Zuchwil-Luterbach

Flüchtlinge fordern den Sozialdienst - das Personal soll aufgestockt werden

Die Klingel am Zuchwiler Gemeindehaus wird häufiger bedient.

Die Klingel am Zuchwiler Gemeindehaus wird häufiger bedient.

Der neue Leiter des Sozialamtes braucht mehr Personal, weil Zuchwil-Luterbach dieses Jahr zusätzliche Flüchtlinge aufnehmen muss. Laut Chef werden noch mehr kommen. Ansonsten soll unter der neuen Leitung aber Ruhe im Sozialdienst eingekehrt sein.

Er habe die Menschen gern, sagt Fredy Nussbaum. «Anders geht es überhaupt nicht, wenn man im Sozialdienst arbeitet.» Als Menschenfeind wäre es wohl auch schwierig, einer Asylbewerberin bei der Wohnungssuche zu helfen oder einem frustrierten Sozialhilfebezüger zu erklären, dass er weniger Geld erhalten wird. Beides gehört zum Job von Fredy Nussbaum.

Seit einem halben Jahr ist er der neue Leiter des Sozialdienstes Zuchwil-Luterbach. Beim Treffen wird rasch klar: Ein Schreibtischtäter ist der Mann nicht. Er führt selber Sozialhilfefälle und Beistandschaften oder nimmt Telefone entgegen.

«Ich will wissen, was meine Mitarbeiter machen, was sie beschäftigt.» Als Teil des Teams könne er positive Anstösse geben. «Das wird geschätzt.»

In seinem Büro verschanzen mag er sich also nicht. Eine Fotoanfrage lehnt er allerdings ab. Sozialarbeiter seien schon genug der Öffentlichkeit ausgesetzt, begründet er.

Kürzungen werden schmerzen

Der St. Galler kam vom Amt für Migration und Zivilrecht im Kanton Graubünden ins Solothurnische. Seit 25 Jahren arbeitet er im Asylbereich.

Der ausgebildete Heimleiter hat eine klare Haltung nach Zuchwil mitgebracht. «Wir leisten auf dem Sozialdienst Hilfestellung, solange es nötig ist. Aber danach sollen die Leute wieder auf die eigenen Füsse kommen.» Auf Verständnis stossen bei ihm die Kürzungen in der Sozialhilfe, die kürzlich für Grossfamilien und unter 25-Jährige beschlossen wurden.

Wobei die jungen Erwachsenen im Kanton bereits seit Anfang 2015 mit reduzierten Tarifen leben müssen. «Die Kürzungen sind sinnvoll», findet Nussbaum. Er ist überzeugt, dass damit mehr Menschen «aus ihren Schneckenhäusern» geholt werden können. «Damit sie nicht sitzenbleiben.»

Es gehe grundsätzlich darum, die Sozialhilfe weniger attraktiv zu gestalten – sofern man in diesem Zusammenhang überhaupt von Attraktivität sprechen könne. Als Strafe will er die tieferen Zuwendungen nicht verstehen. «Es geht darum, die Menschen wieder auf ihren eigenen Lebensweg zu bringen.»

Trotzdem glaubt er, dass die Kürzungen der Sozialhilfe gerade junge Menschen schmerzen werden, wenn sie feststellen, dass sie weniger Geld für die Wohnungsmiete und zum Leben haben. «Verhungern muss aber niemand.»

Mehr Stellen nötig

Gefordert wird der Sozialdienst durch die Ankunft von Asylsuchenden. Allein dieses Jahr muss Zuchwil-Luterbach 24 zusätzliche Personen aufnehmen. Über 100 Asylsuchende leben in Zuchwil und Luterbach, dazu kommen die anerkannten Flüchtlinge, die ihren Wohnort frei wählen können.

Weil gemäss Nussbaum weitere schutzbedürftige Personen ankommen werden, soll in den sozialen Diensten der Personaletat aufgestockt werden. Dazu soll ein Asylkoordinator ernannt werden.

Die Abteilung verfügt derzeit über 1700 Stellenprozente, verteilt auf 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fredy Nussbaum will aber auch Freiwillige aktivieren und mit dem Verein Zusammen in Zuchwil zusammenarbeiten. Und: Wenn die Arbeitslast wieder abnimmt, sollen Stellen wieder gestrichen werden.

In seinem ersten halben Amtsjahr hat der 55-Jährige bereits einige Zuchwiler Besonderheiten kennen gelernt. Dass die Sozialhilfequote über dem kantonalen Durchschnitt liegt, hänge mit der Nähe zur Stadt und den teilweise «vernünftigen» Mietzinsen im Dorf zusammen. Dass bereits viele Ausländer in Zuchwil leben, mache die Gemeinde zudem attraktiv für Landsleute, die die Nähe zu ihrer Gemeinschaft suchten.

Ruhe eingekehrt

Den Sozialdienst Zuchwil-Luterbach sieht der neue Leiter auf einem guten Weg. Nach Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Abgang der Vorgängerin und vielen Personalwechseln sei Ruhe eingekehrt. Die Einstellung von qualifizierten Fachkräften habe geholfen.

«Ich will einen Sozialdienst, der ruhig läuft», so Nussbaum. Dazu werden mit dem Umbau der Büros derzeit auch die Sicherheitsmassnahmen erhöht. Die Räume werden baulich so verändert, dass die Mitarbeiter besser geschützt sind.

Die Arbeit mit Sozialhilfeempfängern, Menschen mit Beiständen oder Asylsuchenden lege tragische menschliche Schicksale offen. Da müsse man sich emotional abgrenzen können. «Die Situation ist für die Menschen oft schwierig.»

Etwa wenn erklärt wird, dass jemand das geforderte Geld nicht erhält, kann das negative Reaktionen auslösen. «Da wollen wir das Risiko nicht herausfordern.» Die Polizei musste aber noch nie aufgeboten werden.

Auf eigenen Beinen stehen

Fredy Nussbaum will im Sozialdienst Zuchwil-Luterbach manches anders organisieren. So sollen etwa Bereichsleitungen geschaffen werden. Das Ziel sei, die Menschen, die von der Sozialhilfe abhängig sind, auf die eigenen Beine zu bringen. «Jede Person, die finanziell unabhängig wird, ist ein Erfolgsfall.»

Andererseits sei die Hemmschwelle, öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, noch immer sehr hoch. Einige müssten fast zitiert werden. Dabei könne der Sozialdienst oft unbürokratisch Hilfe bieten. Und es sei auf jeden Fall besser, aufs Sozialamt zu gehen, als in die Schuldenfalle zu geraten.

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