Harmonisiertes Schulwesen

Einschulung mit 4 Jahren zu früh? Derendingen probt provisorischen Kindergarteneintritt

Alles steht in diesem Kindergarten in Derendingen bereit für den ersten Kindergartentag am kommenden Montag.

Alles steht in diesem Kindergarten in Derendingen bereit für den ersten Kindergartentag am kommenden Montag.

Immer mehr Kinder werden für das erste Kindergartenjahr zurückgestellt. In Derendingen geht man deshalb neue Wege und erlaubt in Einzelfällen einen provisorischen Kindergarteneintritt.

Am Montag startet das neue Schuljahr. Für die Kleinsten, die Kinder, die in das erste Kindergartenjahr kommen, ist dies oft ein grosser Schritt. Mit der Harmonisierung des Schulwesens im Jahr 2012 wurde der Stichtag für den Schuleintritt schrittweise vom 30. April auf den 31. Juli verschoben. Das heisst, dass Kinder laut Volksschulgesetz bereits knapp nach ihrem vierten Geburtstag eingeschult werden können. Viele Eltern empfinden das als zu früh und machen von ihrem Recht Gebrauch, die Kinder ein Jahr zurückzustellen.

Kein Gehör gefunden

Die Wasserämter Schulleiter treffen sich regelmässig in der sogenannten «Slk15» (Schulleiterkonferenz). Dabei wurde festgestellt, dass das Zurückstellen der Kinder für das erste Kindergartenjahr allgemein zugenommen hat. Die Schulleiter wollten deshalb gemeinsam ein Pilotprojekt für «eine freiwillige Repetition im Kindergarten» lancieren, und unterbreiteten diese Idee dem Volksschulamt (VSA). Dieses hat jedoch abgelehnt.

Die wichtigste Begründung dabei war, dass von einer Repetition bereits in der ersten Stufe der Volksschule möglichst abgesehen werden solle. Auch ein Auftrag von Kantonsrat Michael Ochsenbein (Gemeindepräsident Luterbach), der einen «weichen Einstieg in den Kindergarten» verlangte, wurde negativ beantwortet.

Ochsenbein forderte die Möglichkeit eines versuchsweisen Eintrittes in den Kindergarten, mit dem es Eltern möglich wäre, Kinder wieder zu dispensieren, wenn sich herausstellt, dass sie dem Kindergarten-Alltag noch nicht gewachsen sind. Als weitere mögliche Massnahme wurde ein Eintritt in den Kindergarten mit einem reduzierten Stundenplan vorgeschlagen.

Eltern werden eingeladen

Obwohl eigentlich nicht möglich, wird der provisorische Kindergarten-Eintritt in Derendingen schon seit 2012 gelebt. Deshalb wurde er in der Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Solothurn für die drei nächsten Schuljahre unter «Anträge für Abweichungen und Sonderregelungen mit Begründung» auch aufgeführt. Das VSA hat aber diesen Passus abgelehnt und die Vereinbarung ohne provisorischen Kindergarten-Eintritt genehmigt. Der Gemeinderat Derendingen liess sich deshalb in einer Sitzung von Schulleiter Matthias Pfeiffer erklären, worum es hier geht.

In Derendingen werden alle Eltern, die ihr Kind ein Jahr zurückstellen möchten, gemeinsam mit ihrem Kind zu einem Gespräch mit der Schulleitung und einer Heilpädagogin eingeladen. «Die Gründe der Eltern für die Rückstellung sind vielfältig», so Schulleiter Matthias Pfeiffer in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Oft sei es auch nur Unsicherheit oder Unwissen.

Tatsächlich gebe es aber auch seltsame Situationen. So würden Kinder für das erste Kindergartenjahr zurückgestellt, kämen dann ein Jahr später, können bereits lesen und schreiben und überspringen dann ein Jahr. «Das ist nicht sinnvoll», so Pfeiffer. Ebenso sei es schwierig, wenn Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund ein Jahr länger daheim bleiben und erst spät Deutsch lernen. Problematisch seien weiter Kinder, die sich den Umgang mit Gleichaltrigen und Gruppen nicht gewöhnt sind.

Jährlich kommen in Derendingen zwischen 50 und 60 Kinder in die erste Kindergartenklasse. Durchschnittlich werden fünf bis sieben Gesuche für eine Rückstellung gestellt. «Einige dieser Kinder werden nach dem Gespräch tatsächlich zurückgestellt. Andere besuchen den Kindergarten daraufhin ganz normal, und für ein bis zwei Kinder wird die Lösung des provisorischen Eintrittes gewählt.»

Pfeiffer weiss aber auch von einer Gemeinde im Wasseramt, in der auf dieses Schuljahr hin ein Viertel aller Kindergärteler, die den «kleinen» Kindergarten besuchen sollten, zurückgestellt wurden. «Je nach Grösse der Gemeinde und Anzahl der Kindergarten- und Schulkinder wirft dies die Planung in Sachen Lehrkräfte, Schulzimmer, oder Stundenplan völlig durcheinander.» Denn all dies muss bereits gemacht werden, bevor die Kinder definitiv angemeldet sind.

Kann sinnvoll sein

Es gebe durchaus Situationen, in denen die Rückstellung sinnvoll sei. «Wir sind nicht prinzipiell dagegen, dass ein Kind zurückgestellt wird», so Pfeiffer. Aber im Gespräch wird den Eltern und dem Kind aufgezeigt, wie der Kindergarten funktioniere und welche Möglichkeiten es gebe, dass die Einschulung glücke. «Die Reduktion der Stunden am Anfang ist durchaus auch eine mögliche Variante.» Die Kinder dürften auch auf Schnupperbesuch in den Kindergarten gehen, den sie später besuchen würden.

Der provisorische Kindergarteneintritt ermögliche es, das Kind altersentsprechend einzuschulen. Wenn sich zeige, dass das Kind aufgrund seines Entwicklungsstandes noch nicht so weit sei, um dem Angebot des Kindergartens zu folgen, könne es durch individuelle Massnahmen gefördert oder nach einer Probezeit zurückgestellt werden. «Damit entfällt auch das Problem der Repetition. Das Kind wird einfach erst im kommenden Jahr in der Statistik erfasst.»

Derendingen ist mit der Möglichkeit des provisorischen Kindergarteneintritts ein Sonderfall. Mehrere Wasserämter Gemeinden hätten, wie Derendingen, den entsprechenden Passus in die Schulvereinbarung aufgenommen. «Aber meines Wissens hat nur in Derendingen der Gemeinderat unser Vorgehen offiziell abgesegnet, nachdem das Volksschulamt es abgelehnt hat», so Pfeiffer.

Für den Schulleiter und den Gemeinderat lohnt sich der Aufwand: «Jedes Kind, das im Kindergarten individuell gefördert wird und allfällige Schwächen angehen kann, spart später teure weitere Förderungsmassnahmen.» Er betont, der provisorische Kindergarteneintritt sei eine spezielle Einzellösung, nicht die Norm. «Das wichtigste Ziel ist für uns nach wie vor, alle Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend zu fördern und auszubilden.» Wenn das Provisorium dabei helfe, dann sei es richtig, diese Variante zu ermöglichen.

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