Deitingen Maskenball
Es war ein Fall von Schändung: Das Obergericht bestätigt Schuldspruch gegen den 22-Jährigen

Das Obergericht bestätigt den Schuldspruch gegen den heute 22-Jährigen, der eine Frau zu Sex zwang.

Ornella Miller
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Der Alkohol floss wohl in zu grossen Mengen: Die Folgen beschäftigten nun das Obergericht. (Symbolbild)

Der Alkohol floss wohl in zu grossen Mengen: Die Folgen beschäftigten nun das Obergericht. (Symbolbild)

Symbolbild: lz

Ein nun 22-jähriger Schweizer war im November 2018 vom Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt wegen Schändung zu 13 Monaten bedingter Haft bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt worden. Dies, weil er im Februar 2017 nach einem Maskenball in Deitingen mit einer stark betrunkenen jungen Frau ohne deren Willen ungeschützt oral, vaginal und anal sexuell verkehrt haben soll. Sogar obwohl sie wiederholt, auch kurz vor Tatzeitpunkt, erbrochen hatte.

Tom B.* zog das Urteil weiter, da der Sex ihm gemäss einvernehmlich gewesen war. Die Staatsanwaltschaft legte Anschlussberufung ein. Sie verlangte eine höhere Strafe: 16 Monate bedingte Haft.

Lea A.* hatte in der damaligen Verhandlung emotional zerbrochen weinend erzählt, wie schmerzhaft der Sex, wie wehrlos sie war. Sie hatte ansonsten einen «Filmriss», wusste praktisch nichts mehr vom Aufenthalt am Maskenball und von den nachfolgenden Ereignissen des andern Morgens. Ihre Freundinnen und andere Zeugen hatten ausgesagt, wie «kaputt» und «extrem voll» sie am Ball war. Sie habe sich übergeben.

Es geschah in der Wohnung eines Kollegen

Als man dort diskutierte, was man mit Lea machen solle und sogar die Aufbietung eines Rettungswagens erwog, anerbot sich Tom, sie – zu Fuss – in die nahegelegene Wohnung eines seiner Kollegen zu bringen, wo er sowieso übernachten wollte. Auf dem Hinweg setzte sich Lea mal auf die Strasse, ein vorbeikommender Autofahrer brachte beide ans Ziel. In der Wohnung schrieb er den Partygängern, dass sie angekommen seien. Es kam zu Zärtlichkeiten und Sex, nachdem er Leas «pompöses» Kostüm mit Reissverschluss am Rücken ausgezogen hatte.

Die Oberrichter Hans-Peter Marti, Daniel Kiefer und Rolf von Felten wollten von Tom beharrlich genaue Angaben über das Geschehen und über die zeitlichen Abläufe und konfrontierten ihn mit seinen früheren Aussagen. «Vom Zeitablauf geht es mir nicht auf», sagte von Felten etwa oder: «Früher tönte es anders.» Eine angeblich aktive Beteiligung Leas sei in Toms Aussagen von Befragung zu Befragung ausgeprägter, hielt er fest.

Tom fand es schwierig, zeitlich Auskunft zu geben. Dauerte der drei Kilometer lange Weg zur Wohnung bloss eine halbe oder anderthalb Stunden? Es kam ihm einfach «langwierig» vor. Die offenen Fragen zielten speziell darauf ab, wie betrunken Lea zum Tatzeitpunkt noch war und inwieweit sie «mitgemacht» und den Sex gewollt haben könnte.

Tom antwortete oft zunächst mit «pff». Auch hielt er oft den Kopf sorgenvoll in die Hände gestützt. Ihm zufolge sei Lea ansprechbar gewesen, obwohl auch er ausgesagt hatte, dass sie «mause» gewesen sei. Und sie habe auch Initiative gezeigt (Zum Beispiel: «Sie fasste mich am Schoss an.»). Er sagte: «Ich hätte nicht gedacht, dass sie einen solchen Filmriss hat.» Er stellte sich als Helfer dar, habe ihr beispielsweise seine – frischen – Kleider gegeben, als ihr kalt war.

Dass er am andern Tag auf Leas Frage hin nicht erzählte, dass sie Sex hatten, begründete er damit, dass er vermeiden wollte, «Stress» mit seiner damaligen Freundin zu bekommen. Er gab den Sex erst zu, nachdem medizinisch Spuren nachgewiesen waren – Lea bemerkte am nächsten Tag Stuhlgang ungewöhnlicher Farbe und Geruchs, ihr Vater drängte auf Abklärung. Ein schlechtes Gewissen habe er nur seiner Freundin, nicht Lea gegenüber. Als Lea während des laut Tom «versehentlichen» Analsexes ihre Schmerzen kundtat, habe er damit aufgehört.

Wehrlosigkeit ausgenutzt – oder doch kein «Filmriss»?

Staatsanwältin Stefanie Humm argumentierte, Lea sei «völlig wehrlos» gewesen, Tom habe «ihre Selbstbestimmung massiv verletzt». Da er nicht verhütet habe, habe er sie gefährdet, sie habe deshalb vorsorglich Medikamente gegen Schwangerschaft und Infektionen einnehmen müssen.

Leas Anwältin Stephanie Selig thematisierte bis heute nicht verarbeitete psychische Folgen. Schon bei möglicher fehlender Selbstbestimmung liege Schändung vor.

Verteidiger Marc Aebi hielt fest: «Es zeigt sich hier, wie schmal der Grat zwischen erlaubt und verboten ist.» Es sei unzulässig, wie die Vorinstanz von einem Nicht-Erinnern-Können oder -Wollen Leas auf Urteils- und Widerstandsunfähigkeit und Nichteinverständnis zu schliessen. Auch sei die Übelkeit nicht zwangsläufig durch Alkohol ausgelöst gewesen.

Sie habe nur wenig Alkohol getrunken, dies vor Partybeginn. Der maximale Pegel sei beim Eintreffen auf dem Ball gewesen. Der Vorinstanz warf er «einseitige Haltung», in seinen Augen «Willkür», moralische Wertung und Blindheit auf einem Auge vor. Es fehlten jegliche Beweise für eine Alkoholvergiftung.

Das Gericht bestätigte das Urteil der Vorinstanz, verhängte aber eine höhere Strafe: 18 Monate bedingt bei 2 Jahren Probezeit. Ohne positives Nachtatverhalten und vorinstanzliche Verfahrensverzögerung wäre sie 6 Monate höher ausgefallen.

*Namen geändert

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