Kriegstetten
Er ist seit 60 Jahren Priester – «Für die Probleme von heute will man schon vorgestern eine Lösung»

Rudolf Schmid feiert das diamantene Priesterjubiläum. Er wirkt seit 60 Jahren. Im Interview spricht er über die Herausforderung, junge Menschen für das Priesteramt zu begeistern, über das Zölibat, Frauenordination und verheiratete Männer, die Priester werden.

Silvia Rietz
Drucken
Teilen
Rudolf Schmid: «Die Frauenordination darf nicht auf Kosten des Zölibats durchgesetzt werden».

Rudolf Schmid: «Die Frauenordination darf nicht auf Kosten des Zölibats durchgesetzt werden».

Thomas Ulrich

Rudolf Schmid, wie können vermehrt Priesteramtskandidaten und Laientheologen gewonnen werden?

Rudolf Schmid: Indem man Kindern den Zugang zur Kirche, zur Bibel, ermöglicht. Zu meiner Zeit als junger Vikar in Luzern waren die Gläubigen froh, dass die Kirche Freizeitangebote in Jugendvereinen organisierte. Ich bin mit den Jungen jeweils drei Wochen ins Sommerlager und eine ins Skilager. Was mir damals, nebenbei gesagt, als Ferien abgerechnet wurde. Wir diskutierten über Gott und die Welt, so konnte eine tiefe Verbundenheit wachsen. Heute haben Kinder dafür weder Zeit noch Interesse. Die Kirche ist ihnen nicht wichtig, weil sie keinen Bezug mehr zu ihrem Alltag hat. In diesem Punkt sind Eltern, Katechetinnen und Seelsorger gefordert. Das ist für mich etwas Zentrales, um junge Leute für das Priesteramt oder für eine theologische Ausbildung zu begeistern. Die Herausforderung ist, es in der heutigen Zeit zu schaffen, junge Menschen mit einer lebendigen Pfarrei anzusprechen und die Bedeutung der Bibel zu vermitteln. So erfahren sie, dass ihnen dies etwas gibt und sind eher bereit, ein entsprechendes Studium anzupeilen.

Der Kirche mangelt es ja auch an Laientheologen. Wie kann man diese besser unterstützen und fördern?

Entscheidend ist, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten spüren zu lassen, dass der Priester ihre Arbeit schätzt. Laien im kirchlichen Dienst sind keine «Notlösung», sondern eine Chance: Frauen und Männer, Verheiratete und Unverheiratete, können in der Seelsorge zusammenarbeiten, ihre persönliche Lebenserfahrung einbringen. Doch alle, egal ob Geweihte oder Ungeweihte, müssen sich respektieren und im Dialog finden. Es darf nicht zu zwei Monologen ausarten. Teamarbeit ist wesentlicher als Strukturreformen. Damit können Laien, die bereit sind, besser integriert und gefördert werden. Wünschenswert wäre, wenn der Gemeindeleiter auch im Pfarrhaus wohnt. In meiner Zeit als Regionaldekan hatte ich darauf bestanden.

Die Personaldecke ist dünn. Wie stehen Sie zur Frauenordination und zum Diakonat der Frauen?

Jesus hat der Kirche keine Verfassung gegeben. Das Frauenpriestertum ist ein Gebot der Stunde, aber es darf nicht mit dem Abschaffen des Zölibats verbunden werden. Im historischen Kontext gesehen, übertrug Jesus den Jüngern drei Hauptaufgaben: Das Evangelium verkünden, die Menschen zu Jüngern machen und damit Gemeinschaft stiften, sowie Zeugnis ablegen. Die letzte Forderung konnten Frauen zur Zeit von Jesus nicht erfüllen, weil sie die notwendige rechtliche und gesellschaftliche Stellung nicht besassen. Im Gegensatz zu heute, wo Frauen genau so legitimiert sind, Zeugnis abzulegen, wie Männer.

Sie haben den Zölibat angesprochen ...

Die Frauenordination darf nicht auf Kosten des Zölibats durchgesetzt werden, auf Kosten von Lebenszeugnissen eines richtig gelebten Zölibats gehen. Das wäre für mich ein grosser Verlust. Es braucht diese Lebensform, so wie es Lebenszeugnisse von verheirateten und alleinstehenden Männern und Frauen braucht. Ich finde auch das Unterscheiden von Pflicht- und Freiwilligenzölibat nicht richtig. Das Zölibatsversprechen wird nämlich immer auf freiwilliger Basis abgegeben. Als Voraussetzung für die Ordination und als verpflichtendes Zeichensetzen, den Glauben zu leben.

Wie stehen sie zu dem Viri probati, also zum Postulat, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen?

Das Postulat darf nicht mit dem Priestermangel begründet werden, ansonsten wären diese Männer ja nur «Lückenbüsser». Es muss von Jesus Grundlinie her angegangen werden. Dies hätte man beim Zweiten Vatikanischen Konzil einführen können. Man sah ja den Priestermangel damals und auch bei der Synode 72 bereits voraus. Heute wird es schwieriger. Gerade weil das Thema eng mit der Frauenordination gekoppelt ist. Das eine einzuführen, ohne die Frauenordination voranzutreiben, würde – verständlicherweise – einen Aufstand auslösen.

Rudolf Schmid

Seit 14 Jahren in Kriegstetten

Rudolf Schmid wurde 1931 in Basel geboren und vor 60 Jahren zum Priester geweiht. Von 1963 bis 1978 lehrte er als Professor für Altes Testament an der Theologischen Fakultät Luzern und leitete von 1979 bis 1989 als Regens das Priesterseminar Luzern. Von 1989 bis 2002 nahm er als Regionaldekan des Kantons Luzern und als Generalvikar Leitungsfunktionen im Bistum Basel wahr. Rudolf Schmid lebt und wirkt seit 14 Jahren als Priester in Kriegstetten und feiert am Sonntag das diamantene Priesterjubiläum. (srb)

Die Kirche hat viele Baustellen ...

Ja, sicher! Aber dies macht es doch gerade interessant. Fatal am Ganzen ist: Für die Probleme von heute will man vorgestern eine Lösung serviert bekommen. Es fehlt die Bereitschaft zum Zuhören, sowie Beharrlichkeit, Geduld und Vertrauen. Wir sind auf das fixiert, was schief läuft. Viele vergessen auch, dass gerade unsinnige Forderungen Wasser auf die Mühlen derer sind, die sich überhaupt nicht bewegen wollen. Und, ja, für mich wird der Fokus zu stark auf die Psychologie und zu wenig auf die Theologie gelegt. Ich bin nicht als Psychologe angestellt, sondern als Theologe. Als Regens habe ich im Priesterseminar Luzern bei den Studenten als Professor und durchaus auch als Ratgeber gewirkt. Doch an den Wochenenden war ich immer in einer Pfarrei und zelebrierte den Sonntagsgottesdienst.

Am Sonntag, 26. Juni, 10 Uhr, feiern die vier Pfarreien des künftigen Pastoralraums Wasseramt West-Bucheggberg in der katholischen Kirche Kriegstetten das diamantene Priesterjubiläum von Rudolf Schmid mit einem Festgottesdienst.