Phänomen
FDP ist wählerstärkste Partei im Bucheggberg - und ein Phänomen

Die FDP war im Bezirk Bucheggberg die Volkspartei – und bleibt auch nach dem Niedergang ein Phänomen. Denn auch heute hält der Freisinn die Stellung.

Christof Ramser
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Gelb war die Farbe des Freisinns. Die Suche nach den Wurzeln führt einmal quer durch den Bezirk.

Gelb war die Farbe des Freisinns. Die Suche nach den Wurzeln führt einmal quer durch den Bezirk.

crs

Es gibt neben Küssnacht SZ und Mittelland AR genau einen Bezirk in der Deutschschweiz, in dem die FDP bei den nationalen Wahlen am 18. Oktober als wählerstärkste Partei hervorging. Fast 33 Prozent holte die Partei. Der Bucheggberg ist somit landesweit, aber vor allem kantonal ein Phänomen.

Während die SVP in den übrigen Bezirken durchmarschiert und die SP im Stadtbezirk Solothurn stärkste Kraft ist, hält der Freisinn im Bucheggberg seit 120 Jahren die Stellung. 1895 wurde im Kanton das Proporz-Wahlrecht eingeführt. Stets war die FDP seitdem die unbestrittene Nummer eins, in den jungen Jahren des 20. Jahrhunderts wählten sämtliche Bucheggberger Männer freisinnig. Seither ist die Partei zwar auf dem absteigenden Ast.

Gelb war die Farbe des Freisinns. Die Suche nach den Wurzeln führt einmal quer durch den Bezirk.

Gelb war die Farbe des Freisinns. Die Suche nach den Wurzeln führt einmal quer durch den Bezirk.

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Doch noch immer umgibt sie der Schein der «Volkspartei». Wie kommt es, dass eine Gesinnung, die eigentlich nicht mehr in das ländliche Milieu passt, ihre Vormachtstellung selbst unter Landwirten noch nicht aufgeben musste?

Die Spurensuche führt in das freisinnige Herz des Bezirks, in den Gasthof Kreuz in Mühledorf. Gab es für die Liberalen etwas zu feiern, und das gab es nach den Wahlen eigentlich immer, war das «Kreuz» die erste Adresse. «Wenn sich die Parteimitglieder hier getroffen haben, hat es den grossen Saal im ersten Stock jeweils fast verjagt», schildert Ruedi Lätt.

Der rüstige Rentner trinkt seinen Espresso in der heimeligen Gaststube und erinnert sich. Als Wirt hat er die kantonale und nationale Politprominenz kommen und gehen sehen. Zweimal kehrte der Bundesrat auf seinem Schulreisli im «Kreuz» ein. Es waren die goldenen Zeiten der «Gelben». Für den 83-jährigen Zeitzeugen trägt seine Partei noch heute den traditionellen Anstrich.

Wie kam es denn nun, dass die Bucheggberger stets freisinnig waren?

«Die FDP war die Volkspartei», sagt Ruedi Lätt. Die zahlreichen Gewerbetreibenden, die es früher in Mühledorf gab, fanden alle Platz unter diesem Dach. «Nicht nur Bauern, auch Knechte und Mägde wählten gelb.» Manchmal bedurfte es dafür etwas der Nachhilfe.

Die Meister hätten ihren Angestellten beim Ausfüllen des Stimm- und Wahlmaterials jeweils unter die Arme gegriffen. «Unterschrieben haben sie dann selber.» Auch eine ältere Frau, die lange im «Kreuz» wohnte, habe die Unterlagen stets zur Bearbeitung weitergereicht. Ruedi Lätt weiss nicht recht, ob er die Geschichten erzählen soll. Nun, eine rückwirkende Klage wegen Wahlfälschung dürfte ausgeschlossen sein.

Gab es denn keine abweichenden Meinungen in der Bevölkerung?

«Doch, es gab stets die Sozialdemokraten», sagt Ruedi Lätt. Auch aus Mühledorf fuhren Arbeiter täglich mit dem Velo ins Stahlwerk Gerlafingen. Die Roten wurden geduldet, ihnen hätte man jeweils einen Vertreter in den Gemeinderäten zugestanden. «Aber die Freisinnigen entschieden, welcher Sozialdemokrat in die Kränze kam.» Einer, von dem man wusste, dass er im
Gemeinderat nicht viel sagen werde. Berührungsängste mit den Linken gab es durchaus. Als die SP-Mitglieder Schang Hutter und Jean Racine einmal bei der Wirtin anfragten, ob sie eine Parteiversammlung im «Kreuz» durchführen dürften, fragte diese lieber
zuerst ihren Mann, ob das wohl in Ordnung sei. Sie wurden schliesslich hereingelassen.

Verschlossen blieb der protestantisch geprägte Landstrich stets der CVP. Die «Schwarzen» wurden da und dort mit Geringschätzung betrachtet. Nur einmal, erzählt der ehemalige Mühledörfer Gemeindepräsident Ruedi Lätt, habe sein Amtsnachfolger, selbstverständlich ebenfalls ein «Gelber», die kantonale CVP-Fraktion im Bucheggberg empfangen. Sicherlich hätten sie die prächtigen gelben Rapsfelder im Bucheggberg wahrgenommen, fragte der Gastgeber die katholischen Gäste. Bloss würden sich dort drin vereinzelte schwarze Käfer tummeln.

Nicht immer ging es so friedlich zu. Als die SP der FDP in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorschreiben wollte, was gut für sie sei und wie sie zu wählen hatte, riefen einige freisinnige Kantonsräte zum «Aufmarsch in Waffen» auf. Die «Moskauer» hatten die Bewohner des Bezirks offenbar zum Wahlboykott aufgefordert, weil kein Bucheggberger Bauer auf der Nationalratsliste sei.

Es sind Anekdoten, über die Ruedi Lätt heute lacht. Doch sie machen deutlich, wie stark der Freisinn in der Bucheggberger Seele verankert war. «Etwas anderes kam für mich nie infrage», sagt Lätt. Vielen im Bezirk geht es heute noch so.

Bucheggberg mit Sonderstatus

Die Spurensuche führt weiter ins Limpachtal, zu Christian Wanner, dem Doyen des bucheggbergischen Liberalismus. Der langjährige Kantons-, National- und Regierungsrat sitzt am grossen Tisch in der holzgetäfelten Küche. In Messen, das wie ein Kleinformat des Bezirks auf drei Seiten vom Kanton Bern umgeben ist, war die schwere Pranke des Berner Bären stets spürbar. «Wir sind Berner», sagt Wanner – das gilt historisch, was den Glauben, das Schulsystem und die Gerichtsbarkeit betrifft.

Der Bettag, ursprünglich ein protestantischer Feiertag, wurde hochgehalten. Der Pfarrer verlas dann jeweils die Botschaft der Berner Regierung, und noch heute überbringt ein Regierungsstatthalter die besten Wünsche der bernischen Kirchendirektion, wenn ein neuer Pfarrer eingesetzt wird. Der Bucheggberg hat mit einem Auge immer nach Bern geschielt. Sezessionsgelüste gab es indes nie.

Warum wollte der Bucheggberg denn nie zu den Bernern?

«Das hängt mit der politischen Grosszügigkeit des Kantons Solothurn zusammen, der uns stets eine gewisse Autonomie zugestanden hat», weiss Wanner. Wäre Bern mit dem Jura nicht so repressiv umgesprungen, hätte es den jüngsten Schweizer Kanton kaum gegeben. «Solothurn hat uns gepflegt.» Bucheggbergern wurden Posten im Staatsdienst zugehalten und der Bezirk profitierte vom Finanzausgleich. «Der Kanton hatte immer ein Gspüri für Minderheiten», sagt Wanner.

Und das Messner Animal politique hatte ein Gspüri, wie man die Wählerschaft an «die Partei» (das war im Bucheggberg immer die FDP) band. Warb er Mitglieder für die angesehene Schulkommission an, war damit automatisch das Bekenntnis zum Freisinn verbunden. «Auch die Vereinsmitglieder kamen alle zu uns», sagt Wanner. «Man musste halt miteinander reden.» Dass die FDP im Bucheggberg zur Volkspartei wurde, war schliesslich nur möglich, weil sie sozialpolitische Fragen aufgenommen hat. 4 von 5 Kantonsräten waren immer freisinnig, und es wurde akribisch darauf geachtet, dass neben einem Bauern zumindest ein Gewerbler und ein Arbeitnehmer darunter war. Es galt die Regel: Jedermanns Meinung wird geachtet, jeder konnte mitmachen.

Das zeigt exemplarisch die Geschichte von Hansruedi Wüthrich. Er wohnt im westlichsten Zipfel des Bezirks. Schnottwil konnte sich bis heute als liberale Hochburg behaupten. Als einfacher Briefträger kam er als 20-Jähriger zum Freisinn. «Das wäre heute wohl unvorstellbar.» Die Eltern waren Landwirte in Lüterswil, da wurde die liberale Weltanschauung schon mit der Kuhmilch eingegeben. «Es ist der Bucheggberger Geist, der hier seine Offenheit zeigte. Das sagte mir zu.» Vom Pöstler verlief Wüthrichs Weg dann über die nebenamtliche Gemeindeschreiberei in den Kantonsrat, den er schliesslich präsidierte. Er bezweifelt, dass solch eine Karriere in einer anderen Kantonalpartei möglich gewesen wäre.

Und wie kam es dazu, dass die
Bauern liberal waren?

«Die CVP und die FDP teilten sich die Landwirtschaft auf», sagt Robert Flückiger. Dort, unweit des Schlosses Buchegg, geht die Spurensuche nach den liberalen Wurzeln der Bucheggberger zu Ende. Flückiger war lange Jahre Direktor des bäuerlichen Bildungszentrums Wallierhof. Die Landwirte hätten sich stets nachdrücklich Gehör verschafft in der Partei. «Sie waren dominant.»

Im Gegenzug habe die FDP die Landwirtschaft gepflegt. Es wurde akribisch darauf geachtet, dass Bauern in die kantonale Legislative entsendet wurden. Flückiger, der von 1989 bis 1996 im Kantonsrat sass, hätte «nie gegen einen Bauern kandidiert». Die Landwirte genossen im bucheggbergischen Freisinn stets Vorfahrt. Dass die Partei neben Bauern und Gewerblern auch den Arbeitern offenstand, habe sie erst gross gemacht.

Noch behauptet der Freisinn im Bucheggberg also seine Vormachtstellung. Wie lange noch?

«Ich bin nicht schlechter Dinge», sagt Christian Wanner. Man müsse sich klar werden, dass am rechten Rand nichts zu holen sei. Es müsse dagegen gelingen, Junge, Familien oder bildungspolitisch Interessierte an die Partei zu binden, denen es nicht viel ausmache, wenn sie einige Franken mehr Steuern zahlen. «Solange sie einen Gegenwert erhalten wie einen guten Kindergarten und eine gute Schule.»

Neben dem öffentlichen Personal und dem Gewerbe dürfe man die Bauern nicht vergessen. Dann werde der Freisinn im Bucheggberg auch künftig erste Wahl sein.