Integration

Für ihn gibt es keinen schöneren Arbeitsplatz als die Asylunterkunft Balmberg

Im Gespräch mit einem Mitarbeiter: René Russenberger an seinem Arbeitsplatz im Kurhaus auf dem Balmberg.

Im Gespräch mit einem Mitarbeiter: René Russenberger an seinem Arbeitsplatz im Kurhaus auf dem Balmberg.

René Russenberger leitet die beiden Flüchtlingszentren im Kurhaus Balmberg und ehemaligen Gewerkschaftshaus. Der Baselbieter mag seinen Arbeitsplatz auf dem Berg.

Vielen Flüchtlingen, die im Kanton Solothurn stranden, ist dieses Gesicht bekannt. René Russenberger, der für die ORS Service AG arbeitet, leitet die Asylunterkunft im Kurhaus Balmberg. Gleichzeitig ist er schon länger für den Betrieb des Asylzentrums im ehemaligen Bildungsheim des Gewerkschaftsbundes verantwortlich.

Viele Flüchtlinge müssen sich zuerst im Kurhaus gedulden, bevor sie einer Gemeinde zugewiesen werden. Und im ehemaligen Gewerkschaftshaus nebenan leben die Flüchtlinge, die kaum mehr eine Chance haben, aufgenommen zu werden, meist junge Männer, die «ein Heimreisedatum haben», so Russenberger. Dort habe es aber auch Menschen, die nicht heimgeschickt werden können, die schon jahrelang im Gewerkschaftshaus leben. Warum? «Ich weiss es nicht, oft kann der Wegweisungsentscheid aus verschiedenen Gründen nicht vollzogen werden.»

«Es hat Flüchtlinge, die sehr schnell einer Gemeinde zugeteilt wurden und eine Wohnung gefunden haben.» Bei anderen dauere es länger. Etwa wenn es sich um eine grössere Familie handelt. Russenberger berichtet von einer achtköpfigen syrischen Familie, die zu den ersten gehörte, als im letzten Dezember das Asylzentrum im Kurhaus öffnete. «Sie sind immer noch hier, haben aber in diesen Tagen eine passende Wohnung gefunden.»

Bedauern hat er auch mit einer anderen Familie, die schon länger auf eine Gelegenheit wartet. «Sie hatten zwei Häuser in Syrien. Alles wurde bodeneben zerbombt. Da hat man keine Basis mehr, nichts mehr funktioniert.»

Noch zwei Jahre anhängen

Eigentlich könnte René Russenberger sich zur Ruhe setzen. Den 65. hat er bereits hinter sich. Man sieht es ihm nicht an. Er habe keine gesundheitlichen Beschwerden und seine Frau sei ebenfalls noch arbeitstätig. «Ich könnte es mir nicht vorstellen, jetzt ein Rentnerdasein führen zu müssen. Nein.» Zwei Jahre will er noch anhängen. Er wohnt in Reinach BL in einem Quartier mit vielen älteren Bewohnern. «Nein, so weit bin ich noch nicht», bekräftigt er nochmals.

Die Arbeit im Team, aber auch die Arbeit selber, den Kontakt mit den Menschen, den verschiedenen Kulturen, all dies schätze er sehr. René Russenberger hat mehrere Voraussetzungen, die für diese Arbeit von Vorteil sind. Als gelernter Maschinenbaukonstrukteur hat er keine Probleme, ein Haus in Schuss zu halten. Er behandelt die Menschen korrekt und freundlich. Und er kann dezidiert auftreten.

Als sein letzter Arbeitgeber Schluss machte, ist er in Reinach ins Asylwesen hineingerutscht. Er startete in der Nachtwache in einem Asylheim und blieb zwei Jahre. Danach meldete er sich bei der ORS und begann in Muttenz auf der Notschlafstelle, anschliessend drei Monate in Allschwil, bevor ORS auf den 1. Juli 2007 den Auftrag im Kanton Solothurn erhielt. Russenberger wechselte ins Solothurnische und begann als Betreuer im Gewerkschaftshaus auf dem Balmberg.

Als Zentrumsleiter habe er wenig Zeit, um Betreuungsarbeit zu leisten. «Das Administrative überwiegt klar.» Er koordiniert nicht nur das Team, das die Asylsuchenden betreut. Er plant auch die Tagesstruktur der zu Betreuenden. «Alle helfen mit. Alle putzen mal das Klo beispielsweise.» Jemanden zu etwas zu zwingen würde nichts bringen. «Das muss freiwillig erledigt werden.»

Es habe schon Flüchtlinge, die darauf hingewiesen werden müssen, dass sie hier Asyl suchen und sich dementsprechend bemühen und auch verhalten sollen. Eigentliche Integration, «was man darunter versteht», sei das aber alles nicht. «Sie können uns fragen, wir geben Auskunft, wir unterstützen im Alltag. Die ‹richtige› Integration passiert in den Gemeinden.» Gebessert habe sich die Situation, weil Kindern und Erwachsenen Deutsch beigebracht wird.

Privates von der Arbeit getrennt

Mittlerweile habe er sich daran gewöhnt. «Aber wenn man sieht, dass die Menschen wollen, aber nicht dürfen, dass sie fast verzweifeln und man kann nur wenig machen», das löse manchmal Frust aus. Nicht lange. Nach der Arbeit könne er gut abschalten. «Bei mir sind das Private und die Arbeit strikte getrennt.»

Er würde auch privat nicht mit Flüchtlingen verkehren, «solange ich diese Anstellung habe. Nähe und Distanz in der Betreuungsarbeit sind absolut zentral und dafür gibt es auch Regeln». Deshalb sei es von Vorteil, dass er nicht hier wohne. Denn natürlich gelte diese Regel nicht für seine Wohngemeinde Reinach. «Wenn ich dort Leute antreffe, die ich früher betreute, pflege ich schon den Kontakt.» Daneben gebe es aber auch freudige Ereignisse wie der Geburtstag eines Kindes. «Dann backen alle Kuchen und man feiert gemeinsam. Der Zusammenhalt unter den Flüchtlingen ist schon sehr gut.»

Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen, wo er beschwichtigend einschreiten müsse, gebe es eher unter den jungen Leuten im Gewerkschaftshaus. Dort habe man zum Teil den Koller. «Die sitzen hier oben und fragen sich, was mache ich hier oben. Ich sehe das ganz anders. Für mich gibt es keinen schöneren Arbeitsplatz als hier oben.» Meistens breche ein Streit in der Küche aus. Dann müsse er mit allen Parteien Gespräche führen und schlichten. Aber die Stimmung sei nicht grundsätzlich bedrückt. «Oft sind sie gut drauf.»

Für eine gewisse Ordnung sorgen auch die regelmässigen Patrouillen im Haus. «Sie kommen ins Haus, zeigen Präsenz und gehen wieder.» Vorgewarnt werden will er bei einer Polizeikontrolle nicht mehr. Einmal wusste er davon und informierte auch das Team. Als die Polizei dann nichts fand, ging das Gerücht um, die Flüchtlinge seien vorgewarnt worden. «Das wollte ich nicht mehr.»

Und im Kurhaus sei die Stimmung sowieso anders. Dort seien die «Transfers» das grosse Thema. Wann die Flüchtlinge endlich eine Wohnung mieten und selbstständig leben können.

Fragt man ihn nach den Schwierigkeiten seiner Arbeit, fällt ihm zunächst nichts ein. «Wichtig ist, dass man als Team gut funktioniert, und schön ist, dass ich jeden Morgen gesund aufstehe und hier oben arbeiten gehen kann.» Hier vermisse er nicht einmal seine früheren Wanderungen. «Ich kann meiner Frau sagen, ich bin die ganze Woche auf dem Berg.»

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