Umstritten
Für Schüler gilt Null-Toleranz, doch die Lehrer erhalten ein Fumoir

Schüler kriegen Anti-Tabak-Lektionen, für Lehrer gibt es einen neuen Raucherraum: Eine Wasserämter Oberstufe hofiert den Rauchern. Teile der Lehrerschaft sind darüber empört, Präventionsexperten reagieren verärgert.

Sven Altermatt
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Am Schulzentrum der Oberstufe Wasseramt Ost wird das Fumoir aufgerüstet. «Die Mehrheit der Lehrerschaft steht hinter dem Raum», sagt der Schulleiter.Thinkstock

Am Schulzentrum der Oberstufe Wasseramt Ost wird das Fumoir aufgerüstet. «Die Mehrheit der Lehrerschaft steht hinter dem Raum», sagt der Schulleiter.Thinkstock

Getty Images/Wavebreak Media

Wer als junger Mensch mit Rauchen anfängt, kann heute kaum behaupten, nichts über die gesundheitlichen Gefahren von Zigaretten zu wissen. Die Behörden investieren jährlich mehrere Millionen in die Tabakprävention. Allein im Kanton Solothurn gibt es ein Dutzend entsprechender Projekte. Sie richten sich meist an Schüler, oft tragen sie so klingende Namen wie «Feel ok».

Anti-Raucher-Lektionen gehören an fast jeder Schule zum Programm – auch im Schulzentrum Derendingen-Luterbach. Die Jugendlichen aus den umliegenden Gemeinden besuchen hier die Oberstufe. Für sie gilt Nulltoleranz: Rauchen ist auf dem ganzen Schulareal verboten. Das gilt selbst für Schüler, die ihren 16. Geburtstag bereits gefeiert haben.

Lässt sich jemand trotzdem mit einer Kippe erwischen, muss er an der Oberstufe Wasseramt Ost mit einer Strafe rechnen. Aber ob die Schüler wissen, dass für ihre Lehrer diesbezüglich eher lockere Regeln gelten?

Trotz des Rauchverbots in öffentlichen Räumen steht den Pädagogen weiterhin ein Raucherzimmer zur Verfügung. Es liegt direkt neben dem Lehrerzimmer, abgetrennt nur durch eine Glaswand. Möglich macht dies eine Ausnahmeklausel im Gesetz. Für Raucher können «getrennte Räume mit ausreichender Belüftung» eingerichtet werden.

Lehrer als Vorbilder

Der Raucherraum sorgt immer wieder für dicke Luft in der Lehrerschaft, wie Informationen dieser Zeitung zeigen. Für manche ist klar: Will man die Schüler ernsthaft vom Rauchen fernhalten, sollten sich die Lehrer als Vorbilder verstehen und auf Vorzüge wie einen Raucherraum verzichten.

Der Zwist hat nun wohl vorerst seinen Höhepunkt erreicht. Soll das Schulzentrum auch künftig einen Raucherraum haben? Diese Frage stellte sich in den vergangenen Wochen. Einerseits, weil die Lüftung im Lehrerzimmer und im Raucherraum saniert werden muss. Und andererseits, weil offenbar umstritten ist, ob der Raucherraum bislang ausreichend vom Nebenraum abgetrennt ist.

Die Schulleitung jedenfalls ist sich einig: Es braucht ihn weiterhin. Einwände aus der Lehrerschaft, darauf zu verzichten, liefen ins Leere. Also wird der Raucherraum im Zuge der Lüftungssanierung aufgerüstet – zu einem veritablen Fumoir. Die Bauarbeiten sollen noch in den Herbstferien abgeschlossen werden.

Raucherräume an Schulen? Die Solothurner Lungenliga, die im Auftrag der Behörden viele Präventionsprojekte betreut, ist davon alles andere als begeistert. «Das ist aus präventiver Sicht nicht optimal», sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Petra Vonmoos. Schliesslich seien die Lehrpersonen auch starke Vorbilder.

m Kanton Solothurn, schätzt sie, gibt es wohl noch eine Handvoll Raucherräume an Schulen. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Bedenklich findet Vonmoos jedoch vor allem, wenn ein Fumoir in der heutigen Zeit gebaut oder aufgerüstet wird.

Gleicher Ansicht ist eine Lehrperson des Schulzentraums, die anonym bleiben will: «Ein Raucherraum passt nicht zu den Werten einer Schule.» Das führe zu Problemen mit der Glaubwürdigkeit, nicht nur gegenüber den Schülern.

Schulleitung verteidigt Entscheid

Der zuständige Schulleiter verteidigt den Entscheid, weiterhin einen Raucherraum zu unterhalten. Mit der Sanierung werde der Raum dichter vom Lehrerzimmer abgetrennt, sagt Adrian van der Floe.

«Die Mehrheit der Lehrerschaft steht hinter dem Raum. Zudem sind die Raucherzeiten eingeschränkt, in den Fünfminuten-Pausen etwa darf der Raum nicht benutzt werden.» Der Pädagoge präsidiert gleichzeitig den kantonalen Verband der Schulleiter. Für ihn steht ausser Zweifel, dass Lehrer gegenüber Schülern auch eine Vorbildfunktion haben, gerade beim Tabakkonsum.

Gleichzeitig könne man natürlich keinem Lehrer verbieten, zu einer Zigarette zu greifen. Man müsse das gegeneinander abwägen, sagt van der Floe: «Mir ist es immer noch lieber, wenn Lehrpersonen in einem separaten Raum rauchen als auf dem Schulgelände vor den Augen der Schüler.»

Fumoir ist «Raucher-Privileg»

Auf dieses Argument stützte sich auch ein Lehrer, der in Berlin vor fünf Jahren versuchte, ein Raucherzimmer an seiner Schule einzuklagen. Vergebens, wie das Verwaltungsgericht in einem Grundsatzurteil befand: Es sei zwar weniger auffällig, wenn Lehrer in einem Fumoir rauchen. Doch genau das könnten Schüler als «Raucher-Privileg» auffassen.

Um ihre Vorbildfunktion müssten sich Lehrer überdies nicht sorgen. Der kämen sie schon nach, wenn sie das Schulgebäude mit ihren Zigaretten verlassen und eben nicht das Privileg geniessen, in einem separaten Raum zu rauchen.

Das Berliner Urteil unterstreicht das, was Präventionsarbeiter in ganz Europa seit Jahrzehnten betonen. Die Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Tabakprävention etwa empfiehlt: «Wichtig ist, dass die gesamte Schule als rauchfreier Ort bestimmt wird.» Ein Verbot sollte sich auf das ganze Areal mit sämtlichen Räumen erstrecken und für alle Angestellten gelten.

Die Lungenliga versteht rauchfreie Schulen derweil als ganzheitlich: «An Schulen mit konsequent umgesetzten Regeln hat es sich gezeigt, dass weniger Schüler rauchen.»
Tatsächlich ist es an vielen Schulen mittlerweile üblich, dass Lehrer in den Pausen nur noch ausserhalb des Schulhausareals rauchen.

Was in Solothurn in die Eigenverantwortung einer Schule fällt, ist anderswo sogar gesetzlich verboten. In Kantonen wie Graubünden, Genf oder Waadt gilt ein absolutes Rauchverbot an Schulen – auch für Lehrer.