Frauen in der Landwirtschaft
Eine Schnottwilerin investiert, um vom Hof leben zu können

Miriam Schluep aus Schnottwil ist Mutter, Bäuerin, IT-Ingenieurin und Unternehmerin. Die Frau setzt auf verschiedene Standbeine, um sich im stetig ändernden Markt behaupten zu können.

Vanessa Simili
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Sie ist Hofbesitzerin in Schnottwil: Miriam Schluep in ihrer Himbeerplantage.

Sie ist Hofbesitzerin in Schnottwil: Miriam Schluep in ihrer Himbeerplantage.

Barbora Prekopová

Miriam Schluep ist unkonventionell und visionär. Eine Frau voller Tatendrang, mutig und innovativ. Sie ist die Eigentümerin eines 22,5 Hektaren grossen landwirtschaftlichen Betriebs in Schnottwil und Mutter von zwei Kindern. Sie ist IT-Ingenieurin von Beruf, ihr Mann Frédéric ebenfalls. «Wir haben uns im Studium kennen gelernt», erzählt sie. Das war vor 14 Jahren. Heute leitet er als Landwirt EFZ (mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis) in Biolandbau den Hof, der seinem Schwiegervater gehörte. Sie führt ihre eigene IT-Firma in Bern. Zudem ist sie als Bäuerin FA (mit Fachausweis) gerade in der Weiterbildung zur Bäuerin HF (Haushaltleiterin mit Fachausweis).

Frauen in der Landwirtschaft

Die Serie «Frauen in der Landwirtschaft» rückt die unterschiedlichsten Bäuerinnen in den Fokus. Frauen übernehmen seit je eine bedeutende Rolle im bäuerlichen Familienbetrieb. Im Kontext des landwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandels verändern sich nicht nur das Rollenverständnis, sondern auch die Aufgaben und Funktionen. Das konventionelle Modell der landwirtschaftlichen Betriebsführung nimmt neue Formen an. (vs)

Dass sie als Tochter und nicht ihr Bruder eines Tages den idyllisch gelegenen Hof übernehmen würde, war nicht von Anfang an klar. Eine Weitergabe in der «Blutlinie» habe schliesslich auch mit dem bäuerlichen Bodenrecht zu tun, das die Höfe vor Spekulation und Zerstückelung schützen soll. Nun ist es fünf Jahre her, dass der Vater ihr den Hof übergeben hat.

Zuerst investieren, um zu überleben

Seither hat sich viel verändert am Feld 1, so ihre neue Adresse. Jüngst ist die 42-Jährige mit ihrem Mann, der neunjährigen Tochter und dem elfjährigen Sohn vom Stöckli ins grössere Hochstudhaus mit Baujahr 1827 gezogen – das Stöckli bewohnen jetzt die Eltern. Und: «Wir sind seit Anfang 2018 ein reiner Biobetrieb. Aus Überzeugung», sagt Schluep. Seit Anfang dieses Jahres tragen sie endlich die Knospe. Das Kernstück der Produktion ist die volleingenetzte Himbeerplantage. Es war die erste ihrer Art im Kanton. «Wenn wir nicht investiert hätten, müssten wir den Betrieb im Nebenerwerb führen», schildert Schluep die Ausgangslage. Der Hof hätte nicht genug abgeworfen, um daraus einen ausreichenden Erwerb zu generieren.

Voll eingenetzt heisst, dass die biologischen Himbeeren gegen die Kirschessigfliege und andere Schädlinge geschützt werden und «dass Nützlinge anstelle von Spritzmittel eingesetzt werden können zur Bekämpfung der Schädlinge», erklärt Schluep. Neu soll ein Wandertunnel hinzukommen. Damit können durch den Wechsel des Standorts die Krankheiten eingedämmt und die Saison verfrüht werden. «Die Himbeere ist eine sensible Pflanze.» Ein Regendach erhöhe die Qualität der Beere. «Unsere Himbeeren sind eine Woche im Kühlschrank haltbar, weil die Feuchtigkeit ihnen nicht zugesetzt hat.» Und der Geschmack der Biohimbeeren sei unverkennbar.

Nicht aufgeben, wenn etwas mal nicht klappt

Es sei auch eine finanzielle Entscheidung gewesen, dass sie auswärts arbeite, erklärt Miriam Schluep. Sie schätze die Abwechslung, die ihre Firma ihr bietet. Dennoch will sie wissen, was auf dem Betrieb läuft. Schliesslich habe sie eine Verantwortung. Aber: «Ich bin nicht im Stall.» Das sei das Arbeitsfeld ihres Mannes, und sie versuche, ihm dort nicht zu viel reinzureden. Löhne und Buchhaltung sind ihr Bereich – und sie übernimmt in gewisser Weise die buchhalterische Kontrolle. «Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist eigentlich ein Unternehmen. Wir sind ein gutes Team, um gemeinsam Dinge durchzuziehen», sagt sie.

Schlueps haben Kühe, zwei Ponys, ein Pensionspferd, sechs Hühner und Laufenten. «Die helfen uns in der Plantage gegen die Schnecken.» Miriam Schluep ist nicht nur visionär, sie ist auch realistisch. Beim Ausprobieren kann es passieren, dass etwas nicht auf Anhieb klappt. «Unser Urdinkel hatte vor drei Jahren einen Pilz, da hat man sich schon fast ein bisschen mokiert darüber.» Dieses Jahr aber gedeihe er. Man sieht ihr die Freude an. Sie wolle mehrere Standbeine aufbauen, denn der Markt verändere sich stetig. «Eine Cashcow bleibt nicht immer eine Cashcow.»

Bevor sie mit der Produktion von Himbeeren starteten, machten sie eine Marktanalyse. «Wir sicherten uns durch Vertriebspartner die Produktabnahme im Voraus. Schliesslich geht es um eine grosse Investition.» Dieses Jahr produzieren sie Weizen, Urdinkel, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Futtergerste. Sie haben eine Mutterkuhhaltung mit 16 Mutterkühen – die alle einen Namen tragen. «Alle zwei Jahre nehmen wir ein Tier für uns. Wir wissen dann, welches Tier wir essen.» In dieser Hinsicht ist Schluep unzimperlich. «Wenn man Fleisch isst, muss man wissen, dass ein Tier dafür sterben musste.» Sie ist überzeugt, dass sich in Sachen Ernährung in naher Zukunft einiges ändern wird. Der Fleischkonsum werde zurückgehen, und man werde noch mehr auf regionale Herkunft der Lebensmittel setzen.

Trüffelplantage, Schafe und Speisepilze

Wird ihr Sohn oder ihre Tochter mal den Hof übernehmen? «Ich würde es schön finden», sagt sie. «Wir bauen noch immer auf, und das ist kostenintensiv. Das alles eines Tages einfach zu kippen, ist keine Option.» Noch sei es aber nicht so, dass sie als Familie vom Hof leben könnten. Ihr Ziel ist es, weitere Ideen und Visionen umzusetzen. «Man kann sich nicht einfach hinsetzen und warten. Das funktioniert in keiner Firma.» Eine Trüffelplantage, Schafe und Speisepilze seien Möglichkeiten. Als nächstes Produkt wollen sie aber Hafer anbauen. Die Abnahmekanäle für das Getreide seien bereits geklärt. Auch das wird nicht dem Zufall überlassen.

Die Landwirtschaft allein generiert heute oft kein Familieneinkommen mehr

«Ein Grossteil der Bauernfamilien in der Schweiz ist auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen», sagt Sozialwissenschafterin Sandra Contzen, die an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen über Geschlechterbeziehungen in der Schweizer Landwirtschaft forscht. «Inklusive Direktzahlung werfen die Betriebe zu wenig ab, um ein Familieneinkommen zu generieren.» Sei es, weil die Betriebe klein, die Strukturen veraltet oder die Schulden hoch sind.

Hinzu kommen die tiefen Produzentenpreise – trotz im europäischen Vergleich hoher Endpreise für die Konsumenten. «Der Anteil, der an die Bauern geht, ist klein.» So betrug 2018 das landwirtschaftliche Einkommen in der Schweiz im Mittel 70'600 Franken je Betrieb und entschädigte damit 1,36 familieneigene Arbeitskräfte. Zudem zählten 2019 von den 1337 Landwirtschaftsbetrieben im Kanton Solothurn 67 Prozent zu den hauptberuflichen Betrieben. Ein Drittel waren Nebenerwerbsbetriebe. Nicht nur Männer seien oft in Teilzeit ausserbetrieblich tätig, auch Frauen. «Etwa 50 Prozent der Bäuerinnen kommen aus einer bäuerlichen Familie, die meisten von ihnen haben einen ausserlandwirtschaftlichen Erstberuf erlernt.» Dieser ist eine Voraussetzung für die Ausbildung zur Bäuerin mit Fachausweis: Neben den zwei Jahren bäuerlich-hauswirtschaftliche Praxis wird ein Fähigkeitszeugnis einer beruflichen Grundbildung oder ein Mittelschulabschluss verlangt. «Die andere Hälfte der Bäuerinnen kommt von ausserhalb der Landwirtschaft. Diese Frauen haben dadurch einen stärkeren Bezugsrahmen ausserhalb des Betriebs als Bauerntöchter.» Auf Grund der oft guten Berufsbildung sei die Hürde nicht sehr hoch, zumindest Teilzeit auf dem ursprünglichen Beruf zu arbeiten. Contzen beobachtet die Tendenz, dass mit dem auswärtigen Verdienst die Landwirtschaft quersubventioniert werde. «Oft fliessen alle Einkommen in einen Topf.» Ausgaben für den Betrieb hätten dabei Vorrang.

Vorzugskonditionen innerhalb der Familie

Das bäuerliche Bodenrecht ist darauf angelegt, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb in der Familie bleibt und vor Verstückelung und Spekulation geschützt wird. «Innerhalb der Familie kann er zu Vorzugskonditionen, sprich zum Ertragswert, weitergegeben werden. Die Tradition ist oft noch, dass der Hof vom Vater zum Sohn übergeht», so Contzen. Laut Bundesamt für Landwirtschaft wird in der Regel der landwirtschaftliche Betrieb vom Ehemann geführt und ist auch in seinem Eigentum. Der Anteil der Eigentümerinnen von Landwirtschaftsbetrieben wird nicht erhoben. Mit einer Aktualisierung des bäuerlichen Bodenrechts soll der rechtliche Status von auf dem Betrieb mitarbeitenden Lebenspartnerinnen und Lebenspartnern, die nicht Eigentümerinnen oder Eigentümer sind, verbessert werden. (vs)