Recherswil

«Es nimmt mich Wunder, was die Reise mit mir anstellt»: Sie will mit Rollstuhl und Co. nach Spanien fahren

Sie wollen's wissen: Gemeinsam werden sich (v.l) Hund Ivo, Daniela Moser, Cornelia Hess, Esther Lattmann und Hund Samu  auf eine 75-tägige Reise nach Spanien machen.

Sie wollen's wissen: Gemeinsam werden sich (v.l) Hund Ivo, Daniela Moser, Cornelia Hess, Esther Lattmann und Hund Samu auf eine 75-tägige Reise nach Spanien machen.

Eine Recherswilerin will in 75 Tagen mit Rollstuhl, Hund und ihren beiden Assistentinnen und Freundinnen nach Spanien fahren. Eine Herausforderung.

Früher, als ihre Mutter noch lebte, fuhr Daniela Moser gemeinsam mit ihr im Auto in die Ferien nach Cambrils (E). Schnurstracks, ohne Umwege. Etwa elf rastlose Stunden verbrachten Mutter und Tochter so gemeinsam im Auto, bis nach der Ankunft an der spanischen Mittelmeerküste endlich die Ferien beginnen konnten. «Wir hatten es immer sehr lustig, haben geredet, gelacht und gesungen», erinnert sie sich.

Schon damals sehnte sich Moser nach den wunderschönen Weiten, die sich vor ihnen erstreckten und erkundet werden wollten. «Meine Mutter war aber nie dafür zu begeistern», bedauert sie. Die Abenteuer da draussen blieben bis heute unerlebt, die Grenzen unausgelotet, obwohl sie seit 30 Jahren regelmässig in die spanische Stadt  – ihre zweite Heimat mittlerweile – fährt. Das will Daniela Moser nun im Alter von 51 Jahren ändern – wäre da nicht ihre Behinderung.

Das Wenige, Das sie machen kann, macht sie selber

Die Recherswilerin erlitt bei der Geburt eine cerebrale Lähmung, die durch den Sauerstoffmangel bei der Entbindung verursacht wurde. Ihre Koordination, ihr Gleichgewichtssinn, ihre Feinmotorik und ihr Sprachzentrum sind mehr oder weniger stark davon betroffen. Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit den Leistungen der Invalidenversicherung kann sie sich aber ein autonomes Leben im Eigenheim mit Assistentinnen leisten, die ihr durch den Tag helfen.

Diese Freiheit ist ihr wichtig. «Das Wenige, das ich machen kann, mache ich selber», sagt sie. Ihre Lehre als Kauffrau kommt ihr da entgegen. Auch ihren Vierbeiner Ivo führt sie beispielsweise selber Gassi. Bei schlechtem Wetter, wenn es «abeloht, was es mag», und selbst wenn das bedeutet, dass sie dabei eine Panne hat und ihr Vater aus dem Nachbardorf zur Hilfe eilen muss. Doch eines Tages reicht ihr die Freiheit, die ihr die tägliche Ausfahrt im Wasseramt bedeutete, nicht mehr. Sie will ihre körperlichen – und technischen  – Grenzen ausloten.

Fahren, bis es nicht mehr weitergeht

«In mir ist etwas, das einfach fahren will – fahren bis es nicht mehr weitergeht», merkt sie während einer Spazierfahrt an einem schönen Morgen im Spätherbst vor zwei Jahren. Weiter als 25 Kilometer würde sie laut dem Handbuch ihres Elektrorollstuhls aber nicht kommen, das weiss sie. Dann ist der Akku leer. Trotzdem ist ihr das Ziel, das sie ansteuern will, klar: Cambrils in Spanien. Rund 1100 Kilometer entfernt. Eine neue Herausforderung. «Jetzt, mit 51 Jahren, kann ich das noch», sagt sie selbstbewusst. Und macht sich drei Monate später, Anfang 2019, mit ihrer Freundin Esther Lattmann an die Planung der Rollstuhl-Challenge.

Sie haben sich vor 20 Jahren im «Mooshuus» kennen gelernt, wo Lattmann als Praktikantin arbeitete. Seither sind sie unzertrennlich, trotz den 14 Jahren Altersunterschied. «Sie ist wie meine kleine Schwester», sagt Moser über Lattmann, die heute in der Jugendarbeit tätig ist, aber auch schon für Moser als persönliche Assistentin arbeitete. Bald gesellt sich Cornelia Hess, jetzige persönliche Assistentin von Moser, als Unterstützung zur «verrückten» Gruppe.

Ein ausgeklügelter Plan soll zum Erfolg verhelfen

Der Plan ist, dass Moser und Lattmann mit Rollstuhl und einem Cargo-Elektrovelo sowie mit den beiden Hunden Ivo und Samu die 1100 Kilometer nach Cambrils fahren. Selbstverständlich durch die Landschaft, durch welche Mosers Mutter sie früher fuhr. Die Routenplanung erfolgte dementsprechend. Hess fährt mit einem Servicewagen voraus: Darin transportiert sie alle wichtigen Ersatzteile für den Rollstuhl. «Wir wollen keine unnötigen Risiken eingehen», sagt Moser. Hess ist auch für die Vorbereitungen auf den Campingplätzen zuständig, wo die drei Frauen jeweils in einem Zelt übernachten werden. Ausserdem teilen sich Lattmann und Hess die Betreuungsaufgaben von Moser. «Für sie ist die Reise nicht nur Spass. Wir werden uns alle ausserhalb unserer Komfortzone bewegen», so Moser. Losgehen soll es voraussichtlich dieses Jahr am 4. Mai. Geplant sind 47 Tagesetappen à 20 bis 30 Kilometern. Ankommen wollen sie in Cambrils am 18. Juli.

So weit, so gut. Nur fehlen ihnen mindestens 20000 Franken für die Anschaffungen und Reisekosten. Mit Sponsoring und Gönnerbeiträgen konnten bereits diverse Campingausrüstungen und der Servicewagen angeschafft werden. Für den restlichen Betrag hoffen die drei Frauen auf das Wohlwollen von Fremden und Freunden und werben über eine Crowdfundingplattform (siehe unten) für ihre Reise. 17'038 Franken (Stand: Montag) konnten sie seit dem 3. Februar bereits sammeln. Moser ist zuversichtlich, dass sie bis zum Ablaufdatum der Finanzierung, am 4. März, den Rest beisammen haben werden. Und wenn es nicht klappt, dann solle es halt nicht sein.

Einen Traum erfüllen und anderen Mut machen

«Ich bin mir bewusst, dass mein Traum egoistisch ist», sagt Daniela Moser. «Mit meiner Reise wird die Welt nicht besser.» Im Gegensatz zu gesunden Menschen könne sie sich aber mit der IV-Rente keine Weltreise leisten und findet, dass «auch Menschen mit Behinderung Abenteuer erleben dürfen». Sie wolle mit ihrem Vorhaben anderen Menschen in ähnlicher Lage Mut machen. «Es wird sicher Momente geben, wo ich denken werde: Wie bist du nur auf die Idee gekommen? Doch es nimmt mich wunder, was die Reise mit mir anstellen wird.»

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