Viel Spannendes hat Pfarrarchivar Viktor Marty im Archiv der katholischen Pfarrei St. Marien ergründet und festgehalten. Seine neueste Arbeit ist ein Geschichtenbuch über Ludwig Rochus Schmidlin (1845 bis 1917), der 40 Jahre lang als Pfarrer von Biberist-Lohn-Ammannsegg wirkte. «Der 100. Todestag gibt Anlass, sich an eine bedeutende Persönlichkeit als Priester, Pfarrer und Historiker zu erinnern. Er verteidigte unentwegt den römisch-katholischen Glauben und mischte sich entschieden ein, wenn er etwas als ungerecht empfand», bemerkt Viktor Marty.

Und er ergänzt: «Pfarrer Schmidlin muss unglaublich viel gearbeitet haben, schrieb er doch neben seinem Priesteramt nicht weniger als 22 Bücher.» Zudem arbeitete er für verschiedene Medien und baute sich damit ein riesiges Informations-Netzwerk auf. Nicht umsonst taufte die Einwohnergemeinde den Weg zwischen Kirche und Pfarrhaus Pfarrer-Schmidlin-Weg. Die Pfarrei Biberist erinnert sich an ihrem Patrozinium am 15. August – gleichzeitig ist dies der Geburtstag von Ludwig Rochus Schmidlin – an ihren ehemaligen Pfarrer. Die Werke sowie Fotos und Briefausschnitte sind während vier Tagen im Pfarreizentrum zu sehen.

Ein offenes Pfarrhaus

Viktor Marty hat in seinem Geschichtenbuch die Stationen des Pfarrers festgehalten. Als ältestes von zehn Kindern wuchs Ludwig Rochus Schmidlin in Laufen auf. In Solothurn besuchte er die Kantonsschule und schliesslich das Priesterseminar. Nach der Priesterweihe arbeitete er fünf Jahre als Bezirkslehrer in Neuendorf, bis er 1875, in der schwierigen Zeit des Kulturkampfes, in Biberist die Pfarrstelle übernahm.

Für Kirchliches und Soziales war er oft am Sammeln von Geld oder Naturalien. So etwa im kalten Winter 1879/80 für die Bekleidung armer Schulkinder. Gleichzeitig erhielten 22 Kinder täglich Milch und Brot. Am Ostermontag liess er 3500 Kilogramm Kartoffeln verteilen. Geld sammelte er auch für die Renovation des Maiandachtsaltars, die Erhöhung des Kirchturms, für Glocken. Pfarrer Schmidlin hatte ein offenes Pfarrhaus und war als freundliche, fröhliche und umgängliche Persönlichkeit beliebt.

Gelebte Ökumene

In der Gemeinde wirkte er neben seinen priesterlichen Tätigkeiten in vielen Kommissionen und katholischen Vereinen mit. So war er Präsident des Männerkrankenvereins und des Armenvereins. Ab 1882 wirkte er 14 Jahre als Präsident der Schulkommission und erstellte ein strenges Reglement – vom Regierungsrat genehmigt – für das sittliche Verhalten der schulpflichtigen Jugend von Biberist ausserhalb der Schule.

Der kürzlich geehrte Komponist Richard Flury schrieb in seinen Memoiren: «Pfarrer Schmidlin ist eine interessante Erscheinung mit einer schönen Baritonstimme. Als Priester und Religionslehrer hielt er bei den Jugendlichen strenge Zucht. Was ihm hohes Ansehen verschaffte, war seine Toleranz in konfessionellen Fragen.» In der Tat war Pfarrer Schmidlin den Protestanten gegenüber gut gesinnt. Der erste protestantische Biberister Pfarrer feierte im Jahr 1899 seine Installation in der katholischen Kirche. Vor dem Bau der reformierten Kirche Biberist-Gerlafingen im Jahr 1910 durften die Protestanten ihren Gottesdienst in der katholischen Kirche abhalten.

Ende 1914 demissionierte Ludwig Rochus Schmidlin im 70. Lebensjahr als Pfarrer von Biberist, «dem Wirkungskreis, in welchem ich so viel Entgegenkommen und Liebe erfahren habe». Allein das Alter und eine Herzneurose wegen Überarbeitung seien der Grund dafür. Er nahm die Stelle als Kaplan der von Roll’schen Stiftung zu Kreuzen in Rüttenen an. Dort starb er am 1. August 1917 und wurde im Chor der Kirche begraben. «Des Volkes Glück war sein Glück, des Volkes Schmerz war sein Schmerz», stand in einem Pressenachruf geschrieben.

Gedenkgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Biberist: Di, 15. August, 10 Uhr. Ausstellung von Texten und Werken im Pfarreizentrum: Von Sa, 12., bis Di, 15. August. Sa 16 bis 20 Uhr, So 10 bis 14 Uhr, Mo 8 bis 11 Uhr, Di nach dem Gottesdienst bis 14 Uhr.