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Energiestadt Gold mit 80,3 Prozent geholt – hat Zuchwil das obere Limit erreicht?

Die Gemeinde Zuchwil hat sein Label Energiestadt Gold halten können. Mit 80,3 Prozent übertrifft sie den geforderten Wert klar.

Urs Byland
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Peter Baumann vor der Baustelle im neuen Quartier Riverside, das ein Vorzeigeprojekt der Energiestadt werden soll.

Peter Baumann vor der Baustelle im neuen Quartier Riverside, das ein Vorzeigeprojekt der Energiestadt werden soll.

Solothurner Zeitung

Peter Baumann, wachsen Zuchwils Bäume in den Himmel? Anders gefragt: Wo enden Zuchwils Energiestadt-Ambitionen?

Ich wäre glücklich, wenn die Bäume der Energiestadt noch höher wachsen würden. Aber ich glaube, wir sind mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen am oberen Limit angelangt.

Welche Ressourcen meinen Sie? Könnte die Gemeinde, wenn sie wollte, nicht weitere Ressourcen bereitstellen?

Es ist wichtig, die Energiestadt Schritt für Schritt voranzutreiben, inklusive Vertrauen aufzubauen, sonst stossen die Anträge im Gemeinderat auf Widerstand. Zusätzliche Stellenprozente wären eine Möglichkeit oder einzelne Projekte outsourcen, was wir heute schon tun. Ich denke auch über einen politischen Energie- und Umweltrat oder Klimarat nach. Der Gemeinderat hat der Energiestadt in den 16 Jahren kein Projekt zurückgewiesen oder abgelehnt, dies zeigt eine starke politische Rückendeckung und die ist absolut fundamental.

Welche Projekte werden in Zuchwil aktuell bearbeitet?

Wir haben ein vom Gemeinderat genehmigtes Konzept FV-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden und ein genehmigtes Konzept mit neun Ladestationen für Elektroautos. Wir haben ein genehmigtes Grün- und Freiflächenkonzept. Dieses generiert Projekte im Umgang mit Klimafolgen, das von Energie Schweiz gefördert wird. Dabei geht es um Grünflächen in der Stadt oder im Dorf, um den Zustand des Waldes, die Gestaltung öffentlicher Plätze oder Schulanlagen. Wir setzen im Moment das ebenfalls vom Gemeinderat genehmigte Konzept Schulwegsicherung um. Hier warten als Erstes die Unterführung Kornfeld oder der zusätzliche Fussgängerstreifen Amselweg als Bauprojekt in der Pipeline.

Sie haben davon gesprochen, dass die Energiestadt viel Goodwill im Gemeinderat erfährt. Welche Projekte würden Sie noch gerne von diesem Gemeinderat verwirklicht sehen?

Es gibt schon noch einige ehrgeizige Projekte. Ein Beispiel ist die von Unicef lancierte kinderfreundliche Gemeinde.

Was braucht es, um als kinderfreundliche Gemeinde zu gelten?

Das Label Unicef, die kinderfreundliche Gemeinde, ist sehr anforderungsreich und dauert ein bis zwei Jahre. Dazu gibt es in den Unterlagen einen wunderschönen Text: Wer auch immer sie ist. Wo auch immer er lebt. Jedes Kind verdient eine Kindheit. Eine Zukunft. Eine faire Chance, und so weiter. Wir haben schon sehr viel für eine kinderfreundliche Gemeinde getan, sind aber noch lange nicht am Ende. Dabei geht es zur Hauptsache um die Gestaltung von Aussenräumen wie zum Beispiel Spielplätzen.

Sie wollten noch weitere Wunschprojekte erwähnen.

Ich möchte in meiner Amtszeit unbedingt noch unsere Patengemeinde Saas-Balen in unsere Energiestadt Gold einbinden, dies würde unseren Wirkungsradius enorm erweitern. Weiter möchte ich das Quartier Riverside zusammen mit den Investoren als 2000-Watt-Areal zertifizieren. Sie tun schon alles, was es dafür braucht. Es gibt aber noch vieles: Etwa das Konzept Veloabstellplätze umsetzen mit mehr und gedeckten Plätzen oder Projekte wie «Bike to school», «Bike to work» oder «Walk to school» fördern und nicht zuletzt in grossen Betrieben ein Mobilitätsmanagement einführen. Das ist in der Umsetzung mit Anfragen für Erstberatung. In der Ortsplanrevision sollte man im Bau- und Zonenreglement rechtlich verankern, dass grössere Neubauten ein Mobilitäts-, Energie- und Freiraumkonzept erstellen müssen.

Eine Energiestadt lebt auch von der Kommunikation. Was planen Sie hier?

Wir wollen die Zuchwiler und Zuchwilerinnen davon überzeugen, dass wir die Klimaerwärmung mit allen möglichen Projekten stoppen müssen. Wir wollen unserer Jugend eine intakte Lebensgrundlage hinterlassen. Ich glaube, unsere Ambitionen sind vom Herzblut und dem Verhalten der Schlüsselpersonen abhängig.

Dazu zählen auch Sie. Wie möchten Sie sich persönlich in Bezug auf die Umwelt verbessern?

Ich denke viel über meinen energetischen Fussabdruck nach. Ich habe das grosse Ziel, endlich ein eigenes E-Bike anzuschaffen, um in dieser Beziehung meine Vorbildfunktion noch mehr wahrnehmen zu können. Mein nächstes Auto wird ein technisch weit entwickeltes E-Auto sein. Und ich wohne in einer Minergie-P-Wohnung und versuche dadurch, möglichst wenig Energie zu verbrauchen.

Zuchwil führt im Kanton mit Abstand

Das Label Energiestadt Gold basiert auf dem Label Energiestadt. Es ist die höchste Auszeichnung für Städte und Gemeinden, die sich kontinuierlich für eine effiziente Nutzung von Energie, erneuerbare Energien und Klimaschutz engagieren und besonders hohe Anforderungen erfüllen. Energiestädte, die mindestens 75 Prozent der für sie möglichen Massnahmen umgesetzt haben, können den European Energy Award Gold beantragen.

Die Gemeinde Zuchwil erhielt 2004 das Label Energiestadt mit 55 Prozent der möglichen Punkte. 2008 (64 Prozent) und 2012 (65 Prozent) wurden die erneuten Überprüfungen erfolgreich abgeschlossen. Auf 2016 erfolgte ein Quantensprung. Zuchwil holte mit 76 Prozent das Label Energiestadt Gold, das 2020 mit 80,3 Prozent bestätigt werden konnte.

In der Schweiz gibt es 54 Energiestädte Gold (Stand März 2020). Bern (87,2 Prozent), Luzern, Lausanne und Zürich führen den schweizerischen Energiestadt-Benchmark an. Zuchwil liegt hier an 19. Stelle mit 80,3 Prozent. Die Stadt Solothurn hat die zweitbeste Marke im Kanton Solothurn mit 70,7 Prozent, was nicht für das Gold-Label reicht. Europaweit stehen Wildpoldsried (DE, 93,2 Prozent), Saerbeck (DE, 90,2 Prozent) und Virgen (AT, 87,8 Prozent) an der Spitze. Der Schweizer Leader Bern folgt auf Platz 5.

Gemeinderat ist weiterhin Energiestadt tauglich

Künftig werden die öffentlichen Bauten in Zuchwil dem Energiestadt-Standard genügen. Der Gemeinderat hat im Herbst 2020 einen entsprechenden Antrag gegen die Stimmen der SVP genehmigt. Das Label Energiestadt zeichnet Gemeinden mit einer besonders fortschrittlichen Energiepolitik aus. Dazu gehören sechs Bereiche. Einer ist der Bereich kommunale Gebäude und Anlagen. Der Gebäudestandard definiert die Punkte Neubauten, bestehende Bauten, effizienter Elektrizitätseinsatz, erneuerbare Energien Wärme, Gesundheit und Bauökologie, Mobilität und Bewirtschaftung.

Weil Zuchwil sogar das Label Energiestadt Gold trägt, sind bereits viele Punkte des Gebäudestandards umgesetzt. So werden sämtliche öffentliche Gebäude auf erneuerbare Energie umgerüstet (Fernwärme), die Stromverbrauchsanlage optimiert, die Gebäude mit einer Energiebuchhaltung bewirtschaftet, bei Gestaltungsplänen ein Energiekonzept und ein Mobilitätskonzept vorgeschrieben oder mindestens 20 Prozent des Strombedarfes im oder am Gebäude oder auf dem Gelände des Gebäudes produziert.