Der Mann im grauen Arbeitskombi wühlt in einer Kiste aus Hartplastik. Den Regler des Radios hat er an den Anschlag gedreht, der kleine Lautsprecher scheppert. Doch Bastian Bakers Stimme dröhnt ungehört in die riesige Halle hinein. Die Musik wird übertönt vom Arbeitslärm.

Irgendwo kreischt eine Kreissäge. Ein Bagger entleert seine Schaufel mit Metallteilen in eine Mulde, der Schallpegel steigt ins Ohrenbetäubende. Selbst als einer die Stimme hebt, zeigt der Mann im grauen Overall hinter dem Radio keine Reaktion. Er hat sich einen Gehörschutz übergestülpt. Seine Konzentration gilt dem Eisenschrott. Die guten Teile sortiert er flink aus. Die unbrauchbaren werden später im Stahlwerk Gerlafingen eingeschmolzen.

Frankenschock hinterlässt Spuren

Wer in der Almeta in Bellach arbeitet, macht sich die Hände dreckig. In der Recyclingfirma landet, was in Haushalten und Unternehmen der Region Solothurn nicht mehr erwünscht ist. Weit über 90 Prozent wird wiederverwertet. «Es gibt fast nichts, das wir nicht annehmen», sagt Roger Horisberger. Er muss es wissen. Seit zehn Jahren arbeitet der gelernte Metallbauer in der Almeta. Ausser chemische Gefahrenstoffe und Aushube von Baustellen lehnt der Betrieb praktisch nichts ab.

Ein ausgewiesenes Sortiment gibt es aber nicht. Der Betrieb ist ein Gemischtwarenladen, wie ein Rundgang zeigt. Computer, Handys, Föhne oder ein Küchenmixer sind zu sehen. In Kisten liegen Chromstahlstifte und Messinghülsen. Auf der freien Fläche vor der Halle lagert ein wuchtiges Gerät mit Elektroschaltungen aus einem regionalen Unternehmen. Daneben rostet ein ganzer Betonmischer vor sich hin. Seit dem Frankenschock werden vermehrt ganze Maschinen zur Entsorgung angeliefert. Ein untrügliches Zeichen, dass Produktionsstätten geschlossen oder ausgelagert werden.

An der Eingangskontrolle erlebt Roger Horisberger täglich Überraschungen. Dort sorgt er für eine erste Triage. Eben wird ein Geländewagen in die Einfahrt gewinkt. Angehängt ist ein ausrangierter Wohnwagen. Der kleine, drahtige Mann rennt zur Warenannahme. «Guten Tag, was kann ich für Sie tun?». Der Wohnwagen, sagt der Lieferant, soll so schnell als möglich weg. Horisberger überschlägt die Entsorgungskosten. 500 Franken kostet es, das mobile Heim loszuwerden. Der Lieferant zögert kurz, nimmt Rücksprache mit dem Eigentümer. «Das ist schon etwas viel Geld», murmelt er – und bezahlt. «Was würde ich ohne euch machen.» Aus den Augen, aus dem Sinn. Kaum ist er mit seinem Geländewagen weg, fährt ein Kombi ein. Eine Frau öffnet den Kofferraum, sie will sich von Büchern, einem Snowboard und einem Röhrenbildschirm trennen. Ob sie auch die alten Kleider dalassen könne? Sie kann. Die Almeta nimmt fast alles.

Weisser Fleck auf der Landkarte

Der Betrieb im Bellacher Industriequartier lebt von dem, was andere nicht mehr brauchen. 16 Kilo Elektroschrott hinterlässt der Durchschnittsschweizer jedes Jahr. 150 Tonnen Elektroschrott landen in der Almeta. Zwar nimmt das Gesamtgewicht ab, etwa weil mehr Flach- statt Röhrenbildschirme weggeschmissen werden. Doch die Stückzahl steigt stark an.

Vor über 60 Jahren, als Louis Wermelinger den Betrieb gründete, wurde vor allem mit Altmetall gehandelt. Der Unternehmer aus dem Luzernischen suchte auf einer Schweizer Landkarte nach der Region, wo am meisten Metall verarbeitet wird. Er zog nach Bellach und begann, Metallreste aus den zahlreichen Décolletage-Betrieben der Umgebung zu sammeln.

Seither wurde das Sortiment stets erweitert. Glas kam dazu, in den letzten zehn Jahren Verpackungen, Holz und Kunststoff. «Heute bieten wir eine Gesamtentsorgung an für alles, was stofflich verwertet werden kann», sagt Geschäftsführer Nicolas Gasser. 35 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt der Betrieb, darunter viele langjährige Kräfte. Vor dem Fenster des Verwaltungsgebäudes kippt ein Lastwagen eine Ladung Altglas neben dem Aludosenlager aus. Für fünf Sekunden versteht man im Büro des Chefs kein Wort mehr. Draussen mieft es wie auf einem Open-Air-Gelände nach drei feuchtfröhlichen Festtagen. Der Geruch wabert zwischen abgestandenem Bier und ranzigem Öl. Die Almeta sammelt dien Entsorgungscontainern von 80 Gemeinden ein.

Kruzifixe zersägen

Roger Horisberger mag seine Arbeit an diesem Ort, wo es stinkt, lärmig und schmutzig ist und wo im Winter die Bise in die Knochen fährt. «Es ist erstaunlich, was hier ankommt», sagt der 49-Jährige. Manchmal ist die Abwechslung unangenehm. Vor einigen Jahren wurde eine unscheinbare Kiste abgeladen. Als Horisberger den Inhalt auf den Tisch kippte, kullerten Graburnen heraus. «Die Asche ‹stübte›. Da war ich schon etwas fassungslos.» Unangenehm war es auch, als er Grabkreuze aus Holz zersägen musste, an denen noch ein «Heiland» befestigt war. «Das mache ich nicht gern. Aber es musste halt sein.» In der Almeta enden manchmal die letzten Zeichen eines längst vergangenen Lebens.

An der Warenannahme fertigt Horisberger die Lieferungen im Minutentakt ab. Einen Lastwagen der Firma Ypsomed dirigiert er direkt zur «Wanne sechs». Mit seiner Erfahrung und dem geschulten Auge sorgt er für eine optimale Wertschöpfung. Wegen Abfallprodukten aus Uhrenfabriken geht jeder Transport durch die Schleuse zur Messung von Radioaktivität. Alarmierende Werte seien bisher aber noch nie gemessen worden. Dafür steckt in so manchem «Ghüder» viel Wertvolles. Edelmetalle etwa in ausgedienten elektronischen Geräten. Mit einem Analysegerät werden die Legierungen bestimmt. «Goldnuggets haben wir zwar noch nie gefunden», sagt der Mitarbeiter und lacht. Doch selbst Partikel können wertvoll sein. Manche Lieferanten wissen das. Dann fragen sie, ob für den Kaminhut aus Kupfer noch etwas herausspringt.

Nicht immer mit Anstand

Jetzt besänftigt Horisberger einen aufgebrachten Kunden, der glaubt, um eine Handvoll Franken gebracht zu werden. «Ich habe nicht das geringste Interesse, jemanden abzuzocken. Ich mache hier nur meinen Job», antwortet der Mitarbeiter und bleibt betontfreundlich.

Manchmal spielen sich Lieferanten auf, setzen die Büezer auf die gleiche Stufe wie den Müll, den sie abladen. Horisberger lässt sich nicht darauf ein. «Ich freue mich lieber über die kollegialen Kontakte zu langjährigen Lieferanten.» Er holt den Ausdruck
eines E-Mails aus dem Pausenraum: «Danke für Ihre Hilfsbereitschaft und Ihren Service», steht da. Hinter der Barackentür kleben handgeschriebene Dankeskarten, auf dem Tisch wartet in Alufolie verpackt ein selbst gebackenes Cake eines Kunden. Horisbergers Augen leuchten.

Seitdem er hier arbeitet, achtet der gelernte Metallbauer stärker auf die Wiederverwertung von Stoffen. «Mir fällt kein Zacken aus der Krone, wenn ich die alte Alufolie richtig entsorge.» Im Gegenteil, Recycling sei sinnvoll. Die Schweizer seien sehr diszipliniert, wenn es um die Abfalltrennung geht. «Sie bringen es oft bereits fein säuberlich getrennt hier hin. Das hilft uns sehr.»

Doch die manuelle Arbeit geht den Mitarbeitern im Bellacher Industriequartier nicht aus. Trotz Konkurrenz durch ausländische Firmen, die den Schrott aus der Schweiz abtransportieren. Trotz Margendruck und des technologischen Fortschritts, mit dem der Abfall schneller bestimmt und aussortiert werden kann. Das verarbeitete Volumen in der Almeta wächst. Roger Horisbergers Hand, die er zum Abschied entgegenstreckt, dürfte noch lange gebraucht werden an diesem Ort.