Deitingen
«Es hat mit Distanz nehmen zu tun»: Die Autorin Regula Portillo über ihre Kindheit und ihr Schreiben

Ein paar Schritte mit Regula Portillo im Schönberg Park in Bern. Mit einem Nicken weist sie den Weg zu einer Lichtung. Hier arbeite sie gern und oft. Mit Lektüre und Laptop ausgerüstet setzt sie sich auf die einzige Bank in diesem kleinen, versteckt gelegenen Park. Unweit davon liegt ihr Zuhause, wo sie mit ihrem Mann und ihren zwei 12-jährigen Söhnen lebt.

Vanessa Simili
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Regula Portillo auf der Bank im Schönenberg Park Bern.

Regula Portillo auf der Bank im Schönenberg Park Bern.

Vanessa Simili

Seit zweieinhalb Jahren wohnt Portillo wieder in der Schweiz. Bern hat sie sich mit ihrer Familie ausgewählt, nach einigen Stationen im Ausland. Drei Jahre Mexico City, dann sieben Frankfurt, wo sie an der Goethe-Universität Buch- und Medienpraxis studierte.

Während dieser Zeit im Ausland war Solothurn ihr Ort des «nach Hausekommens». Dass das unter anderem mit Nostalgie zu tun hat, ist Portillo bewusst. Sie ist eine feinfühlige Beobachterin. Davon zeugen auch ihre Texte.

Erlebtes als Fundus für ihr Schreiben

1979 geboren, in Deitingen als viertes von fünf Kindern aufgewachsen, hat sie sich bald schon nach Solothurn orientiert. Weil das kulturelle Leben dort stattfindet, wenn man in Deitingen wohnt. Und weil sie sich in der Stadt wohler fühlt als in einem Dorf.

In Solothurn hat sie ihre Kantonsschuljahre verbracht, bevor sie in Fribourg Germanistik und Kunstgeschichte studierte. Für ein Jahr reiste sie im Rahmen ihres Studiums nach Nicaragua, wo sie an der Uni Deutsch unterrichtete – und den Stoff für ihr Erstlingswerk «Schwirrflug» (2017) fand: Die Brigadisten aus der Schweiz, die in den 1980er-Jahren bei der nicaraguanischen Revolution die Bevölkerung im Kampf gegen das totalitäre Regime unterstützten. Oder besser: Unterstützen wollten. Portillo hinterfragt Gängiges, für sich und für ihre Leserschaft. Ohne endgültige Antworten zu liefern.

Die Frage, was Entwicklungszusammenarbeit sei, und inwiefern sie auch Schaden anrichte, habe sie beschäftigt. Vielleicht aus einer persönlichen Motivation heraus. Ihre Eltern waren vor ihrer Geburt als Ärzte in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, genauer in Peru. Das habe sie indirekt geprägt. «Peru war in meiner Kindheit präsent. Auch Spanisch als Sprache», so Portillo. Die Sensibilität für das Thema wurzelt dementsprechend in ihrer Kindheit.

Die Hauptfigur von «Andersland», des zweiten Romans, ebenfalls. Sie ist in Anlehnung an eine Schulfreundin entstanden, die als achtjähriges Mädchen nach dem Tod des Vaters zu ihrer im Ausland lebenden Mutter ziehen musste. Der Stoff für «Andersland», die rechtliche Situation von Homosexuellen, nahm in ihrer Zeit in Mexiko City, wo sie nach dem Studium drei Jahre lebte, langsam Form an. «Damals wurde in Mexiko gerade das Gesetz erlassen, dass homosexuelle Paare heiraten und Kinder adoptieren dürfen.»

«Andersland», ein Plädoyer für Familienformen

Die politische und gesellschaftliche Komponente ihrer teils auf wahren Begebenheiten basierenden Romane ist ihr wichtig. «Schreiben hat mit Distanz nehmen zu tun», sagt sie. Mit zeitlichem Abstand könne man Themen anders betrachten und dadurch neu einordnen. So lotet Portillo für sich, schreibend, die historischen Gegebenheiten neu aus und ermöglicht dadurch auch ihrer Leserschaft einen anderen Blick auf Bekanntes. «Wenn ich mir für Andersland etwas wünschen könnte, dann folgendes: Dass das Buch ein Plädoyer sein könnte für verschiedene Familienformen.»

Geschrieben hat Portillo «schon immer». Geschichten, Kurzgeschichten und nach dem Studium Rezensionen. Inzwischen sei ein dritter Roman denkbar, spruchreif sei aber noch nichts. Neben literarischen Texten schreibt sie im Teilzeitpensum für eine Kommunikationsagentur. «Texten ist technischer als literarisches Schreiben», sagt sie, und manchmal müsse es dabei schnell gehen, während sie sich für ihre eigenen Texte Zeit lässt. Zeit, um so lange an einem Satz zu feilen, bis er sprachlich sitzt. Im Sommer hat ihr der Kanton Bern für «Andersland» den Literaturpreis verliehen. Daraus liest sie am Sonntag 8. November um 10.30 Uhr im Näijerehuus in Hersiwil.

Hinweis

Wegen Coronamassnahmen ist die Platzzahl an der Lesung in Hersiwil auf 30 beschränkt. Anmeldung: 079 282 73 40 oder georg.schmid@bluewin.ch