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Fasziniert vom Sprung ins Leere: Deitinger Familie lebt für das Fallschirmzielspringen

Erica, Andi, Dominique und Christina (v. l.) im freien Fall. Sie springen anlässlich von Familienfesten, aber auch regelmässig an Wettkämpfen.

Erica, Andi, Dominique und Christina (v. l.) im freien Fall. Sie springen anlässlich von Familienfesten, aber auch regelmässig an Wettkämpfen.

Für die sechsköpfige Familie Franz aus Deitingen ist Fallschirmzielspringen Leidenschaft – sogar drei Karrieren im Spitzensport sind daraus hervorgegangen. Ein Blick ins Familienalbum.

Das Fliegen gehört zur Familie Franz. Zur Familie Franz gehören Erica, 60, Andi, 70 und ihre vier erwachsenen Kinder. Von klein auf haben sie regelmässig Flugplätze besucht und in Flugzeugen gesessen. Familienvater Andi, der vor der Pension in der IT-Branche berufstätig war und schon als Kind Modellflieger gebaut hat, ist seit Jahren Pilot aus Leidenschaft und Fluglehrer. Früher, so erzählt er am Küchentisch in Deitingen, habe man vor den Ferien auf einer Europakarte eingezeichnet, wo es als Nächstes hingehen soll. Dann habe er die Familie dorthin geflogen. «Das war ganz normal für uns alle», sagt er. «Zum ersten Mal Zug fahren – das war speziell für die Kinder.»

Von links: Erica, Dominique, Andi und Christina Franz.

Von links: Erica, Dominique, Andi und Christina Franz.

Ebenso zur Familie gehört das Springen aus luftiger Höhe. Familienmutter Erica, gelernte medizinische Praxisassistentin, springt seit 38 Jahren Fallschirm, rund 7'000 Sprünge hat sie nach eigenen Angaben in ihrem Leben gemacht. Der Sohn fliegt Gleitschirm. Die eine Tochter hat das Fallschirmspringen aufgegeben, seitdem sie selbst Mutter ist. Die anderen beiden Töchter sind, ebenso wie die Mutter, aktive Spitzensportlerinnen in der Disziplin Fallschirmzielspringen.

Gemeinsam mit Mutter Erica erzählt die 35-jährige Christina beim Treffen, worum es bei der Randsportart geht: Im Team springt man aus rund 1'000 Meter Höhe aus dem Flugzeug. Am Boden befindet sich eine Matte mit Zielscheibe. Ziel ist, diese mit der Ferse möglichst in der Mitte zu treffen.

Die jüngste Tochter, Barbara, hat bisher über 800 Sprünge, die Älteste, Christina, über 2'000 Sprünge gemacht. Sie wurde auch schon Weltmeisterin – im Paraski, einer Kombination aus Riesenslalom und Fallschirmzielspringen.

Auf der Treppe im Deitinger Elternhaus steht ein Pokal. Regelmässig finden Wettkämpfe statt. Die aktuelle Trophäe ist aus Italien, dort fand jüngst ein Weltcup statt. «Nicht schlecht» sei es gelaufen, sagen Mutter und Tochter. Christina wurde dritte, Erica zweite.

Christina Franz nach einem Absprung in der Disziplin Paraski – in welcher sie 2015 Weltmeisterin wurde.

Christina Franz nach einem Absprung in der Disziplin Paraski – in welcher sie 2015 Weltmeisterin wurde.

Über 300 Sprünge im Jahr und regelmässig Wettkampf

Der Wettkampf in Italien war der einzige von ursprünglich sechs Weltcups, der dieses Jahr stattfinden konnte. Wegen der Coronapandemie wurden die restlichen abgesagt oder verschoben. «Barbara, unsere jüngste Tochter, hatte damit etwas Mühe», erzählt Erica. Christina, die Älteste, hat mit dem Ehemann ein Haus gekauft und umgebaut und deshalb genug anderes zu tun gehabt in der wettkampflosen Zeit.

Zeit investieren die Franzens viel in den Sport. Von Frühling bis Herbst trainieren sie drei von vier Wochenenden im Monat oder nehmen an Wettkämpfen teil. Zudem finden ganze Trainingswochen und -lager statt. So kommen sie je auf 200 bis 350 Sprünge im Jahr. Die Familie besitzt einen Camper, steuert damit Flugplätze in der ganzen Schweiz an, um zu trainieren; mit dabei immer eine aufblasbare Matte mit Zielscheibe.

Mit jährlich über 250 Sprüngen wird trainiert. Im Bild Christina in Gruyère.

Mit jährlich über 250 Sprüngen wird trainiert. Im Bild Christina in Gruyère.

Für Wettkämpfe – wenn sie denn wieder stattfinden können – geht es auch ins Ausland. Italien, Frankreich – aber auch Argentinien oder Australien. «Das gehört einfach dazu», sagt Erica über die Leidenschaft, die in der Familie liegt. So erzählt sie, wie sie mit Andi vor der Hochzeit aus dem Flugzeug sprang und neben dem Standesamt landete, und dann in Vollmontur geheiratet hat. Tochter Christina ergänzt, auch bei Familienfesten oder Verlobungsfeiern von Freunden würde öfters gruppenweise gesprungen – «wir bringen bei der Ankunft das Glück vom Himmel mit», sagt sie lachend. So sei zwar das Gewinnen im Sport auch schön, aber: «Es muss Freude machen.» Es brauche körperliches und mentales Training, am Boden und in der Luft, viel Konzentration und Disziplin, um die Zielscheibe zu treffen – aber bei jedem Sprung seien auch Emotionen und grosse Vorfreude dabei. «Für mich ist es das Gefühl der Freiheit», beschreibt Christina, die an einer Gewerbeschule Sport und Allgemeinbildung unterrichtet, die Faszination zum Sport. «Der Sprung ins Leere, der zu Beginn noch Angst macht.»

Am Dorffest 775 Jahre Deitingen (2019) hat Christina Franz ein Demosprung gemacht.

Am Dorffest 775 Jahre Deitingen (2019) hat Christina Franz ein Demosprung gemacht.

Fünf Frauen in der Nati – drei aus der Familie Franz

Begonnen haben alle Kinder der Deitinger Familie jeweils mit 12 Jahren – aus diesem Anlass finanzierten die Eltern ihrem Nachwuchs je einen Tandemsprung; also einen begleiteten Absprung. Die Fallschirmausbildung mussten die Kinder dann selbst bezahlen. «So konnten wir sicher gehen, dass sie das auch wirklich wollen», erklärt Erica.

Auch heute finanziert sich die Familie das Hobby selbst. Weil alle drei Frauen an Wettkämpfen jeweils vorne mit dabei sind, qualifizieren sie sich zwar regelmässig für die ganz grossen Wettbewerbe der Elite – die Weltmeisterschaft im Fallschirmzielspringen etwa. Das ganze Training, Anreise und Material für das Betreiben ihrer geliebten Randsportart bezahlen sie selbst. Bis zu 30'000 Franken im Jahr etwa gibt die Schweizer Nationalmannschaft dafür aus. Fünf Frauen sind im Team – mit Barbara, Christina und Erica kommen drei davon aus der Familie Franz.

Ihr Ziel: An den nächsten Weltmeisterschaften – diese finden 2021 in Russland statt – unter die Top 5 zu gelangen. Bewertet wird an Wettkämpfen jeweils das Team; nacheinander springen die fünf Athletinnen aus dem Flugzeug. Zudem werden auch die Resultate der einzelnen Sportlerinnen auf einer Rangliste geführt. «Das Schöne ist: Man kämpft so nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst», meint Andi. «Oder mit sich selbst», wirft Erica ein. Und im Team motiviere man sich zusätzlich. Als hätten sie es einstudiert legen Mutter und Tochter die Hände aufeinander, rufen «Paradodendro!» – ihr Teamname – und zeigen mit dem Zeigefinger nach unten, Richtung Boden. Dorthin, wo sie nach dem Sprung aus dem Flugzeug die Zielscheibe treffen wollen.

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