Wenn bei Steiners geklingelt wird, meldet sich zuerst der Hund. Schwanzwedelnd kommt er angerannt, stellt sich mit den Vorderpfoten an die Glasscheibe neben der Haustüre und bellt. Kurzes Warten. Dann macht jemand die Tür auf, Hund Noccio unter dem Arm, damit dieser nicht ausbüxt. In diesem Einfamilienhaus in Selzach lebt die Familie Steiner. Alle sieben Kinder leben noch zu Hause. 

9006 Resultate gibt es auf search.ch zur Anfrage Steiner. In Selzach leben zwei Familien, die so heissen.

Livia ist die Jüngste der Steiners. Blond, wie fast alle der Kinder. Im Zimmer Kinderbücher, Schmetterlinge an den Wänden und rosa Bettwäsche. Die Zweitklässlerin übt Saxofon. Tief Luft holen. Dann erklingt «Aui mini Änteli». Am Schrank hängt ein Foto. Livia im Tutu, ein Bein in der Luft. Sie geht auch ins Ballett. Und in die Leichtathletik. Und samstags reiten. So wie Schwester Riana, die am Küchentisch sitzt. Die Zehnjährige – ebenfalls blond – zeichnet Pferde in ein Heft. «Aus dem Kopf.» Auch im Zimmer überall Pferde: Pferdehefte, Pferdeposter, ein Pferdestofftier. Auf dem Pult ein Geigenkasten. «Luuscheib», ruft Riana, als der Hund ins Zimmer kommt und sich das Stofftier schnappt.

Der Name Steiner kommt ursprünglich aus dem Bernischen. Das Wappen des Geschlechts dieser Familie Steiner ziert ein Kreuz zwischen zwei Sternen, über einer Bergkette. Andere Steiners aus anderen Kantonen haben etwa Steinböcke oder Steinbrüche im Wappen.

«Duesch d Hüehner no füettere? Und cha no öpper mitem Hung go?», klingt es durchs Haus. Die Hühner füttern, das übernimmt Riana. In der Küche holt sie Spaghetti und Salzstängeli. Livia läuft ihr nach. Dann geht es raus, die Treppe in den Garten hinunter. Dort ein grünes Holzhäuschen, ein Gehege. Und viel Gegacker. Riana leert das Futter in eine alte Pfanne. Sie nimmt ein Huhn auf den Arm. Bruder Mathyas kommt vorbei. Er ist 14 und geht in die siebte Klasse. Er hebt Noccio aus dem Gehege, der hineingetapst ist.

Nebenan summt es. Die Steiners halten auch Bienen. Vor allem wegen des Tierwohls, erklären sie. Aber es gibt auch Honig von den Bienen. Den drei Katzen ist es zu heiss. Sie verstecken sich zwischen Büschen im Garten oder liegen auf dem Sitzplatz im Schatten einer Bank.

Nach der Reformation gingen die katholischen Steiners nach Solothurn. Laut dem Schwiegervater Steiner waren die Steiners dann immer in Horriwil zu Hause.

Von dem Sitzplatz geht es direkt in die Zimmer des unteren Stocks. Im Zimmer von Pascal steht ein Fernseher, neben dem Pult ein Gitarrenkoffer. Zeit zum Spielen hat der 16-Jährige aber kaum mehr. Er beginnt im Sommer die Lehre als Strassenbauer, wie dies der ältere Bruder Tobias schon gemacht hat. Tobias hat das Zimmer ebenfalls im unteren Stock. Er ist 18 und schon fertig mit der Lehre. Er arbeitet, bis er im Februar ins Militär muss. Gross Gedanken zum Namen Steiner habe er sich nicht gemacht. Als Kind habe er sicher Steine gesammelt, wenn er etwas schönes gefunden habe.

Dominic ist schon in der RS. Er ist gerade von Airolo nach Hause gekommen. «Schlafen», sagt er auf die Frage, was er denn an diesem Samstag machen würde, wenn er nicht Fragen beantworten würde. Später geht er noch an die Geburtstagsfeier eines Freundes. Mit 20 ist er das zweitälteste Kind. Er hat die Matura im Welschen gemacht. Ein Klassenkamerad habe ebenfalls Steiner geheissen, erzählt er. Pierre zum Vornamen. Also Stein. Das sei relativ lustig gewesen. Ansonsten sei Steiner einfach sein Name.

Seit 1996 leben die Steiners in Selzach. Mit der zweiten dort lebenden Familie sind sie nicht verwandt.

Ein einfacher Name – so wie Julia, erzählt die älteste Tochter. Sie ist in ihrem Zimmer. Mittlerweile haben sich zwei der drei Katzen dort aufs Bett gelegt. Sie gehören der 22-Jährigen, die in Bern Erziehungswissenschaften studiert. «Ein 08/15- Name», sagt Julia weiter, während sie ihre Katze streichelt. Das sei aber überhaupt nichts Schlechtes. Der Name werde von allen verstanden. Zum Beispiel wenn sie mit dem Freund essen geht und im Restaurant auf ihren Namen reserviert. Auf dem Pult von Julia steht ein Bergkristall. Graue Schale, blaues Innenleben. Ein Geschenk des Grossvaters. Dieser habe eine Kristall-Sammlung gehabt. Und eine Steingrube hinter dem Haus. Dort hätte sie mit ihren Brüdern früher Steine gesucht und aufgeschlagen. «Und manchmal haben wir sogar Kristalle gefunden.»

Die Kinder sammeln Steine auf Spaziergängen, stopfen sie in Rucksäcke und Taschen. Davon erzählt auch die Mutter der Familie, Sibylla Steiner. Sie arbeitet Teilzeit in der Buchhaltung, und macht zu Hause den Haushalt. «Alles eine Frage der Organisation», sagt sie, und hebt die Hände neben die Schultern. Die Kinder helfen mit den Tieren, mähen Rasen oder kochen, Tochter Julia hat den Führerschein und kann die jüngeren Geschwister etwa zum Reitstall fahren. An diesem Nachmittag sitzt Sibylla Steiner am Küchentisch. Vor sich ein altes Buch, eingeschlagen in zerfleddertem Papier. Der Familienstammbaum der Steiner, von 1842 aus Horriwil. Die 47-Jährige ist eine gebürtige Rüfenacht. Für sie war aber immer klar, dass sie den Namen Steiner übernimmt. «Ein schöner Name. Ein runder Name», sagt sie. Den man nie buchstabieren muss.

Vor fünf Jahren haben sich die Steiners einbürgern lassen. Die Steiners aus Selzach, erste Generation.

Zwischen zwei seiner Nachmittagstermine kommt Markus Steiner nach Hause und setzt sich ebenfalls an den Küchentisch. Er ist Mitinhaber einer Firma für Haustechnik. Steiner, das sei für ihn der Name, dem ihm die Eltern mitgegeben haben. Der 47-Jährige verbindet ihn mit dem Bauernhof in Horriwil, wo schon die Urgrosseltern Landwirte waren.

Im Buch mit dem Familienstammbaum habe er schon etwas geblättert. Aber er habe sich nie gross mit seinen Urahnen befasst. «Ufpasse gäu», sagt er zu Mathyas, der vorsichtig eine Seite im Buch umblättert. Er lebe im hier und jetzt, fährt der Familienvater fort. In Selzach, mit Frau und sieben Kindern, Hund, Katzen und Bienen.