Werkhof

Ein Schrank für die Langendörfer Leseratten

Der Werkhof Langendorf bietet eine neue Dienstleistung an: Leseratten können in einem Bücherschrank ihre alten Bücher deponieren und sich gleichzeitig mit neuem Lesestoff eindecken. Die Rückmeldungen der Benutzer sind ausschliesslich positiv.

Karton. Plastik. Altmetall. Der Werkhof Langendorf entsorgt verschiedene Abfälle und das, was die Bewohner nicht mehr brauchen. Seit kurzem steht auf dem Entsorgungsplatz auch eine Ablagestelle für Bücher. Direkt zwischen dem Behälter für PET-Flaschen und der Mulde für Altmetall können alte Exemplare in einen Schrank gelegt werden. Darin haben rund 600 Bücher Platz.

Aus dem Schrank kann sich im Prinzip jeder bedienen. Es gibt nur eine Bedingung: Wer ein Buch rausnimmt, muss dafür ein anderes reinlegen. Laut dem Werkhofchef trägt der Bücherschrank so einen Teil zur Wiederverwertung bei. Die Idee für eine Installation auf dem Entsorgungsplatz stammt von ihm. «Ich habe einen Bücherschrank zum ersten Mal in Deutschland gesehen», sagt Hansrudolf Marti. Da habe er sich gedacht: Das ist sinnvolles Recycling!

«Zum Lesen animieren»

Der Schrank diene Bücherwürmer und Recyclingfirmen gleichermassen. Immer wieder würden Bücher, die nicht mehr gelesen werden, im Altpapier landen. «Aber dort gehören sie nicht hin», erklärt der Werkhofchef. Eine Zeitung, die nur aus Papier besteht, könne etwa siebenmal wiederverwertet werden. Bei Büchern hingegen sei das nicht so einfach. Das liege zum einen am Buchumschlag, der aus Karton gemacht ist. Zum anderen könne der Leim, der die Seiten zusammenhält, nicht zusammen mit dem Papier recycelt werden. Nebst der Wiederverwertung gibt es noch einen weiteren Grund für den Bücherschrank: «Heute soll man doch die Jungen wieder zum Lesen animieren», so der Chef. Und zwar nicht mit elektronischen Geräten, sondern mit Büchern.

Schwenk durch den offenen Bücherschrank in Langendorf

Schwenk durch den offenen Bücherschrank in Langendorf

Bevor der Schrank gebaut wurde, lagen die Bücher auf einem Palett vor dem Werkhof. «Die Feuchtigkeit während des Herbstes hat ihnen aber geschadet», sagt Marti. Deshalb habe man darauf den Holzschrank gezimmert. Dafür habe er bis jetzt ausschliesslich positive Rückmeldungen erhalten.

«Pro Woche werden rund 200 Bücher gebracht und mitgenommen.» Die Bewohner, die viel lesen, kämen mittlerweile sogar regelmässig vorbei. Gerade vor den Ferien sei neuer Lesestoff sehr gefragt. «Momentan herrscht wieder etwas weniger Betrieb», so der Werkhofchef. «Vor den Ferien ging aber rund ein Drittel der ganzen Bücher weg.»

Bücher tauschen, nicht verkaufen

Marti fiel vor einigen Tagen auf, dass alle fremdsprachigen Bücher auf einmal mitgenommen worden waren. Deshalb hegte er den Verdacht, jemand könnte versuchen, die Werke zu verkaufen. «Das entspricht aber nicht der Idee des Bücherschranks.» Deshalb hängt seit einigen Tagen ein Schild auf dem Bücherschrank. Darauf steht, dass der Verkauf der Bücher verboten ist. Damit würde die «Idee des Bücherschranks» gefährdet. «Es gibt nur sehr wenige, die das Konzept des ganzen nicht verstanden haben», erklärt der Werkhofchef.
Seine Frau habe zudem ein Auge auf den Betrieb im Bücherschrank. Einmal in der Woche sortiert sie die Bücher nach ihren Genres. Diese sind mit kleinen Klebern an den einzelnen Fächern im Schrank angeschrieben: Krimis, Romane, Fantasy und Jugendbücher. Frau Marti sortiere zudem die Bücher aus, die man nicht mehr verwenden könne. Die landen im Fach «Bücher zum Entsorgen». Für diese Aufgaben benötige man noch einen Helfer. Marti sucht nach einem Freiwilligen, der die Aufsicht über den Bücherschrank übernimmt und die Werke sortiert.

Werbung für den Bücherschrank braucht Marti keine zu machen. «Das hat sich auch so schnell rumgesprochen», erklärt er. Schliesslich fällt der Bücherschrank zwischen der Mulde für Altmetall und der Sammelstelle für PET auch auf. Wer den Werkhof besucht, um Abfälle zu entsorgen, kann ihn nur schwer übersehen und nimmt so vielleicht schon bei seinem nächsten Besuch ein altes Buch für den Schrank mit. Wenn er das und Karton, Plastik, oder Altpapier abgeliefert hat, kann er mit neuem Lesestoff im Gepäck nach Hause gehen.

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