Oberdorf
Er hat nach dem Tod seines Sohnes ein Ventil entwickelt, das viel Leid verhindert

Der heute 80 Jahre alt werdende Dieter Strub aus Oberdorf hat nach dem Tod seines Sohnes ein bahnbrechendes Gerät patentieren lassen.

Urs Byland
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Dieter Strub und sein Ventil, das für Menschen mit Hydrocephalus (Wasserkopf) eine wichtige Verbesserung brachte.

Dieter Strub und sein Ventil, das für Menschen mit Hydrocephalus (Wasserkopf) eine wichtige Verbesserung brachte.

Hanspeter Bärtschi

Hört man dem heute Geburtstag feiernden Dieter Strub zu, dann wird Solothurner Wirtschafts- und Sozialgeschichte der letzten Jahrzehnte erlebbar. Eine Erfindung hat den 80-jährigen Maschineningenieur in Medizinerkreisen bekannt gemacht. Am Anfang dieser Erfindung stand eine Tragödie. Der Hydrocephalus (Wasserkopf) seines Sohns Lorenz führte 1969 zu dessen Tod. Lorenz war drei Jahre alt und bereits zweimal operiert worden. Dabei wurde ihm ein damals gebräuchliches Ventil mit Röhrchen unter der Haut am Hinterkopf angebracht, das die Eiweiss-Flüssigkeit via eine Vene direkt ins Herz ableitet.

Als der kleine Lorenz aber nun erneut in der Kinderchirurgischen Universitätsklinik Bern mit grossen Schmerzen auf dem Untersuchungsbett beim Spezialisten Doktor F. Küffer lag und dieser zu einer dritten Operation riet, «ging ich die paar Schritte rund um das Bett und sagte zu ihm: Herr Küffer, Sie haben auch Kinder, was würden Sie als Vater tun? Nicht operieren, gab er mir zur Antwort. 14 Tage später ist Lorenz gestorben», erzählt Dieter Strub.

Dieses Leid sollte keinem Kind mehr wiederfahren

Das war nicht das Ende der Auseinandersetzung von Strub mit dieser Fehlbildung. Er wollte von Küffer wissen, warum sein Sohn hat sterben müssen. «Das Ventil sei zu fehleranfällig, hat er mir gesagt.» Man kann das Ventil mit einem altbekannten Veloschlauchventil vergleichen. Das über das Metall gestülpte Gummi lässt Luft in eine Richtung durch. Ebenso funktioniert das von einem amerikanischen Arzt 1954 entwickelte Ventil, das bei einem Hydrocephalus benutzt wird.

Schulen und Stiftungen mitgegründet

Dieter Strub, der in Oberdorf an der Alpenstrasse wohnt, ist nicht Geschäftsmann, aber er hat unglaublich viel erreicht. Es blieb nicht bei der Erfindung. Sein Sohn Lorenz war auch gelähmt und Strub sorgte sich bereits um dessen Ausbildung.
«Aber es gab keine solche Schule in Solothurn. Also gründete ich mit namhaften Persönlichkeiten eine Stiftung, und wir konnten 1977 das Schulheim für Körperbehinderte, das heute Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung heisst, auf dem Gelände des Spitals für 34 Kinder eröffnen.»
Später war er Mitgründer des Wohnheims für Behinderte «Kontiki» in Zuchwil und des Discherheims in Solothurn. Aktuell war der Standort des Zentrums für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung gefährdet, worauf Strub einen Brief an Regierungsrat und Erziehungsdirektor Remo Ankli aufsetzte und ihn bat, von einer Verlegung abzusehen. «Nach drei Wochen kam die Antwort. Der Standort wird nicht verändert und das Zentrum wird gar erweitert.» (uby)

Das Ventil lässt Flüssigkeit – mit einem viel niedrigerem Druck als Luft beim Veloschlauch – durch und verhindert, dass Blut zurück ins Gehirn fliessen kann. Aber der Gummi konnte defekt gehen, ebenso die Schläuche an den Ansatzstellen des Ventils. Das vom amerikanischen Arzt entwickelte Ventil war fehleranfällig, erzählt Strub.

«Als mir Küffer das erklärte und beschrieb, wie die Flüssigkeit im Gehirn meines Sohnes dazu führte, dass durch den starken Druck feine Risse in der Schädeldecke entstanden, die stark schmerzten, setzte sich in mir der Willen fest, ein funktionierendes Ventil zu konstruieren. All das Leid, das mein Kind erleben musste, sollte keinem andern Kind mehr widerfahren.»

Dieter Strub, Maschineningenieur auf Hydraulik, arbeitete bei der Von Roll. Was er im Grossen für seinen Arbeitgeber konstruierte, soll nun ganz im Kleinen unermessliches Leid verhindern helfen. Strub las sich in die Literatur ein, hörte von einem neuartigen, hitzebeständigerem Plastik, wandte all sein Wissen an und skizzierte ein Ventil. Kernstück ist eine unglaublich kleine, feine Feder, die sich in einem kleinen Kolben befindet und die mit einem kleinen Schraubenzieher auf den vorhandenen Druck eingestellt werden kann.

Mit Ausnahme der Feder ist alles aus Plastik. Auch die Schläuche erfahren eine neue Befestigung am Ventil, die mit den heute gebräuchlichen Befestigungen von Wasserschläuchen vergleichbar ist.

Die erste Operation war gleich erfolgreich

Küffer liess sich von Strub zwei Ventile bauen, die er Tage später gleich bei einer todgeweihten Person anwenden wollte. Die Operation, genau ein Jahr nach dem Tod von Lorenz, verlief erfolgreich. «Der Junge ging in den Kindergarten , in die Schule und hatte nie mehr Probleme.»

1971 wird das Ventil in einer Fachzeitschrift beschrieben. Später an einem Kongress in Deutschland traf er den Amerikaner, der 54 das erste Ventil erfand. «Ich ging zu ihm, öffnete meine Faust und mein Ventil kam zum Vorschein. Er hatte es nicht einmal in die Hände genommen und gesagt. Das sei nicht viel besser als mein Ventil.» Später habe er gehört, dass in Amerika eine Person die dortige Patentierung mit Einsprachen hintertrieb. Strub vermutet, dass der amerikanische Erfinder dahintersteckte.

Nur 18 jahre lang Patentschutz

«Wäre ich ein Geschäftsmann, dann wäre ich heute ein kleiner Hansjörg Wyss», so Strub. Noch am Operationstisch, als das erste von Strub konstruierte Ventil eingesetzt wurde, sprach er mit dem Arzt über den möglichen Preis des Ventil. Dieses kostete bisher 750 Franken. Strub schlug 800 Franken vor und Küffer 1000 Franken. «Er meinte, wenn das Ventil besser ist als das alte, darf es auch mehr kosten.» Heute werden rund 50'000 derartige Ventile jährlich eingesetzt. Strub liess das Ventil 1969 in einigen wichtigen Ländern patentieren. Aber der Schutz dauerte nur 18 Jahre lang. Wer heute «seine» Ventile baut, weiss er nicht.

Strubs Helfer im Hintergrund

Mathys und Wyss Helfer im Hintergrund war Robert Mathys senior, der die ersten Ventil baute. «Stückpreis 2.55 Franken», so Strub. Mathys war Knochenspezialist und stand damals am Anfang seiner Unternehmerkarriere im Medizinalbereich und erledigte diverse Aufträge für Ärzte. «Mach ein Hüftgelenk, hat er vom Spezialisten in Bern diktiert bekommen, was Mathys bei sich im Keller auch tat. Er erledigte noch weitere Aufträge. Dann nach einiger Zeit, wollte Mathys auch ein Entgelt für den korrosionsfreien Stahl, den er kaufen musste. Sonst gehe er konkurs, hat er dem Chirurgen in Bern gesagt. Später wollte er die Lizenz für das Hüftgelenk Johnson & Johnson in Amerika verkaufen, die aber abwinkten, weil sie schon eines in der Pipeline hätten. Fünf Jahr später sei aber Johnson & Johnson auf Mathys Anfrage zurückgekommen und bat ihn, für sie das Gelenk für 5000 Dollar (damaliger Kurs: 4.90 Franken) das Stück zu verkaufen. Aber Mathys ging nicht darauf ein, und begann selber das Gelenk zu verkaufen. Das war der Anfang seines Milliardenkonzerns.»

Mathys hatte einen Verkäufer, erzählt Strub weiter, der sein Gelenk in Amerika in den Kliniken verkaufte, und den er am Umsatz beteiligte. «Das war Hansjörg Wyss.» Das später aus diesem Anfangserfolg entstandene Imperium verkaufte Wyss für 24 Milliarden Franken, so Strub. Ein anderer, der mit Mathys Geld machte, sei Maurice E. Müller gewesen, der Bern das Paul-Klee-Museum schenkte. (uby)