Luterbach
Energie mit der Wasserkraft der Emme

Mit dem Kauf des Alten Kraftwerkes setzt sich die Gemeinde Luterbach für den Erhalt von industriellen Zeitzeugen ein. Das 1903 erbaute Kraftwerk ist das letzte Gebäude, das von der ehemaligen Kammgarnfabrik noch steht.

Rahel Meier
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zvg

Der Gemeinderat Luterbach hat dem Kauf des Alten Kraftwerkes Schoeller für den symbolischen Preis von 1 Franken zugestimmt. Damit wird ein weiterer wichtiger Zeuge aus der Zeit der beginnenden Industrialisierung gerettet und nach seiner Sanierung unter Schutz gestellt.

Wasser

Wasser gibt dem Wasseramt seinen Namen. Die Hälfte der Bevölkerung des Kantons Solothurn bezieht ihr Trink- und Brauchwasser aus dem Wasseramt. Wir gehen in einer Serie den völlig unterschiedlichen Facetten des Wassers nach.

- Teil 1: Grundwasser (20. Juli)

- Teil 2: Die Arbeit des Brunnenmeisters (27. Juli)

- Teil 3: Die Wasserversorgung in Aeschi (5. August)

- Teil 4: Die Wasserbar (17. August)

Das Gelände der ehemaligen Schoeller AG (früher Kammgarnspinnerei Derendingen) wurde in den letzten 20 Jahren völlig überbaut. Von der ehemaligen Kammgarnfabrik ist nur noch ein Gebäude vorhanden: Das alte Kraftwerk, genauer gesagt das Turbinenhaus 2, das im Jahr 1903 erbaut wurde. Das Gebäude befindet sich an der Westecke des Grundstückes und liegt auf Boden der Gemeinde Luterbach direkt am Emmekanal.

Im und am Gebäude finden sich historische und technische Installationen wie Rechenanlage, Überlauf, Turbine, Schwungrad und Generator. Weil das Gebäude für die heutigen Eigentümer, die Credit Suisse Real Estate LogisticsPlus, wertlos ist, sollte es abgebrochen werden. Luterbach wurde die alte Turbine als Geschenk angeboten.

Gebäude lieber als Ganzes

«Wir haben uns die Turbine und das alte Kraftwerk angesehen und uns gefragt, ob es nicht sinnvoll wäre, das Gebäude als Ganzes zu erhalten», erklärt Hans Peter Zuber. Zuber ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um Elektrizität, den Emmenkanal und die Industrialisierung entlang des Kanals geht. Er betreut seit 30 Jahren das Museum beim Wasserkraftwerk in Luterbach.

Das alte Kraftwerk Schoeller steht heute nicht unter Schutz. Die kantonale Denkmalpflege befürwortet den Erhalt des Gebäudes mit den Annexbauten aber und ist bereit, einen Beitrag an die Sanierung zu leisten, wenn es anschliessend unter Schutz gestellt wird.

 Museum und Kraftwerk (rechts) beim Wasserkraftwerk Luterbach.  

Museum und Kraftwerk (rechts) beim Wasserkraftwerk Luterbach.  

Rahel Meier

Auch die Eigentümerin erklärte sich mit dem Erhalt des Gebäudes einverstanden und versprach, sich mit dem Betrag, den das Abreissen und Entsorgen gekostet hätte, an der Sanierung zu beteiligen. In der Zwischenzeit kommen auch positive Signale aus der Gemeinde Derendingen. «Wir möchten das Turbinenhaus in den bestehenden Industrielehrpfad entlang des Emmenkanals einbinden», so Zuber.

1888 und 1988

Die Geschichte der ehemaligen Kammgarnspinnerei Derendingen ist auch eng mit dem 1,5 Kilometer entfernten Wasserkraftwerk in Luterbach verknüpft. Dieses wurde in den Jahren 1887/88 gebaut. Ursprünglich wollte man die Energie von Luterbach aus mit einer Seiltransmission nach Derendingen bringen.

Statt dessen wurden dann aber ein Generator und eine Freileitung (siehe Kasten Industriegeschichte) gebaut. 1905 erweiterte man die Anlage in Luterbach und 1906 wurde die Turbine ausgewechselt. 1987, nach der Schliessung der Schoeller AG, erwarb die Firma Hydroelectra AG in Heerbrugg das Kraftwerk in Luterbach.

Vorindustrielle Anlagen

Fünf Wasserräder in Subingen

Im Wasseramt wurde die Wasserkraft auch entlang der Oesch viele Jahre lang genutzt, um Elektrizität zu erzeugen. Im 19. Jahrhundert wurden in Subingen noch fünf Gewerbebetriebe mit Wasserkraft und Wasserrädern betrieben: Die Teigwarenfabrik am Makkaronibach unterhalb des Bahnüberganges; die Oeli/Knochenstampfi am ehemaligen Oelibächli (heute Tea Room Flury), die Sägerei am Sagibach (heute Kofmehlhaus) und zwei Getreidemühlen an der Oesch.

Das Wasserrad der unteren Mühle wurde bei der Oeschkorrektur (1971 bis 1976) abgebrochen. Das Wasserrad und die Schleusenanlage der oberen Mühle (Friedhofstrasse) oberhalb der Oeschbrücke sind heute noch erhalten. Das Wasserrad wird allerdings nicht mehr genutzt, und ist in nicht allzu gutem Zustand. Das Gebäude aus dem Jahr 1744 dient heute als Wohnhaus. Schon vorher stand dort aber eine Mühle, wie alte Dokumente beweisen. (rm/mgt)

Ursprünglich sollten das Gebäude abgerissen und die alten Maschinen demontiert werden. Dank des Einsatzes der kantonalen Denkmalpflege, Privater und dem Entgegenkommen der Hydroelectra AG konnte das Kraftwerk erhalten werden. Es wurde restauriert und als Museum zugänglich gemacht.

Das alte Maschinenhaus direkt daneben wurde durch einen schlichten Neubau ersetzt. «Auch hier wurde wieder Geschichte geschrieben», wie Hans Peter Zuber weiss. «Die neue Anlage in Luterbach war die erste digital gesteuerte Anlage, welche bis heute pro Jahr zwischen 1,3 bis 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt.» Gerne betont Zuber zudem, dass zwischen den beiden Anlagen genau 100 Jahre liegen und das auch in den Jahreszahlen 1888 und 1988 am Gebäude abzulesen ist.

Im Jahr 2000 wurde auf dem Gelände der Hydroelectra AG ein zweites Museum errichtet, in dem der «Diesel 1911» ausgestellt ist. Just der Dieselmotor, der in der ehemaligen Kammgarnspinnerei 1911 eingebaut wurde und der heute als industriegeschichtliche Rarität gilt. Der Motor ist noch voll funktionsfähig.

Industriegeschichte

Sternstunde im Wasseramt

Das Wasseramt war neben Schönenwerd (Bally) und Grenchen (Uhrenindustrie) Ende des 19. Jahrhunderts die dritte grosse Industrieregion im Kanton Solothurn. Fünf grosse Fabriken wurden gebaut. Die Wasserkraft der Emme war einer der entschiedenen Punkte für die Standortwahl. Eine dieser Fabriken war die Kammgarnspinnerei Derendingen, die 1872 gegründet und 1874 gebaut wurde und 1987 (als Schoeller AG) ihre Tore schloss.

Wegen des Baus der Kammgarnspinnerei wurde der bestehende Emmenkanal verlängert. Schon 1880 bis 1883 wurde der Betrieb ausgebaut und eine dritte Turbine angefügt. Als die fabrikinternen Anlagen nicht mehr ausreichten, wurde 1887 der Emmenkanal erneut verlängert, diesmal bis zur Einmündung in die Aare.

Bereits 1886 wurde im Wasseramt Elektrizitäts-Geschichte geschrieben. Damals wurde zum ersten Mal Energie mittels einer speziell entwickelten Freileitung übertragen. Der Strom ging über acht Kilometer vom Wasserkraftwerk an der Oesch in Kriegstetten in die Schraubenfabrik Schweizer und Müller in die Schanzmühle nach Solothurn.

Der Nutzwert betrug 75 Prozent, was die Fachwelt erstaunte. Entwickelt wurde die Leitung von Charles Brown. Dessen Bruder Sidney W. Brown entwickelte ein Jahr später zwei neuartige Generatoren, die im Wasserkraftwerk in Luterbach zum Einsatz kamen und die die spätere Entwicklung der Kammgarnspinnerei in Derendingen wesentlich mit beeinflussten.

1899 wurden in der Kammgarnspinnerei 41 140 Spindeln betrieben. 4 Turbinen zu je 150 PS; 1 Turbine mit 280 PS im Wasserkraftwerk in Luterbach, 1 Wechselstrommotor mit 110 PS und 2 Dampfmaschinen mit 400 und 100 PS führten den benötigten Strom zu. Noch heute werden vier Kleinwasserkraftwerke entlang des Emmenkanals betrieben. (frm)