Oberdorf
«Es braucht Mut, das Neue zu wagen»

Das private Wohnprojekt Bon Port für Menschen ab zirka 55 Jahren hat die Startphase hinter sich.

Urs Byland
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Urs Byland

Vor einem Jahr berichteten Catherine und Ambros Bissegger von ihrem Glück, das sie weitergeben wollten. Ihr Mehrparteienhaus sollte zu einem Hafen werden für Menschen ab zirka 55 Jahren mit dem Wunsch, in eine Gemeinschaft integriert zu sein, ohne die eigene Unabhängigkeit zu verlieren. Das mit dem Glück funktioniert nicht schlecht, sagen die ersten Bewohnerinnen.

Nach und nach erscheinen sie mit der eigenen Kaffeetasse in der Hand zur morgendlichen Kaffeerunde im Gemeinschaftsraum. «Das hat sich eingebürgert. Man berichtet von den Tagesplänen. Vielleicht lässt sich etwas verbinden oder es entstehen Initiativen» berichtet Ambros Bissegger. Erst später klärt sich der Umstand mit den Kaffeetassen. Jeder nimmt seine Identität, in diesem Fall die Tasse, von der eigenen Wohnung mit. Im Haus befinden sich auf drei Etagen zwölf Mietwohnungen. Acht sind bereits vermietet, grösstenteils an Einzelpersonen. Vier Wohnungen stehen noch leer und können gemietet werden.

Der rote Faden

Die ersten Mieter bezogen im letzten Sommer ihre Wohnung. Erst seit einigen Wochen dabei ist Johanna, die via Hausverein auf das Angebot aufmerksam wurde. «Ich habe nichts Spezielles gesucht. Ich wollte in einem Minergie- P-Haus wohnen und habe den Architekten des Hauses bereits gekannt. Als ich sah, dass er im Kanton Solothurn ein Haus baute, wollte ich dieses anschauen.» Die verwitwete Frau ist insbesondere an der Hausgemeinschaft und an neuen Projekten interessiert. «Das habe ich schon lange gesucht.» Zuvor lebte die 60-Jährige in einer Alterssiedlung. «Dort waren einige Bewohner aber
15 bis 20 Jahre älter als ich.»

Das sei wie der rote Faden im Leben der Bewohner, berichtet Ambros Bissegger. Sie hätten mit Ausnahmen ein ähnliches Alter und eine ähnliche Vergangenheit. «Man ist nicht mehr in einer Gemeinschaft. Partner oder Kinder sind fort. Man ist plötzlich alleine in einer Wohnung oder sogar in einem Haus.»

Eine andere Welt

Bon Port: Zuwachs gesucht

Glückwünsche zum Projekt
Seine Zwischenbilanz sei positiv, erklärt Ambros Bissegger. Mit dem Neubau seien sie zufrieden, die Technik funktioniere. «Wir haben in recht kurzer Zeit Mitbewohnerinnen gefunden, die in die Gruppe passen.» Das sei nicht selbstverständlich, weil er und seine Frau Auswärtige sind. Er habe nicht nur spontan Glückwünsche zum Projekt erhalten, es hätten sich auch Interessierte gemeldet, die sich ein ähnliches Projekt in ihrer Gemeinde wünschen.
Auch in Bezug auf die Kosten, wurden die Erwartungen erfüllt. «Wir haben gerechnet, wie günstig wir die Wohnungen zur Verfügung stellen können, damit auch Menschen, die normalerweise nicht in seinem solchen Hightech-Haus leben können, den Weg doch hierher finden», erklärt Ambros Bissegger. Die Mieten seien marktüblich und können auf der Internetseite www.bonport.ch nachgeschaut werden. «Es ist wichtig, Mieter zu finden, die in die Gruppe passen. Und inzwischen sind wir eine Gruppe und freuen uns auf Zuwachs.» (uby)

Das Nesthäkchen im «Bon Port» ist die 36-jährige Maja. Sie habe eine Gemeinschaft gesucht, weil sie sehr alleine sei. «Das ist man nicht nur im Alter, das kann auch Jüngeren passieren.» Hier habe sie jetzt viele Mamis. Alle lachen. Sie habe lange gesucht. Eine WG, in der sie ein Zimmer für sich gehabt hätte, sei keine Alternative. «Hier hat jeder seine Wohnung und dazu kommt das Gemeinsame.» Im Inserat, auf das sie sich meldete, sei eben das Alter nicht erwähnt gewesen. «Eigentlich kommunizieren wir das Alter 55 plus schon», erklärt Ambros Bissegger. «Wichtig ist aber, dass wir für Menschen, die Zeit haben und die Zeit gemeinsam erleben möchten, zur Alternative werden.»

«Ich hatte nichts zu verlieren»

«Ich will unabhängig sein, unabhängig von der Familie, aber in einer Gemeinschaft», erklärt Beatrice ihr Anliegen. Sie ist noch berufstätig und ist vor vier Jahren aus dem Tessin nach Solothurn zurückgekommen. Ihre Schwester lebt in der Region. Ihre Töchter sind längst ausgeflogen. Die Bald-Rentnerin kocht gerne und wünschte sich eine Gemeinschaft, in der alle ihre Talente einbringen können. «Es braucht Mut, das Neue zu wagen», sagt sie. «Aber ich hatte eigentlich nichts zu verlieren. Als ich hier schnupperte, fühlte ich mich von Anfang wohl. Hier geht für mich ein Traum in Erfüllung.» Es sei schön, in eine Gemeinschaft hineinzukommen, die am Anfang steht und nun wächst. Diese Art von Hausgemeinschaft habe Zukunft für Menschen, die so lange wie möglich nicht ins Altersheim gehen wollen.

Die Pensionierung hat Eveline gerade hinter sich. Dort, wo sie wohnte, wäre sie vereinsamt, war sie sich sicher. Sie suchte eine neue Situation. «Ich habe das für mich schon lange visualisiert. Ich will wieder so leben, wie ich als Kind lebte. Wir hatten in unserer Strasse in Solothurn eine richtig gute Gemeinschaft mit Kindern und Erwachsenen.» Im Internet suchte sie eine Hausgemeinschaft für Senioren. «Lange kamen immer Wengistein und Thüringenhaus. Aber das suchte ich nicht, das habe ich nicht gemeint. Bis dann ‹Bon Port› in der Suchliste auftauchte.» Die Hausgemeinschaft Bon Port sei für sie zu dem Hafen geworden, als der er angepriesen wird.

Keine Männer, warum?

Es seien ausschliesslich Frauen, die sich für das Projekt interessieren. Über die Gründe lasse sich nur spekulieren. Männer würden nach einer Trennung etc. schnell wieder eine Freundin suchen und finden, so eine Bewohnerin. «Dann sind sie wieder versorgt. Und sie sind oft nicht so risikofreudig, etwas zu wagen», so Bosnyak. «Frauen sind für solche Wagnisse vielleicht offener», sagt Meuter. «Vielleicht ist man als Mann eher bereit, alleine zu bleiben. Er findet ein Beziehungsumfeld in der Beiz, im Club, im Verein oder bei ehemaligen Arbeitskollegen», fügt Bissegger hinzu. Mit ein Grund könne aber auch sein, dass diese Art von Hausgemeinschaft in der Region wenig bekannt ist. «In Zürich, Basel oder Bern würden sich auch Männer melden, davon bin ich überzeugt.» Es wäre noch schön, wenn sich auch Männer melden würden, so die Frauen einstimmig.

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