Nennigkofen

Einer der letzten Hausärzte des Bucheggbergs geht in Pension

Josef Wyser praktizierte 29 Jahre lang in Nennigkofen. Manche Patienten betreute er über Jahrzehnte hinweg.

Josef Wyser praktizierte 29 Jahre lang in Nennigkofen. Manche Patienten betreute er über Jahrzehnte hinweg.

Der 66-jährige Josef Wyser schliesst Ende Dezember seine Praxis in Nennigkofen, einen Nachfolger gibt es nicht. Sein Beispiel zeigt, warum es bei der Nachfolgersuche hapert.

Der Bucheggberg verliert einen Hausarzt. Schon wieder. Mit Josef Wyser geht am 30. Dezember einer der letzten Allgemeinmediziner des Bezirks in Pension. Fast drei Jahrzehnte Jahre lang praktizierte er in der heimelig wirkenden Praxis mit dem Holzinterieur unter dem steilen Dach. Das Hochstudhaus an der Gehrstrasse steht unter Schutz. Der Beruf des Hausarztes im Bucheggberg dagegen nicht.

Es könnte gut sein, dass die Praxis geschlossen bleibt, trotz Zeitungsinseraten und direkter Suche nach einer Nachfolge am Bürgerspital Solothurn. Alle Aussichten auf eine Weiterführung haben sich bisher zerschlagen. Eine Kettenpraxis sowie eine Gruppe aus jungen Ärztinnen zogen ihre Anfrage nach anfänglichem Interesse zurück. Einem anderen Interessenten sagte Josef Wyser selber ab.

Oft liegt die Schwierigkeit bei der Nachfolgesuche für Hausarztpraxen an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Niemand will die Hauptlast für die Praxis tragen», sagt Wyser. Ein Problem, dass der 66-Jährige nicht kannte. 29 Jahre lang blieb er in Nennigkofen selbstständig. «Ich bin ein Einzelkämpfer und kein Gruppentyp.» Einzig auf die Hilfe einer Praxisassistentin verliess er sich.

Die Arbeit in einer Gruppe sei komplex und berge Schnittstellenfehler. Wyser dagegen bevorzugte einfache Kommunikationsstrukturen. Doch ohne fachlichen Austausch ging es auch bei ihm nicht, sagt der Arzt und zeigt auf das Telefongerät auf dem Schreibtisch. «Ich habe ein gutes Netzwerk gepflegt.» Statt von Angesicht zu Angesicht interagierte er telefonisch mit Kollegen und Spezialisten. Das Internet spielte als Informationsnetzwerk eine geringe Rolle. «Mein Internet war das Telefon.»

«Latein stinkte mir»

Aufgewachsen ist Josef Wyser in Erlinsbach. Nach der Bezirksschule in Schönenwerd und der Kantonsschule in Aarau nahm er in Bern das Medizinstudium auf. Nachdem er als junger Student in den Radionachrichten hörte, dass Latein keine Voraussetzung mehr ist für das Studium, rannte er umgehend zum Rektor, um sich vom Unterricht zu dispensieren. «Latein stinkte mir. Dass der Musculus tibialis anterior der vordere Schienbeinmuskel ist, lernt man doch am besten während der Arbeit.»

Nach dem Studium arbeitete er in der Bakteriologie des Inselspitals Bern und in der Rheumatologie in Leukerbad. Fünf Jahre lang war er Oberarzt am Bürgerspital.

Es sind der soziale Hintergrund und die Themenbreite, die ihn an der Humanmedizin interessieren. «Man wird konfrontiert mit den Schattenseiten des Lebens.» Das habe sich in all den Jahren nicht geändert. «Ins Unermessliche» gestiegen sei dagegen der administrative Aufwand. Verordnungen für Pflegeheime, die nur noch schriftlich abgegeben werden dürfen, dazu ein anspruchsvolleres Versicherungswesen. 30 Prozent seiner Arbeitszeit widmete Josef Wyser am Ende seiner Karriere noch den Patienten. Der Rest waren administrative Arbeiten.

Weniger Junge in Behandlung

Verändert haben sich auch die Patienten. «Sie wurden zusammen mit mir älter.» Heute behandle er weniger jüngere Menschen als früher. Dadurch wurde die Arbeit vielfältiger und anspruchsvoller. Viele Patienten sind polymorbid, leiden an Mehrfacherkrankungen. Es ist eine Auswirkung der Überalterung der Gesellschaft. 

Umso mehr müssten Hausärzte breit denken und Banales von Relevantem trennen. Hat jemand eine Grippe, oder handelt es sich um eine Lungenentzündung? Welchen Gesichtsausdruck hat eine Patientin? Wie ist ihr Gang? Solche Fragen liess Wyser unmittelbar in die Beurteilung einfliessen. «Da ist viel Intuition dabei.» Es habe geholfen, die Patienten gut zu kennen. Manche Menschen betreute Wyser über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Sie alle müssen nun eine neue Praxis suchen. Doch die Hausarztdichte im Bucheggberg wird ausgedünnt (siehe Kasten). «Das hat einige Patienten emotional erschüttert. Sie wissen nicht, an wen sie sich nun wenden sollen», sagt Wyser. Zudem seien viele Allgemeinpraktiker um 60 Jahre alt, kommen bald ins Pensionsalter. Er rate seinen Patienten, einen jungen Arzt aufzusuchen, mit dem sie eine langjährige Beziehung aufbauen können.

Mobiliar nach Tansania

Sobald er seine Praxis geschlossen hat, legt sich Josef Wyser selber unter das Messer. «Ich muss mein Knie flicken lassen.» Seit fünf Jahren trägt er eine Prothese im rechten Knie. Nun benötigt er auch auf der linken Seite ein künstliches Gelenk. Danach ist er bereit für Velotouren im In- und im Ausland oder für Fahrrad-Spazierfahrten mit seinen zwei Hunden. Seine Leidenschaft gilt zudem den Pferden. Wyser ist Ehrenmitglied im Reit- und Fahrverein Bucheggberg.

Und sollte die Praxis in Nennigkofen wirklich geschlossen bleiben, verschenkt Josef Wyser sein Mobiliar nach Afrika. In Tansania kennt er einen Arzt, der Möbel und medizinische Geräte übernimmt. Dann erinnert im Bürgerhaus mit dem heimeligen Holzinterieur nichts mehr an die Praxis Dr. Wyser.

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