Protest

«Geschenk» aus einer Mischung von Frust und Wehmut

Robert Habegger mit der antiken Bandsäge vor dem Zuchwiler Gemeindehaus

Robert Habegger stellt aus Protest für seinen ungewollten Abschied seine alte Bandsäge vors Gemeindehaus von Zuchwil.

So akkurat war Kritik selten geschmückt. Die bald 100 Jahre alte Bandsäge, die Schreiner und Gestalter Robert Habegger vergangene Woche vor das Gemeindehaus stellte, ist mit einer grossen Schleife verziert. Die Bandsäge sei ein Geschenk an die Gemeinde, sagt Habegger.
Die Aktion ist aber auch Ausdruck von Wehmut und Ärger über Gemeindebehörden, Verkehrsflut und Investoren. Habegger verarbeitet seit 14 Jahren in seiner Zuchwiler Werkstatt Holz zu Möbel und anderem. Die Werkstatt liegt an der Luzernstrasse, kurz nach der Tankstelle, vor der Überführung über die SBB-Geleiseanlage.

2016 verkaufte die SBB das Grundstück mitsamt Tankstelle und diversen Gebäuden an eine Privatperson. In der Zwischenzeit ist klar geworden, dass dort der Kanton zur Verkehrsentlastung der Nordsüdstrasse in Zuchwil einen Kreisel plant. Das führte dazu, dass der neue Besitzer Habegger die Werkstatt kündigte. «Ich ging zum Gemeindepräsidenten von Zuchwil und erhoffte mir Unterstützung», so Habegger. Unterstützung darin, dass die Kündigung vielleicht rückgängig gemacht oder die Kündigungsfrist zumindest verlängert wird. Denn im nächsten Jahr 2020 wird Habegger 67 Jahre alt. «Dann wollte ich in gutbürgerlichem Pensionsalter aufhören.» Gemeindepräsident Stefan Hug konnte aber nicht helfen.

Zwiespältige Aktion

Die Aktion von Robert Habegger habe für ihn viel mit Frust und Wehmut über eine nicht mehr vorhandene Handwerk- und Industriekultur zu tun, erklärt Zuchwils Gemeindepräsident Stefan Hug. «Ich bedaure es auch, dass Stichsägen nicht mehr in Zuchwil produziert werden, wie Habegger im Begleitbrief zum ‹Geschenk› schreibt. Aber das können weder er noch ich oder der Gemeinderat ändern.»
Deshalb stosse die Aktion bei ihm nicht nur auf Verständnis: «Wenn es ein Geschenk sein soll, ist es für mich ein ‹No go›, dass er die Maschine einfach hinstellt. Ich würde einen anderen Weg beschreiten», so der Gemeindepräsident. Habegger habe aber dennoch seine volle Wertschätzung, und er finde es persönlich schade, dass der Schreinermeister ein solch unschönes Berufsende habe. Weiter erklärt Hug, dass er sehr am Kreisel interessiert sei, helfe dieser doch, Zuchwils Verkehrsproblem zu lösen.

Er glaube nicht, dass dieser Kreisel die Verkehrsprobleme der Gemeinde löst, kontert Robert Habegger im Begleitbrief zum «Geschenk». Er habe auch den Kontakt gesucht mit dem Kanton. Dort wurde ihm beschieden, dass der Kreisel nicht vor 2020 gebaut wird. Inzwischen wird es laut Kanton gar mindestens 2022. Habegger fühlt sich verraten: «Habe ich doch immer wieder Praktikanten der Zuchwiler Schule aufgenommen.»

Und mit einer Prise Ironie und Melancholie schreibt er im Begleitbrief zum «Geschenk», dass die alte, gusseiserne Bandsäge an ihrem früheren Standort in Derendingen wahrscheinlich im Einsatz stand, um für die Zuchwiler reformierte Kirche die Front der Eingangstüren aus Eichenholz zu sägen – «schlaufenförmig auf Gehrung zusammengefügt, dem Fluss Tigris nachempfunden».

Ein Mahnmal

Der Besitzer des Areals, der, so Habegger, möglicherweise darauf hoffe, dass der Kanton ihm am Kreisel einen besseren Zugang zum Areal verschaffe, rückte nicht vom Kündigungstermin ab. Habegger wählte den Weg über die Schlichtungsstelle und erhielt eine Fristerstreckung bis Ende Juni 2019 mit Option auf Verlängerung.
In der Zwischenzeit hat Habegger aber seine Werkstatt geräumt. «Ich wollte nicht länger zuwarten.» In Oberdorf hat er eine viel kleinere Werkstatt gefunden. «Vielleicht ist das auch gut so und hat mir die Pensionierung erleichtert.» Die grosszügigen Verhältnisse an seinem Zuchwiler Standort sind Vergangenheit. «Ich bin dem Gemeindepräsidenten nicht böse. Er will es allen recht machen. Und ich habe das Geschenk mit Respekt beim Gemeindehaus abgegeben.» Im Begleitbrief erwähnt Habegger auch einen «sinnvollen» Verwendungszweck für die Maschine. Sie soll als Kreiselschmuck des künftigen Bauwerks dienen – «als Mahnmal und Erinnerung für ein Zeitalter, als in Zuchwil noch Magnetzündungen, Web- und Bohrmaschinen, Stichsägen – und Möbel hergestellt wurden».
In Zuchwil wird nun der Gemeinderat darüber befinden, ob er das «Geschenk» annehmen will. Was danach mit der Bandsäge geschieht, ist unklar. «Der Kanton baut den Kreisel. Er wird den Kreiselschmuck bestimmen, wobei die Gemeinde in die Kreiselgestaltung miteinbezogen wird», so Hug. Die Bandsäge stehe nach wie vor dem Gemeindehaus. «Sie wird Rost ansetzen», bedauert der Gemeindepräsident. Auf dem Kreisel wäre das kein Problem.

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