Flumenthal
«Frau Wyss, wir wollen mehr Hausaufgaben!»

In der ersten Klasse der Primarschule in Flumenthal ist die Lust am Lernen noch unbändig, wie ein Augenschein im Schulzimmer zeigt. Das erste Schuljahr ist für die Kinder eine prägende Phase. Sie lernen und übernehmen oft zum ersten Mal Verantwortung

Christof Ramser
Drucken
Teilen
Lehrerin Verena Wyss will die Neugier der Kinder wecken.

Lehrerin Verena Wyss will die Neugier der Kinder wecken.

Christof Ramser

Manchmal ist das Verhältnis zwischen Eltern, Schülern und Lehrern schwierig. Aufmerksam verfolgen Eltern den Lernfortschritt ihrer Kinder, und wenn es Rückschläge gibt, wird die Schuld oft reflexartig den Pädagogen zugeschoben.

Auch in der ersten Klasse in Flumenthal, die Aline Sury und Pascal Stampfli besuchen, sind die Erwartungen an die Lehrerschaft mitunter hoch. «Die Eltern sind sehr aufmerksam», sagt Lehrerin Verena Wyss, die in Flumenthal gleichzeitig Schulleiterin ist.

Fleissige Schülerin: Aline Sury.

Fleissige Schülerin: Aline Sury.

In der ersten Klasse würden Eltern ihren Missmut zwar oft noch nicht direkt äussern. Anhand der Reaktionen und Äusserungen der Kinder bekomme sie die Kritik aber sehr wohl mit. «Und ich nehme sie auch ernst», sagt Verena Wyss. Die wirklich eindringlichen Gespräche folgen aber oft erst später, etwa beim Übertritt in eine andere Schulstufe.

Auf die Persönlichkeit eingehen

Motivationsschwierigkeiten gibt es in der ersten Klasse indes noch nicht – das ist bei Aline Sury und Pascal Stampfli, die wir in ihrem ersten Schuljahr begleiten, nicht anders. «Die beiden sind unglaublich wissbegierig», sagt die Lehrerin.

Aline sei eine fleissige und stille Schülerin. Verena Wyss sieht es als Herausforderung, individuell auf sie einzugehen. So versuche sie, bei Aline ab und zu ein Schmunzeln hervorzukitzeln, wenn diese mit allzu grossem Ernst vor einer Aufgabe sitze.

«Sie arbeitet sehr gut für sich allein», schätze es jedoch, wenn die strengen Aufgaben etwas aufgelockert würden. Man müsse den Lernstoff auch mal zur Seite schieben und auf die persönlichen Facetten der Kinder eingehen, sagt Wyss.

«Das erste Schuljahr ist eine prägende Phase.» Die Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Da sei es wichtig, die Neugier zu kitzeln und die Freude am Lernen zu erhalten. «Denn aus Sicht eines Erstklässlers sind die bevorstehenden Schuljahre noch eine unglaublich lange Zeit.»

Hoch motiviert: Pascal Stampfli.

Hoch motiviert: Pascal Stampfli.

Auch Pascal habe sich schnell an den Unterricht gewöhnt. «Er ist hoch motiviert, geht unbeschwert an die Aufgaben heran und geniesst es, wenn er Bestätigung erhält für etwas, das er gelernt hat.» Tatsächlich: Die Augen des Sechsjährigen leuchten, als er eine Rechenaufgabe gelöst hat. Streiche von vier Blumen zwei weg, so die Aufgabe. «Dann bleiben noch zwei», ruft Pascal und strahlt übers ganze Gesicht.

Eltern wollen Tipps

Viele Eltern nutzen die Gelegenheit und besuchen den Unterricht im Schulzimmer spontan. Dazu seien sie herzlich eingeladen, sagt Lehrerin Verena Wyss. Das sei eine willkommene Ergänzung zum ersten Standortgespräch, das im November und Dezember stattgefunden hat sowie zum so genannten Kontaktheft, wo täglich eine Art Briefwechsel zwischen Eltern und Lehrern stattfindet – mit den Kindern als Postbote.

Dabei falle auf, dass das Empfinden auf beiden Seiten weitgehend deckungsgleich sei. So fällt sowohl der Lehrerin als auch den Eltern auf, wie gross die Lust am Lernen sei. «Die Kinder wollen zusätzliche Hausaufgaben. Das ändert sich ab der zweiten Klasse frappant», sagt Verena Wyss und lacht. Als wolle er die Aussage bestätigen, tritt ein Gspänli von Aline vor die Lehrerin: «Ich bin fertig mit der Rechnung. Was kann ich noch tun?»