Schliessung

Frühere Youkita-Mitarbeitende: «Die Gründerin hat mehrere Existenzen kaputt gemacht»

So präsentierten sich an der Eröffnung die YouKita-Räumlichkeiten im Industriequartier von Luterbach.

So präsentierten sich an der Eröffnung die YouKita-Räumlichkeiten im Industriequartier von Luterbach.

Nach der Zwangsschliessung der privaten Kindertagesstätte YouKita in Luterbach ist nun auch im Bernischen die Kita derselben Betreiberin zu.

Die privat geführte YouKita in Luterbach wurde vom Kanton geschlossen. Sie startete vor zwei Jahren. Organisatorische Mängel haben den Kanton zu diesem Zwangsschritt bewogen. Gründerin Tanja Moos wollte eine Kette von Kindertagesstätten in der ganzen Schweiz aufziehen, wie sie damals grossmundig ankündigte. Inzwischen ist auch ihre erste Kindertagesstätte Füchsli und Strolchli in Langenthal geschlossen. Dies weiss eine ehemalige Mitarbeiterin, die die Kindertagesstätte in Langenthal eine Zeit lang leitete. Sie sei von Kolleginnen, ehemaligen Mitarbeitenden in der Kita, ermuntert worden zu informieren, will aber nicht namentlich erwähnt werden. Ihre Aussagen zeigen, dass das Wirken der Gründerin viel Unheil über die Mitarbeitenden gebracht hat.

«Die Unregelmässigkeiten haben früh angefangen. Beispielsweise beim Thema Hygiene. Sie rauchte vor der Tür zur Kita, ihre Getränkedosen standen überall herum.» Die ehemalige Mitarbeiterin und ihre Kollegin gaben sich alle Mühe, die Räumlichkeiten am Freitag sauber geputzt zu hinterlassen. «Am Montag trafen wir manchmal eine ‹Bombe› an. Unterlagen, Kleider lagen verstreut herum. Sie liess ihre kleine Tochter in den Räumen spielen. Wenn dann am Montag die Eltern ihre Kinder brachten, war das peinlich.» Den ersten Lohn habe sie mit Verspätung bekommen. «Sie hatte immer irgendwelche, oft plausible Ausreden.» Später habe sie gar keinen Lohn mehr erhalten. Rechnungen seien nicht bezahlt worden. Mahnungen und Rechnungen häuften sich stapelweise. Gründerin Tanja Moos erhielt mehrmals Gelegenheit, zu den Umständen der Schliessung Stellung zu nehmen. Sie konnte bisher weder telefonisch noch per Mail erreicht werden.

Treffen vor dem Friedensrichter

Trotzdem: Die Kita in Langenthal war erfolgreich. «Das hat sie beflügelt, weitere Kitas in der Schweiz zu eröffnen», glaubt die ehemalige Mitarbeiterin. Nach dreiviertel Jahren erkrankte sie. «Ich konnte nicht mehr. Ich hatte genug von diesen Lügengeschichten und ich konnte nicht mehr direkt mit ihr kommunizieren.» Vier, fünf Monate lang versuchte sie, mit eingeschriebenen Briefen zu ihrem Lohn zu kommen. Am Schluss traf sie ihre ehemalige Arbeitgeberin vor dem Friedensrichter. «Sie muss mir viel Geld zurückzahlen, aber ich habe nichts gesehen. Im Gegenteil, für eine Betreibung muss ich nochmals über 2000 Franken bezahlen», erzählt die Mitarbeiterin, die heute Sozialgeld bezieht.

«Sie hat mehrere Existenzen kaputt gemacht. In einem Jahr wechselten 18 Angestellte die Stelle. Entweder wurde ihnen gekündigt oder sie gingen von alleine, weil sie die Schnauze voll hatten.» Die Gründerin habe ungültige Lehrverträge abgeschlossen. Und sie führe noch heute auf ihrer Internetseite Angestellte, die längst nicht mehr in der Kita arbeiteten. «So macht es den Anschein, dass qualifiziertes Personal in der Kita die Kinder betreuen.» Deshalb kritisiert sie auch die kantonalbernische Aufsicht. «Es wird zu wenig kontrolliert.»

«Hohe Mitarbeiterfluktuation»

In Solothurn hat der Kanton, wie oben erwähnt, die Kita in Luterbach zwangsweise geschlossen. Im Kanton Bern ist das Kantonale Jugendamt Aufsichtsbehörde. Diese hatte seit deren Gründung regelmässigen Kontakt zur Kita. «Wenn eine Kindertagesstätte neu startet, wird diese intensiver begleitet, insbesondere, wenn die Mitarbeiterfluktuation hoch ist», erklärt Sven Colijn, Abteilungsleiter beim Kantonalen Jugendamt. Die häufigen personellen Wechsel hätten das Amt misstrauisch gemacht. Am 22. Mai wurde das Amt von Kita-Mitarbeitenden über Unregelmässigkeiten informiert. «Wir haben unangemeldete Aufsichtsbesuche durchgeführt, mindestens wöchentlich den Austausch mit der Geschäftsführerin gesucht und auch das Treuhandbüro konsultiert, um Hintergrundinformationen zu erhalten», so Colijn. Die Kindertagesstätte sei jetzt von der Betriebsleitung selber geschlossen worden. «Sie waren nicht mehr in der Lage, den Betrieb weiterzuführen.»

Doppeltes Ungemach

Die Mitarbeiterinnen, die eine Kündigung erhalten haben, erleiden doppeltes Ungemach. «Mit einer Kündigung hat man einen Tolggen im Lebenslauf. Da wird nicht richtig hingeschaut, weshalb eine Kündigung erfolgte. Man bekommt einfach keine Arbeit mehr», nennt sie einen Grund. «Ich hatte mein Leben bisher unter Kontrolle. Jetzt bin ich zu einem Sozialfall geworden.» Sie wisse auch von anderen ehemaligen Mitarbeitenden, die wegen der Kündigung auf ihr Erspartes zurückgreifen mussten. «Wir sind die Letzen, die, wenn überhaupt, ihr Geld bekommen.» Sven Colijn ist überzeugt, dass bei einer Bewerbung darauf hingewiesen werden kann, dass diese Kita nun geschlossen worden ist und die Kündigungen dadurch in einem anderen Licht stehen würden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1