154 Leute füllten gestern Abend die Pfarrscheune Lüsslingen. An den Seiten wurden zusätzliche Sitzbänke aufgestellt, ganz hinten mussten die Anwesenden stehen. Im Eingang standen die Leute Schlange. «Wer spielt denn heute?», fragte ein Mann scherzhaft. Niemand — aber die Budgetgemeindeversammlung fand statt. Wobei nicht etwa das Budget so viele in die Pfarrscheune zog. Die Stimmberechtigten kamen wegen eines anderen Geschäfts: die Starthilfe für die Kindertagesstätte (Kita) «Zaubertruckli», die nächstes Jahr im Bürgerhaus eröffnen will.

Die Gemeindeversammlung diskutierte einerseits über einen gestaffelten Mietzins für die Kita. Diese soll erst 2021 den vollen Mietzins von 2000 Franken im Monat plus monatliche Nebenkosten von 250 Franken bezahlen – bis dahin werden die Kosten nur teilweise eingefordert. Auch stimmte die Versammlung über ein Darlehen von 80'000 Franken ab, mit welchem die Kita durch die erste ertragslose Zeit kommen soll.

Projekt «noch nicht ausgereift»

Gemeindepräsident Herbert Schluep bat die Versammlung, den Antrag anzunehmen. Er argumentierte mit dem Sozialgesetz. Dort drin steht, dass die Gemeinden Tagesstrukturen und familienergänzende Betreuung fördern sollen. Er sei überzeugt vom Projekt und finde deshalb, die Gemeinde solle «Bank spielen» – der Kita also das Darlehen zahlen. Dass die Gemeinde dafür zuständig ist, eine Kita zu finanzieren, bezweifelten gestern aber viele der Anwesenden. Es sei ein Präjudizfall, empörten sich einige. «Wenn ich ein Haus bauen will, zahlt die Gemeinde ja auch nicht!» hiess es beispielsweise im Saal. Es wurde hitzig diskutiert, noch bevor überhaupt über das Eintreten auf das Traktandum abgestimmt wurde. Das heisst, bevor die Diskussion über die eigentliche Sache eröffnet wurde. Die Protokollführerin bat deshalb, doch zuerst einmal über das Eintreten abzustimmen. Die Versammlung beschloss Eintreten und weiter ging die Diskussion.

Viele störte, dass von der Kita kein Businessplan vorgelegt worden war. «Ohne konkrete Zahlen können wir uns ja gar keine richtige Meinung zum Projekt bilden. Ich habe nichts gegen eine Kita – aber so ist das Projekt noch nicht ausgereift, so können wir nicht darüber abstimmen.» Die Anwesenden hatten Angst, dass die Steuerzahler den Kopf hin halten müssten, sollte die Kita nicht rentieren.

Nicole Progin aus Langendorf, welche die 25-jährige Kita-Leiterin Lea Walker in finanziellen Fragen unterstützt, verteidigte das Projekt. Man sei nicht konzeptlos in die Sache gegangen, stehe in Kontakt mit dem Kanton und sei auf bestem Wege zu einer Bewilligung. Ansonsten hätte der Gemeinderat ja auch wohl kaum eingewilligt, das Projekt zu unterstützen.

Projekt «für die Zukunft»

Auch viele Jüngere waren an die Versammlung gekommen. Sie sprachen sich mehrheitlich für die Kita aus. Das sei doch endlich mal ein Projekt für die Zukunft der Gemeinde – wo es doch schon keinen Laden und keinen Postomaten mehr im Dorf gebe. Für solche Voten gab es jeweils Applaus und Pfiffe im Saal. Die Unterstützer des Projektes setzten sich nach fast zwei Stunden hitziger Diskussion schliesslich durch. Anträge auf Urnenabstimmung und Rückweisung des Projekts an den Gemeinderat kamen nicht durch. Die finanzielle Starthilfe für die Kita «Zaubertruckli» wurden mit 95 Ja zu 47 Nein Stimmen bei 7 Enthaltungen angenommen.

«Jetzt kommen wir zum eigentlichen Haupttraktandum dieser Versammlung», sagte danach Gemeindepräsident Schluep scherzhaft. Das Budget. Von da an ging es relativ rassig. Der Steuerfuss wurde bei einer Gegenstimme und drei Enthaltungen um fünf Prozentpunkte auf 115 gesenkt. Die Erfolgsrechnung wurde mit einem Aufwandüberschuss von 111'520 Franken und die Investitionsrechnung mit Nettoinvestitionen von 876'000 Franken, inklusive der Sanierung Schiessanlage für 74'000 Franken und dem Abwasseranschluss an die ZASE Zuchwil – ohne Gegenstimme gutgeheissen.