Der neue reformierte Pfarrer in Selzach hat eine bewegte Vergangenheit. Otfried Pappe ist in Ostdeutschland aufgewachsen und hat im kommunistischen Land seine Pfarrerausbildung absolviert. Nach dem Fall der Mauer half er mit beim Aufbau der kirchlichen Strukturen in seiner Heimat.

Otfried Pappe, Kommunismus und Kirche – wie war das in der DDR?

Otfried Pappe Der Staat hatte eine erklärte kirchenfeindliche Politik. Vertreten wurde in der DDR ein atheistisches Weltbild. Wer sich kirchlich engagierte oder nicht systemtreu verhielt, hatte grosse Schwierigkeiten. Margot Honecker, die Frau des späteren Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, Erich Honecker, war von 1963 bis zum Schluss Bildungsministerin ...

... dann war sie ja für Sie, der 1961, im Jahr des Mauerbaus, geboren wurde, die Bildungsmutter ...

(Lachend) Ich habe die ganze Breitseite mitbekommen. Es gab zwei Bildungsreformen. Mitte der 60er Jahre wurde festgelegt, dass die Kinder zu mündigen, sozialistischen Bürgern erzogen werden. Der Staat nahm von Anfang an Einfluss auf die Kinder. Es gab ein enges soziales System mit garantiertem Platz in der Kinderkrippe und im Kindergarten. Das war natürlich auch eine Entlastung für die Eltern. Zudem brauchte die DDR die Frau als Arbeitskraft.

Also nicht nur eine schlechte Situation?

Natürlich, das war ambivalent. Einerseits das soziale Angebot, andererseits war es eben auch erkauft. Denn wer es nutzte, der gab seine Kinder aus der Hand.

In diesem Umfeld haben Sie sich für eine kirchliche Ausbildung entschieden?

Na gut, ich war vorbelastet, weil mein Vater Pfarrer war. Es gab da verschiedene Organisationen wie Pioniere, FDJ (Freie Deutsche Jugend) oder Rituale wie die Jugendweihe. Für meine Eltern kam das nicht infrage. Sie wollten nicht staatlich organisiert werden. Und das war sozusagen schon das Aus, bevor es anfing.

Wer sich so entschied, für den waren die schulischen Wege mit Hindernissen gepflastert. Meine Eltern haben beispielsweise für meinen älteren Bruder den Anlauf genommen, ihn in die erweiterte Oberschule zu bringen, was hier der Kantonsschule entsprach, aber das ging nicht. Es führte kein Weg rein, worauf meine Eltern entschieden, dass wir die obligatorischen zehn Jahre Schule machten. Alles andere würde sich finden.

Wie kann das nicht gehen?

Es gab eine klare Quote der Anzahl Schüler, für die der Zugang zur erweiterten Oberschule möglich war. Da gab es bestimmte Voraussetzungen. Wer also sagte, er verpflichte sich danach x Jahre in der Nationalen Volksarmee zu dienen, der hatte wesentlich grössere Chancen. Der Staat hatte das Bildungsmonopol. Es gab keine freien Schulen.

Trotzdem gab es eine kirchliche Ausbildung?

Diese Ausbildung entstand nach dem Krieg. Überall herrschte Mangel an Fachkräften, auch in der Kirche. Es wurde ein zweijähriger Ausbildungsgang eingerichtet. Danach gingen die Studenten in den praktischen Dienst. Anfang der 60er Jahre wurde diese Ausbildung reformiert. Es entstand eine Art, würde man heute sagen, Fachhochschule. Zuerst in Wittenberg, danach im Augustinerkloster in Erfurt, wo auch Luther wirkte und als Klosterbruder seine erste Zeit verbrachte. Dort hat die sogenannte Predigerschule ihren Einzug gefunden.

Finanziert von der Kirche?

Genau. Die Ausbildung war staatlich nicht anerkannt. Sie dauerte sechs Jahre; vier Jahre Vollzeitstudium, ein Jahr in der Gemeinde und nochmals ein Jahr im Predigerseminar mit Examensvorbereitung.

Wurden die Menschen vom Staat abgehalten, in die Kirche zu gehen?

Diese Bemühungen gab es. Es kam immer darauf an, wer wo gewirkt hat. Es gab Bürgermeister, Parteisekretäre, Verantwortliche in den Städten und Dörfern, die auch ihre eigene Meinung hatten. Einige waren, sagen wir mal, milder als andere. Natürlich gab es am Sonntagmorgen jemanden der bei der Kirche stand und aufschrieb, wer in die Kirche ging. An den kirchlichen Veranstaltungen, das war ein offenes Geheimnis, war ein Vertreter der Staatssicherheit mit dabei.

Da brauchte es Mut, für seinen Glauben einzustehen.

Ich war gezwungen, Mut zu haben. Ich war der Einzige in der Schulklasse, der nicht in diesen staatlichen Massenorganisationen dabei war. Da war ich ein Fremdkörper. Es gab Lehrer, die sich offen feindlich äusserten oder sich lustig über mich machten. Ich war der Klassenfeind. Das hatte sich zugespitzt, und ich war froh, als ich nach 10 Jahren wegkonnte.

Um in Vaters Fussstapfen zu treten?

Nein. Wir Kinder haben dann einen Beruf erlernt. Das war ja Pflicht nach der Schule. Jeder musste einen Beruf lernen. Ich lernte Orthopädieschuhmacher. Wir zogen 1977 nach der Schule von Zeitz nach Erfurt. Mein Vater übernahm das Haus seiner Eltern. Das war auch nicht einfach, weil er eine Zuzugsgenehmigung benötigte.

Ist Erfurt stark kirchlich organisiert?

Erfurt weist eine stärkere Kirchlichkeit aus, als man das von Leipzig, Halle oder Magdeburg weiss. Evangelisch und katholisch zusammen beträgt der Anteil der Gläubigen heute etwa 20 Prozent der Bevölkerung.

Wie wirkte sich dieser Umzug in die Grossstadt auf Sie aus?

Das war wie eine Befreiung. Ich habe mich neu organisiert, beteiligte mich in einer Jugendgruppe der Kirchgemeinde, und wir haben dort unsere Heimat gefunden. Aber ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, Pfarrer zu werden. In meinem Beruf gefiel es mir nicht. Ich arbeitete eine Zeit lang in einem Heim für physisch und psychisch behinderte Kinder.

Wie verhielt es sich mit der Wehrpflicht?

Ich habe bei der Musterung den Dienst mit der Waffe verweigert. Diese Möglichkeit bestand. Ich wurde Bausoldat. Aber ich musste nicht gleich den Dienst antreten und wusste nicht recht, was ich machen wollte. Da entschloss ich mich, die Aufnahmeprüfung für die kirchliche Ausbildung zu versuchen.

Irgendetwas musste ich ja machen. Vor Beginn der Ausbildung absolvierte ich meinen Dienst als Bausoldat. Im September 1984 habe ich die Ausbildung angefangen.

1988 wechselten sie in einen Randbezirk von Erfurt als Vikar. Wie erlebten Sie den Mauerfall?

Das war ein Quartier mit Plattenbauten. Unerschlossenes Gebiet für die Kirche. Wir sind die Wohnblöcke von oben nach unten durchgegangen, haben uns vorgestellt und für die Kirche geworben. Klinken putzen. Das war nicht einfach. Es war eine bedrückende Zeit Ende der 80er Jahre in der DDR, eine Abbruchzeit. Nichts wuchs nach. Viele haben die DDR verlassen, es gab eine riesige Ausreisewelle. Man hatte das Gefühl, es wird sich nichts ändern. Das hat die Menschen sehr beschäftigt und viele zu einer grossen Mutlosigkeit geführt. Viele haben einen Ausreiseantrag gestellt oder flohen über Ungarn. Andere begannen sich zu engagieren.

Wie?

Im Frühling 1989 fanden noch kommunale Wahlen statt. Es gab dann Gruppen, die gingen in die Wahllokale und kontrollierten die Zählung. Dennoch war die Stimmung sehr trübe. Als eine Tante von mir Silberhochzeit feierte, konnte ich nach Westdeutschland ausreisen. Ich blieb. Das war im August 1989. Ich war mit der DDR fertig und dachte, da passiert nichts mehr. Ich war in Hannover, wusste nicht recht, was machen. Es wurde September, Oktober. Da ging es zum 40. Jahrestag am 7. Oktober so richtig los in der DDR. Ich habe mich geärgert und dachte, nun sitze ich hier und kann nichts tun.

Sie wurden dann doch Pfarrer in der ehemaligen DDR. Wie kam das?

In Westdeutschland wurde mir klar, dass Pfarrer meine Berufung ist. Das war das Gute für mich in dieser Zeit. Am Abend, als die Mauer fiel, sass ich mit Verwandten vor dem Fernseher. Wir haben uns Pizza bestellt und schauten Apokalypse Now, als unten am Bildschirm das Band mit der Nachricht von den Ereignissen lief. Dort sagte ich: ich geh zurück.

Wie ging es weiter?

1990 sass ich mit meinem Anliegen vor der Kirchenleitung in Magdeburg. Der Personalreferent sagte, man habe sowieso in den Wirrnissen vergessen, mich zu exmatrikulieren, ich sei immer noch im kirchlichen Dienst.

1991 traten Sie die erste Pfarrstelle in Kindelbrück an, wo sie ihre Frau Cornelia heirateten und zusammen zwei Kinder aufzogen.

Ich nahm von drei Möglichkeiten die naheste zu Erfurt. Kindelbrück ist ein Dorf mit Stadtrecht und einer riesigen Kirche, das sich aber irgendwann nicht weiterentwickelte.

Wie vollzog sich der Aufbau der Kirche?

Ich hatte anfangs drei Kirchen, aber alle völlig verfallen. Durch systematische Vernachlässigung sollte ja der Betrieb verhindert werden. Ich blieb elf Jahre. Mit den Kindern ergaben sich viele Kontakte. Wir haben Kirchen gebaut, wir haben Strukturen aufgebaut, es war eine wunderbare Zeit.

Wie viele Menschen kamen in die Kirche?

(Lachend) Manchmal waren es nur drei, manchmal zehn, mehr waren es nur zu besonderen Anlässen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung war evangelisch, also zirka 200 Menschen. Es gab mal eine Taufe oder Trauung, aber mehr Begräbnisse. Es ist bis heute eine entkirchlichte Situation.

Wie haben Sie das erlebt?

Es gab ja in der DDR einen anderen Glauben mit ähnlichen Anlässen. Statt einer Taufe konnte man eine sozialistische Namensgebung machen, statt der Konformation oder Firmung gab es die Jugendweihe. Es wurden Ersatzfeste geschaffen. Das hat die Menschen geprägt. Als ich nach Kindelbrück kam, war es schon die dritte Generation, die sich anpasste. Das war einfach das Leben. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle Gedanken zum Leben machen und alles hinterfragen. Am Ende sind einem das eigene Häuschen oder das Portemonnaie näher, oder eben, dass sich die Kinder entwickeln können. Da wurden viele Kompromisse gemacht.

Ihre Frau arbeitete als Krankenschwester in Erfurt, wo sie nach der Zeit in Kindelbrück landeten.

2002 wurde ich in das Pfarramt Erfurt Bindersleben gewählt. Das war am Rand der Stadt ein Pfarrbereich mit acht Gemeinden. Es gab etwa 1400 Gemeindemitglieder. Wir hatten einen Kindergarten, acht Kirchen und Pfarrhäuser und Friedhöfe. Wir haben wieder viel gebaut unter anderem auch ein Gemeindezentrum.

Mit weiteren Mitarbeitern?

Nein, ich und meine Frau. Das war schon sehr viel Arbeit.