen. «Wir wollen wissen, ob wir hierbleiben können», sagt der junge Mann. Es gebe weitere Wohninteressenten, darunter auch Familien mit Kindern. Dafür würde sich die Liegenschaft mit Garten ideal eignen, findet er. Eine «Partybesetzung» oder einen Drogenumschlagplatz werde es nicht geben.

Wie eine Polizeisprecherin auf Anfrage mitteilt, ist gestern eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch eingegangen. Die Polizei werde nun Massnahmen prüfen. Das könne auch eine Hausräumung sein.

Sofort hergeben wollen die Besetzer das Haus aber nicht. Man habe Juristen im Umfeld, die bis zu einem gewissen Punkt intervenieren könnten. «Auf einen Krieg wird es aber nicht hinauslaufen», sagt einer. Deshalb habe man bei jeder Besetzung bereits die nächste mögliche Liegenschaft in Aussicht.

Gegen Wohnungsnot

Überhaupt scheint das Kollektiv, so einfach es ist, gut organisiert zu sein. Die fehlende Stromversorgung überbrückt ein Generator. Gekocht wird mit Gas, den Nachschub an Gasflaschen finanziert man gemeinsam. Der Briefkasten ist ein Kompostkübel, eine Kontaktnummer prangt gross an der Eingangstür. Das Wasser wird aus dem Brunnen vor dem Haus hochgetragen. Und für den Nachschub an Lebensmitteln sorgen Bekannte, die als Verkäufer bei Grossverteilern in der Region arbeiten.

«Wir ernähren uns sozusagen aus dem Container», sagt einer. Dahinter stecke eine Ideologie. Man prangere an, dass Esswaren weggeworfen werden. Ansonsten verhielten sich die Besetzer politisch neutral. Überhaupt sei die Szene sehr vielfältig: Bei ihnen finde man Hippies, Punker, Hip-Hopper, aber auch Familien. Viele seien berufstätig. «Wir könnten ja auch aufs Sozialamt gehen. Aber das lehnen wir ab.» Deshalb finden es die Besetzer legitim, dass sie sich als Geringverdiener in leerstehenden Häusern einquartieren.

In der Nachbarschaft ist es gemäss Anwohnern seit der Besetzung ruhig. Den Gemeindebehörden ist das unaufgeräumte Quartier aber seit längerem ein Dorn im Auge. Wie Bauverwalter Kaiser sagt, könne man den Bewohner aber nicht befehlen, den «Gerümpel» wegzuräumen. Ob die Installation über dem Eingang der Besetzer, eine Puppe mit Schaufelstiel als Schwert und Parabolschüssel als Schild, auch als «Gerümpel» taxiert wird, ist nicht bekannt.

Ultimatum für Hausbesetzer in Gerlafingen

Ultimatum für Hausbesetzer in Gerlafingen