Selzach
Erst im August wurde die «Gentil’s Bar» eröffnet — nun steht der Inhaber am Abgrund

Ein Quereinsteiger erwischt mit seiner Bar in Selzach den ungünstigsten Moment. Corona machte Sascha Rettenmund und seiner «Gentil's Bar» einen Strich durch die Rechnung.

Daniela Deck
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Sascha Rettenmund hat sich mit seiner Bar «Gentil’s» einen lang gehegten Traum erfüllt – im ungünstigsten Moment.

Sascha Rettenmund hat sich mit seiner Bar «Gentil’s» einen lang gehegten Traum erfüllt – im ungünstigsten Moment.

Oliver Menge

Sascha Rettenmund wollte seine Bar Mitte März eröffnen und damit einen lang gehegten Traum verwirklichen. Als das im August nach dem Lockdown endlich möglich war, standen die Zeichen auf Erfolg. Jetzt steht der Quereinsteiger am Abgrund, hat er doch alles auf die Karte «Gentil’s Bar» gesetzt.

Nur gerade 15 Besucher fanden in der ersten Novemberwoche den Weg ins «Gentil’s» an der Hauptstrasse in Selzach, zwei davon am Samstagabend. Solche Besucherzahlen ermöglichen dem Barbetreiber keine Existenz. «Die Krise ist für alteingesessene Betriebe in der Gastroszene schon schlimm. Für mich als Neuankömmling und noch ohne betriebliche Reserven ist sie eine Katastrophe.»

Sascha Rettenmund kommt aus der Industrie. Sorgfältige Kalkulationen waren über Jahrzehnte sein tägliches Brot. Gelernt hat er Feinmechaniker, später war er als Verkaufsleiter und Logistikchef bei diversen Betrieben in der Umgebung tätig, in Grenchen und zuletzt in Roggwil.

Am liebsten ein gemischtes Publikum

Aufgewachsen ist er in Düdingen im Kanton Freiburg, in einer Umgebung, in der «un petit apéro» immer Platz hat und dem Leben einen gemächlichen Rhythmus gibt. Sein Flair als Gastgeber hat Rettenmund schon als junger Mann entdeckt, als er in Murten in seiner Stammbar beim Wakeboard-Festival hinter dem Tresen aushalf. Seither wusste er, dass er eine eigene Bar eröffnen wollte. Doch zur Erfüllung des Traums musste er sich erst ein gewisses Pensionskassenkapital ansparen und so machte er Karriere.

Fündig wurde er in Selzach an der Bielstrasse. Das rund 200-jährige Gebäude hat in Sachen «Gastronomie» vom Puff bis zum Pub schon alles gesehen. Rettenmund mietete die Wohnung im ersten Stock und machte sich daran, seinen Traum zu verwirklichen.

«Die Renovation war eine Riesenarbeit»

Im Juni letztes Jahr begann er mit der Renovation des Erdgeschosses. Mit der Unterstützung seiner Mutter und einiger Freunde gab er der «grünen Höhle» – die Wände waren grün lackiert – ein dezentes und freundliches Aussehen. «Gefühlt 3000 Nägel habe ich aus den Wänden geholt. Die Renovation war eine Riesenarbeit», blickt Rettenmund zurück. Weil er sich mit Büetzern ebenso gut versteht wie mit Managern, hoffte Rettenmund auf ein gemischtes Publikum.

Als die Eröffnung im August mit fünf Monaten Verspätung stattfinden konnte, schien der Plan aufzugehen. Die Selzacher kamen, um die neuste Entwicklung im einstigen «Blue Lamp» zu begutachten. Auch aus umliegenden Orten seien Gäste gekommen. «Ich habe nach wenigen Wochen Feedbackbogen verteilt und wirklich gute Bewertungen erhalten», erzählt der Barbetreiber und zeigt einen Bogen.

Dringend gesucht: Solidarität

«Ich möchte den Leuten einen Platz mit gepflegtem Ambiente bieten, an dem sie sich wohlfühlen, wo geredet und gelacht wird. Darum der Name ‹Gentil’s Bar›», sagt Rettenmund. Ihm persönlich ist momentan nicht nach Lachen zumute. Einen grossen Teil seines Alterskapitals hat er in die Bar investiert. «Es gibt keinen Moment, in dem ich mir nicht Gedanken über meine Situation mache und mich sorge», sagt er.

Hätten die Industriebetriebe nicht grossflächig Einstellungsstopps verhängt, so würde er sich dort nach einer temporären Beschäftigung umsehen. Stattdessen sucht er Kraft in der Natur und sehnt sich nach mehr Solidarität in der Gesellschaft.

Wenig Echo von anderen Gastrobetrieben

Während der Renovation sei er so absorbiert gewesen, dass ihm die Zeit fehlte, seinen Kollegenkreis zu pflegen und diese Beziehungen fehlen ihm jetzt zusätzlich. Der Versuch, mit den anderen Gastrobetreibern im Dorf eine Strategie zur Bewältigung der Krise auf die Beine zu stellen, habe kaum Echo gefunden. Nur ein Betrieb habe auf die Anfrage reagiert. Seine Idee, per Beamer vor dem Haus auf die verzweifelte Situation der Gas­tronomie aufmerksam zu machen, habe zudem nicht allen gefallen, sagt Rettenmund. Mittlerweile hat er die Installation abgeräumt.

Nach dem kurzen Aufschwung im Sommer kamen die Einschränkungen der zulässigen Besucherzahlen aufgrund der Coronapandemie. «Das Allergefährlichste an der Situation ist die Angst. Sie schädigt die Gesellschaft mehr als alles andere», ist Rettenmund überzeugt. «Was viele Leute sich nicht überlegen, ist, dass eine Firmenpleite eine Kettenreaktion auslöst: Wenn ein Betrieb zusammenbricht, bricht die Person dahinter meistens auch zusammen – das ist nicht im Sinn der Gesellschaft.»