«Aufgeben werde ich nicht. Mein Ziel bleibt es, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.» Lubomir Boutzev sitzt auf der beigen Polstergruppe in seiner Wohnung in Bellach. Er erzählt konzentriert, gelassen und trotzdem lebhaft über seine Arbeitslosigkeit. Wie es dazu kam und vor allem darüber, wie er sich wieder in den Arbeitsprozess integrieren will – falls man ihn denn lässt. Genau dort liegt das Problem für den 53-Jährigen. Seit 18 Monaten ist er auf der Suche nach einer neuen Anstellung.

Nach Lanco-Konkurs ohne Job

31. März 2015. Diesen Tag wird Boutzev wohl nie mehr vergessen. Knall auf Fall machte die traditionsreiche Montagesystem-Herstellerin Lanco AG in Bellach ihren Betrieb dicht. Wegen Überschuldung ging das Unternehmen Konkurs. Er zögert – dann erzählt er doch. Nach dem Studium als Elektroingenieur an der ETH Lausanne wirkte er dort als wissenschaftlicher Assistent im Bereich künstliche Intelligenz, danach während dreier Jahre als selbstständiger IT-Projektleiter. «Unser Professor an der ETH sagte anlässlich der Diplomfeier: ‹Geht in die Industrie und macht das Beste mit eurem Know-how.›» So kam er 1997 zur Lanco, ausgestattet mit einem auf drei Monate befristeten Vertrag. Daraus sind dann 18 Jahre geworden. Zwischen 1997 bis 2015 war Boutzev bei der Lanco als Ingenieur in der Forschung und Entwicklung tätig. «Wir haben im Team komplexeste Automations- und Robotikanlagen gebaut», blickt er zurück. Bei seinem Start bei Lanco habe das Unternehmen 150 Angestellte beschäftigt, 18 Jahre später noch 50. «Der Konkurs war für alle ein Tiefschlag.» Noch heute kann er die Schliessung nicht nachvollziehen. Die Reputation im Markt sei gut gewesen. Lanco habe der Geisteshaltung von «Swiss Made» gelebt. Das sei nicht zu verwechseln mit «Made in Switzerland». Dies sei nämlich nur «eine geografische Eingrenzung». Und trotz einem bereits im Haus vorhandenen Grossauftrag aus der Uhrenindustrie für eigens entwickelte Anlagen – er spricht von einem Auftragsvolumen von 65 Millionen Franken – sei es zum Aus gekommen. Ohne die Details zu kennen, glaubt er, dass offenbar die Liquiditätsprobleme zu gross waren und die Banken keine Kredite mehr sprechen wollten.

Über 140 Bewerbungen

Boutzev weiss, dass ein zorniger Blick zurück keinen neuen Arbeitsplatz bringt. Deshalb ist er umtriebig geblieben. Mit wachen Augen hinter der Brille erzählt er von seinem Bewerbungsmarathon. Er hat sich nach eigenen Angaben bislang über 140-mal um eine Stelle beworben. Per Mail, per Post, per Headhunter. Dank Letzterem sei es zu zwei Vorstellungsgesprächen mit jeweils interessanten Fachdiskussionen gekommen. Wie es seinem Naturell entspricht – er bezeichnet sich im Lebenslauf selbst als «direkter Kommunikator», als «Querdenker» oder als «Analytiker» – habe er in den Gesprächen auch auf Probleme im Produktionsablauf beim potenziellen Arbeitgeber hingewiesen. «Damit bin ich nicht gut angekommen», sagt er schmunzelnd.

Identische Absagegründe

Im Übrigen habe er fast nie Antwort auf seine Bewerbungsunterlagen erhalten. Und wenn, dann lauteten die Gründe für die Absage praktisch identisch: «Sie sind überqualifiziert, Sie sind zu teuer und Sie sind zu alt.» Er habe auch versucht, mit einem nicht marktüblichen Lohn eine Anstellung zu finden. Das nützte nichts. Er bekam zur Antwort: «Wenn Sie zu diesem Lohn arbeiten, dann suchen Sie weiter einen anderen Arbeitsplatz und bleiben nicht lange bei uns.» Dabei habe der mögliche Arbeitgeber die einfache Rechnung angestellt: «Zwei junge Ingenieure sind günstiger als ein älterer.» Offenbar zähle die Berufserfahrung heute wenig. Oder zum Thema Alter: «Nach der Einführungszeit können Sie in Ihrem Alter noch sieben bis neun Jahre produktiv arbeiten; das ist zu wenig», habe er zu hören bekommen. Immerhin. Derzeit stehe er mit einem chinesischen Technologieunternehmen in Kontakt, welches an seiner Arbeit als Ingenieur mit Standort Schweiz interessiert sei. «Für die Chinesen zählt das Alter nicht, nur die Berufserfahrung und das technische Know-how.»

Jeder fünfte Stellensuchende

Lubomir Boutzev steht nicht alleine da. Wenn allmonatlich das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit die offiziellen Zahlen über die Lage auf dem Arbeitsmarkt publiziert, wird das mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Denn trotz grosser konjunktureller Herausforderungen für die Solothurner Wirtschaft ist die Beschäftigungssituation – insbesondere im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern – gut. Hinter den anonymen Zahlen stecken aber genau so viele betroffene Einzelpersonen. Gerade Stellensuchende in der Altersgruppe 50- bis 59-jährig haben es schwer. Jeder fünfte Stellensuchende im Kanton fällt darunter. Einer davon ist eben Lubomir Boutzev.

Zurück zum Anfang. Der in Zürich und im Ausland aufgewachsene Boutzev entstammt einer bulgarischen Familie. Sein Grossvater, sein Vater und seine Mutter waren oder sind Ingenieure. «Wir sind eine Ingenieuren-Dynastie», meint er lachend. Und diese Tradition will er vorerst persönlich hochhalten, seine Tochter ist erst fünfjährig. Deshalb kämpft er weiter um einen neuen Arbeitsplatz in seinem Métier. «Ich will keine Karriere machen. Ich will, dass meine zu entwickelnden Maschinen laufen.»