Die «Kettenreaktion» erhält nun eine «Materialisation». In einer Publikation «KR 16, Recording 1.0» wird an die dreimonatige Kunstaktion im letzten Jahr auf dem Areal Attisholz Nord erinnert. Die Idee des Projektes war es, den Ort subtil zu inszenieren, die Gäste für seine Vergangenheit zu sensibilisieren und die Vorstellung für Neues zu öffnen. Die geschaffene Situation wurde Ende Oktober in einer abschliessenden Ausstellung präsentiert und mit einem dreitägigen Symposium begleitend erörtert.

Die nun gefertigte Dokumentation zeigt auf 240 Seiten (plus DVD) die vor Ort entstandenen Arbeiten von annähernd der Hälfte der Akteure. Bis am 20. Mai kann die Dokumentation noch zum Subskriptionspreis in einer Crowdfounding-Aktion gekauft werden. Mit der Publikation wurde auch die Scharte ausgewetzt, dass das Kunstprojekt im letzten Jahr ohne finanzielle Unterstützung des Kantons durchgeführt wurde. Für die Publikation hat der Kanton nun einen namhaften Beitrag geleistet.

Komplexe Organisation

Organisator der Kettenreaktion war Werne Feller, der in Biberist ein Büro für Gestaltung und Werbetechnik betreibt. In einem Beitrag in der Publikation schreibt er, dass er schon länger die Vision hatte, eine Laborumgebung im öffentlichen Raum zu schaffen. Im Attisholz Nord fand er diesen Raum. Subkulturen, Künstler und Studenten sollten sich als erstes in dieser Industriebrache, in diesem Labor, entfalten können.

Die grösste Krux sei die Gewährleistung der Sicherheit vor Ort sowie die Finanzierung gewesen. Der Zustand des entkernten Areales habe unter den Normen der Zugänglichkeit und Sicherheit keine Öffnung zugelassen, ebenso so schwer sei es gewesen, Gönner für ein prozessgesteuertes Projekt zu überzeugen. Immerhin konnte durch eine enge Zusammenarbeit mit der Attisholz Infra AG Haftungsausschlüsse für die arbeitenden Künstler in der Brache verfasst werden.

Die eigentliche öffentliche Besichtigung war aufgrund der Sicherheitsbestimmungen nur Ende Oktober an drei Tagen durchführbar. All diese Umsetzungsprobleme verlangten eine aktivere Einbindung aller Kunstschaffenden. Die stille und langsame Inszenierung und die damit verbundenen Verkettungen an Ereignissen habe dem Projekt den Namen Kettenreaktion gegeben, so Feller.

Eine Gegenausstellung

In den Beiträgen in der Publikation erfährt man beispielsweise etwas über das Farbsystem auf dem Areal. Aaron Jaggi hat die Farben analysiert und eine Farbpalette konzipiert. Diese reicht vom hellvergrauten Rot oder Gelb über Müder hell und dunkel bis Moos, Alter Wein oder Asbestviolett.

Caroline Montandon beschreibt in ihrem Beitrag Attisholz Nord als Industrielandschaftsmuseum. «Der von mir entworfene Begriff ‹off museum› bindet ideal an Fellers Idee an. Der selbst organisierte Kunstevent ereignete sich in einem nicht-institutionalisierten, peripheren, energiegeladenen, geschichtsträchtigen Raum, einem typisch zeitgenössischen Off-Raum.»

Abgesehen davon berge das Projekt das Potenzial in Form einer «Gegenausstellung» – vergleichbar zum «Salon des indépendents» des späten 19. Jahrhunderts in Paris – gängiger öder heutigen Kunstschauen.

Fortsetzung im Attisholz-Areal

Im Buch finden sich weitere Beiträge wie «Wir möchten sie doch sehr bitten, die gleichen Fehler nicht zu wiederholen» von Vitaltransformer Pierroz oder «Crossing und Ikonoklasmus, Bildkünstlerischer Diskurs auf Mauern und Wänden oder Phönix zur Asche» von Harald Hinz. Von Interesse ist auch der Beitrag «Das Attisholz-Areal im Wandel» von Andreas Hänsenberger, Konzeptentwickler bei der Arealtbesitzerin Halter. Demnach soll Kultur weiterhin einen Platz im Attisholz Nord haben.

Damit dies kein Lippenbekenntnis bleibt, kann der aktuell in Etziken beheimatete Verein Beneath The Surface (von Mitinitiator Werne Feller) seinen Sitz ins Attisholz-Areal verlegen und dort ein der Öffentlichkeit zugängliches Vereins-Café führen. Kunst-Installationen, Performances und Aktionen könnten dort ausgeheckt werden – als Bühne für die Umsetzung sollen dann wieder grössere Bereiche des Attisholz-Areals dienen.

Das Buch «KR 16, Recording 1.0» wird vorgestellt am Samstag 27. Mai, Altes Spital Solothurn, 16 bis 22.30 Uhr.