Biberist

Fantasien zu Maria Ludovika von Roll vereinen Historie und Legenden

Ein besonderer «Tag X im Leben der Maria Ludovika von Roll» vereint als einfallsreiche Ausstellung im Schlösschen Vorder-Bleichenberg in Biberist Historie und Legenden.

Sie muss eine attraktive Frau gewesen sein, diese Maria Ludovika von Roll (1737-1825), Ehefrau von Urs Viktor Joseph von Roll (1711-1786). So apart, dass auch Galan und Autor Giacomo Casanova, der damals in der Schweiz und in Solothurn weilte, von ihr fasziniert war, ihr vielleicht amouröse Avancen machte – oder sie ihm schöne Augen?

Auf jeden Fall haben sie sich getroffen, das ist belegt. Zudem hat Casanova seiner reizvollen Solothurner Bekanntschaft immerhin drei Kapitel in seinen «Lebenserinnerungen» gewidmet. Historisch gesichert sind weitere legendäre Begebenheiten keineswegs, alles Weitere liegt im Nebel der Vergangenheit. Aber je mehr eine historische Person mit vielleicht einer geheimnisvollen Geschichte im Verborgenen bleibt, um so mehr treiben Vorstellungen, anekdotische Blüten.

Eigentümerin des Schlösschens

Bereits bei einer ersten Besichtigung, animiert durch das Video zur Geschichte des Schlösschens Vorder-Bleichenberg, wurden die Künstlerinnen Adelheid Hanselmann und Michelle DeFalque in den Bann gezogen, eine Idee wurde gesponnen: Eine Ausstellung über Maria Ludovika von Roll als letzte Eigentümerin des Schlösschens und Dame der Solothurner Patriziergesellschaft, ihr Leben, Denken, Fühlen, eingebettet in das opulente Rokoko sowie die Französische Revolution, deren Auswüchse, die Magie Casanovas und der Ort als Zeuge dieser wechselhaften Solothurner Zeiten.

Dazu die Idee, den Wohnort der bereits genannten Ausstellungsmacherinnen in Almens im Domleschg mit einzubeziehen, wo ebenfalls Gina Chiara und Stephan Stutz leben und Peter Killer, viele Jahre als eloquenter Kunstkritiker bekannt, aus Olten immer wieder dazustösst.

Eine neue Geschichte erzählen

Da die Historie wenig Konkretes zu berichten weiss, konnte dieses Künstlerkollektiv neue Legenden über Maria Ludovika von Roll spinnen, ihre Künstlerfantasien Wirklichkeit werden lassen. Mit den unterschiedlichen Bildsprachen und anekdotischer Ideenfülle, mit vereinten künstlerischen Freiheiten erzählen alle gleichsam eine Lebenslegende in verschiedenen Kapiteln und Episoden.

Von Raum zu Raum, von Bild zu Objekt, von spiritueller Metapher zu eventueller Realität, von versponnener Installation zu historischer Reminiszenz wandeln die Betrachtenden wie durch üppig bebilderte Zeiten, Gemütslagen und Heimaten, geformt und gestaltet aus mancherlei Fundstücken aus dem Domleschg, mit historischen Materialien und Flora, Naturgedanken, Techniken, Collagen, geistvollen Interventionen, Malerei und geschichtsträchtigen Verweisen.

Wundersam greifen die Arbeiten der beteiligten Kunstschaffenden ineinander: Peter Killer malt nun, und zwar kleine Liebesanekdoten. Adelheid Hanselmann begeistert mit ihren magiereichen, installativen Arbeiten, erweitert die Kapelle zum Raum einer freien Spiritualität und naturverbundenen Meditation. Eine rote, kuh-lederne Badewanne fasziniert, Lüster aus Knochen und Flaschenhälsen wirken wie Zeitzeugen. Stephan Stutz erweckt die Fledermäuse, die einst das Schlösschen behausten, im Dunkeln kurkumagelb leuchtend auf Schieferstein oder er verweist auf die Samen als Träger der Vergangenheit und Zukunft.

Selfies und Discokugel

Gina Chiara erweitert mit ihrem Wildkräuterwissen die historische Stimmung um zarte Bilder, geschöpft aus der Bündner Natur. Die Zeit der einquartierten Soldaten wird bespielt, Michelle DeFalque mutmasst Ludovikas vermeintliche Eitelkeit mit Selfie-Videostills wie auch das Boudoir als Hort der Spiegel und Selbstbespiegelung.

Immer wieder lebt Maria Ludovika auf, als grüne Fee im edlen Kleid, als medial modernisiertes Wesen, als Nachklang im netzartigen Gewand mit der glitzernden Discokugel, wenn sie die eine Welt in eine andere verlässt. Und sie lebt auf in den Raumtexten von Peter Killer: lustvolle Fabulierereien, die so elegant klingen, dass die Besucher gerne alles glauben möchten, was zu lesen steht. Da wachsen vage Fakten und eine kreative Dichtung sowie andere Mutmassungen zu einer trefflichen Geschichte zusammen.

Bis 25. Juni. Geöffnet: Mi + Do 16-19 Uhr, Sa + So 14-18 Uhr. Sonntag, 11. Juni: Peter Killer liest seine Fabuliererei «Casanovas Madame de R». Hophgesang: Michelle DeFalque, anschliessend Führung mit den Kunstschaffenden. Matinée: Sonntag, 18. Juni, 11 Uhr, Trio Streeo. Finissage: Sonntag, 25. Juni, 16 Uhr, Peter Killer liest aus einem Alterswerk Casanovas, dem fantastischen Roman «Eduard und Elisabeth bei den Megamikren», Hophgesang: Michelle DeFalque.

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