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Er ist Coiffeur und Künstler zugleich

Simon Azar führt im Sportzentrum Zuchwil ein Coiffeur-Geschäft. Daneben stellt der gebürtige Syrer, der 1988 in die Schweiz kam, in seinem Atelier auch Skulpturen her.

Noëlle Karpf
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Simon Azar ist Coiffeur und Künstler.

Simon Azar ist Coiffeur und Künstler.

Hanspeter Bärtschi

In einem Atelier in Solothurn entstehen Skulpturen. In einem Coiffeursalon in Zuchwil neue Frisuren. Für beides ist Simon Azar verantwortlich. Der 52-Jährige ist Coiffeur von Beruf. In seiner Freizeit ist er Künstler. «Meine Selbstständigkeit lässt dieses zeitintensive Hobby zu», erklärt Azar bei einem Besuch in seinem Salon neben dem Zuchwiler Sportzentrum. Das sei ein guter Ausgleich zum Alltag. «Beruf und Hobby sind gleichermassen wichtig. Ohne das eine kann es das andere nicht geben», sagt der gebürtige Syrer.

Der 52-Jährige, der 1988 in die Schweiz kam, hat nach einer Coiffeur-Lehre im Heimatland in der Schweiz eine zweite Ausbildung zum Restaurationsfachmann EFZ absolviert. Mit seiner Frau und seiner Tochter zusammen lebt er in Zuchwil. Seit rund vierzehn Jahren betreibt er sein eigenes Coiffeur-Geschäft. «Ich bin mit Herz und Seele dabei», sagt er. Und er sei sehr zufrieden damit.

Der Coiffeur blickt aus seinem Salon. Winkt einem Bekannten zu, der am Geschäft vorbeigeht. Ein Ablauf, der sich im Verlaufe des Gesprächs wiederholt. Azar verfügt dank seiner offenen Art über ein breites Netzwerk, was durch die Lage seines Coiffeursalons direkt neben dem Sportzentrum noch unterstützt wird.

Er hat mit Kunden aus der ganzen Schweiz zu tun. Teilweise auch mit international bekannten Sportlern. Schon NHL-Spieler seien bei ihm gewesen.

Der Weg zum eigenen Stil

Die Figuren von Azar, die vor dem Sportzentrum stehen, erinnern an Tannenzapfen. Die Skulpturen haben eine Haut aus Schuppen. Für das Modellieren benutzt der Künstler nur eigenes Material. Er verwendet eine Zementmischung, die er selbst herstellt. Damit hat der Künstler seinen eigenen Stil gefunden. «Ich hätte nicht gedacht, dass meine Kunst so gut ankommt», sagt er. Er bekäme sehr viele Rückmeldungen und Komplimente für seine Werke.

Derzeit stellt er in Niderbipp aus. Ab nächsten Sommer wird eine neue Skulpturengruppe im Schaugarten des Gartencenter Wyss platziert. Wieder Figuren mit einer schuppigen Haut. Die Betrachter erkennen, wer die Kunstwerke gefertigt hat. «Sie sehen die Skulpturen und später kommen sie dann zum Haareschneiden bei mir vorbei.» Sie kennen Azar als den Coiffeur, der Skulpturen macht. Oder umgekehrt.

Seine Kunstwerke modelliert er in seinem Atelier in Solothurn. Meist abends, nach der Arbeit. Da er momentan ausstellt, verbringt er etwas weniger Zeit allein in der Stille bei seinen Skulpturen. Das gibt ihm die Abwechslung zum Alltag im Coiffeursalon.

Kunst in der Jugend

Bereits als kleiner Junge hegte Azar Begeisterung für die Kunst. Damals lebte er nach der Flucht aus seiner ursprünglichen Heimat, den Golanhöhen, in Damaskus. «Dort habe ich viele Künstler gesehen», erinnert sich Azar zurück. Er hätte versucht, ihr Handwerk nachzumachen. Heute hat der 52-Jährige eigene Ideen für seine Werke. Sie decken verschiedene Bereiche ab. Von Sport über Kultur bis zur Natur.

Eine Idee vereinen sie: «Ich will positive Gedanken in eine dreidimensionale Form bringen», so der Coiffeur. Manchmal sei er dann vom Endprodukt selbst überrascht. Weil er zu Beginn einer Arbeit nicht immer genau wisse, wie die Figur aussehen soll. «Das Modellieren habe ich nie gelernt», so der 52-Jährige. Durch jede Menge Übung hat er es sich selbst beigebracht. Er sei einfach «drangeblieben».

Diese Kenntnisse versucht er heute, Schülern zu vermitteln. Dazu arbeitet er mit der Kunstvermittlung des Kantons zusammen. Im Rahmen der Aktion «SOkultur und Schule» bietet er Workshops für Primarschüler und Oberstufenklassen an. «Einige Schüler sind bereits ziemlich kreativ und begeistert von der Kunst», erzählt der eingebürgerte Schweizer. Es gefalle ihm, die Jugend zu fördern. «So kann ich Kunst weitergeben.» Etwas, das er selbst in seiner Kindheit nicht erlebte.

Sein heutiges Leben in der Schweiz bildet einen Kontrast zu seiner Kindheit. «Frieden im Alltag ist wichtig, das gibt es hier. Und das ist nicht selbstverständlich», sagt der 52-Jährige. Er schätze die Möglichkeiten in der Schweiz sehr. Das Leben hier sei wie ein Sechser im Lotto. Dass das eine ganz andere Situation als in Syrien sei, sei ihm sehr bewusst. «Dort habe ich meine Wurzeln, das will ich nicht vergessen», so Azar.

Schliesslich habe er dank seiner Erlebnisse in Damaskus die Kunst kennen gelernt. «Doch viele Fehler sind passiert», meint der Syrer. Nicht überall sei eine Demokratisierung so einfach. Die Konflikte könne man nicht von heute auf morgen lösen. Genauer möchte der Coiffeur nicht auf die aktuelle Situation eingehen.

Coiffeur im Künstlerparadies

«Ich habe viele Ideen», sagt der 52-Jährige auf die Frage nach künftigen Projekten. «Ich bräuchte fast etwas mehr Zeit», fügt er schmunzelnd an. Aber er sei bereit, etwas zu tun, jetzt wo er noch gesund und engagiert ist. «Und die Möglichkeiten in der Schweiz sind fantastisch», schwärmt er. «Dieses Land ist ein Künstlerparadies.»

Es gebe hier so verschiedene Materialien, viele Alternativen und so einiges zum Recyceln. «Damit könnte ich so eine schöne Skulptur fertigen», sagt Azar und verstummt für einen Moment. Dann fügt er an: «Aber Haare schneiden muss ich schliesslich auch noch.»

Die Ausstellung «Die wachsende Liebe» von Simon Azar, ist bis am 17.4. im Räberstöckli in Niderbipp zu sehen. Öffnungszeiten: Samstag 15 bis 19 Uhr, Sonntag 13 bis 17 Uhr