Deitingen

Fast die ganze Dorfbevölkerung feiert den 1.August zusammen – Franco Supino spricht

Franco Supino sprach am 1. August in Deitingen.

Franco Supino sprach am 1. August in Deitingen.

Der Solothurner Autor Franco Supino hielt an der 1.-August-Feier in Deitingen die Rede. Er erzählte dabei eine Kurzgeschichte über seine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn

Auf dem Hügel hinter dem Maisfeld grasen die Kühe am Waldrand. Hier grüssen die Jugendlichen freundlich, auch wenn sie den «Fremden» aus dem Nachbardorf nicht kennen. Die Kinder warten, bis das Jodlerchörli sein Lied fertig gesungen hat, und erst dann zünden sie ihre «Frauenfürze». Und während immer mehr Dörfer auf eine eigentliche Bundesfeier verzichten und nur noch eine simple Party machen, sitzt in Deitingen fast die ganze Bevölkerung an den langen Festbänken, um miteinander zu reden und sich besser kennen zu lernen.

Hier werden die Neuzuzüger herzlich begrüsst und die Jungbürgerinnen und Jungbürger stellen sich persönlich der Dorfgemeinschaft vor, bevor sie von dieser vereidigt und offiziell aufgenommen werden. Irgendwie scheinen in Deitingen die Uhren auf idyllische Weise etwas anders zu ticken.

Turnusmässig war die SP an der Reihe, die Bundesfeier in Kombination mit der Jungbürgerfeier zu organisieren. «Die Verbundenheit und die Tradition haben bei uns einen grossen Stellenwert», erklärte Gemeinderätin Caroline Biener-Flury, warum so viele Leute gekommen waren. «Es ist immer ein wertvolles und gehaltvolles Fest, das den Zusammenhalt fördert. Und der Zusammenhalt im Dorf führt wiederum dazu, dass es ein schönes Fest gibt.» Als Redner konnte Caroline Biener-Flury einen ehemaligen Schulkameraden gewinnen: den in Solothurn wohnhaften Franco Supino.

«Während ich an sie denke», begann Supino seine Ansprache, «fliegt vor meinem Fenster die Landschaft Sibiriens vorbei.» Der Schriftsteller und Dozent an der Pädagogischen Hochschule der FHNW hatte nicht einfach eine patriotische Rede aus der Schublade gezogen und rezykliert, wie das viele Politiker tun. Er nutzte seine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, um eine Kurzgeschichte zum 1. August zu schreiben.

Seine Familie habe die wertvolle Langeweile genossen, beschrieb Franco Supino die Zugfahrt, die zehn Tage dauerte. Spasibo, also danke, sei das einzige Wort, das er gelernt habe. «Wie leicht wäre es, sich über mich lustig zu machen, oder mich übers Ohr zu hauen, oder mir die kalte Schulter zu zeigen und zu fragen, was ich denn hier verloren habe, wenn ich nicht einmal bis zehn zählen und kein kyrillisch geschriebenes Wort lesen kann?», fragte Supino. «Verstehen geht ohne Worte», lieferte er sogleich die Antwort. «Menschen, die das wollen, verstehen sich jenseits sprachlicher Grenzen. Das sollten wir beherzigen, wenn Fremde in unser Land kommen.»

Franco Supino sprach über die liebenswerten Russen, die Vorzüge dieses riesigen, absolut fortschrittlichen Landes, das über zwei Millionen Mal grösser ist als Deitingen. «Trotzdem möchte ich unsere Bundespräsidentin Doris Leuthard nicht gegen Vladimir Putin eintauschen.» Obwohl er persönlich von Repression nichts zu spüren bekommen habe, sei ihm die Angst der Russinnen und Russen aufgefallen, die diese Angst «Respekt vor Putin» nennen.

«Ich bin wieder hier, wo ich hingehöre. In Deitingen», schloss Franco Supino seine Rede, und er rief die Jungbürger dazu auf: «Macht die Sache Deitingens zu Eurer Sache.» Und so ging die Bundesfeier nach und nach in den Lampionumzug über, der beim grossen Freudenfeuer endete.

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