Vor einem Jahr schlossen sich im Bucheggberg zehn Gemeinden zusammen. Es war die grösste Fusion im Kanton Solothurn. Aetigkofer, Aetinger, Biberer, Brüggler, Gossliwiler, Hessigkofer, Küttigkofer, Kyburg-Buchegger, Mühledörfer und Tscheppacher liessen sich auf ein Abenteuer ein. Seitdem ist die Tagespolitik in der Bucheggberger Gemeinde oft ein Blindflug und manchmal nervenaufreibend. Als glänzend gewählte Gemeindepräsidentin hat Verena Meyer die Aufgabe, zehn Dorfkulturen zusammenzuführen. «Wir haben einen Sandkasten mit Klötzen vorgesetzt bekommen, und dann hiess es: Baut damit eine Gemeinde.»

Vreni Meyer, Sie waren soeben in den Ferien. Wo ging es hin?

Vreni Meyer: Wir waren vier Tage in Tirol zum Langlaufen. Sonst gehen wir eigentlich jedes Jahr ins Goms. Aber es sah in beiden Regionen nicht gut aus mit dem Schnee.

Konnten Sie sich trotzdem etwas erholen beim Langlauf?

Der vorhandene Schnee wurde zusammengeführt, so entstand immerhin eine Loipe von 350 Meter Länge. Aber es war schon erholsam. Das war wichtig. Denn gegen Ende des Jahres gibts viel zu erledigen. Die Arbeit im Gemeinderat geht uns nicht aus.

Zum zweiten Mal hintereinander hat die Bevölkerung Ihre beantragte Steuererhöhung nicht goutiert. Ist Ihre Arbeit manchmal frustrierend?

Nein. Ich konnte ja nicht mit einem Budget vor die Gemeindeversammlung treten, mit dem wir langsam unser Vermögen verzehren. Wenn man eine gute Heirat macht, «verchlepft» man das Ersparte doch auch nicht in den ersten beiden Jahren.

Fühlen Sie sich trotzdem legitimiert an der Gemeindespitze?

Warum sollte ich nicht legitimiert sein? Ich kann die Entscheide des Souveräns absolut akzeptieren: Die Gemeindeversammlung ist das oberste Organ. Sofern es mit Zahlen begründbar ist, ist eine Steuererhöhung möglich. Als Gemeindepräsidentin meiner alten Gemeinde Mühledorf konnte ich die Steuern schon einmal auf 150 Prozent heraufsetzen. Sofern man verlässliche Zahlen hat, ist das möglich.

Aber derzeit haben Sie die Zahlen nicht.

Nein, es ist sehr schwierig, die Finanzsituation einzuschätzen. Darum waren wir eher vorsichtig und haben den Steuerfuss auf 125 Prozent angesetzt. Wir wissen zwar, dass aus den alten Gemeinderechnungen ein Vermögen vorhanden ist. Aber wir haben keinen Jahresabschluss, nur ungenaue Schätzungen über Steuereinnahmen und noch keinen Finanzplan.

War der Antrag um Steuererhöhung im Gemeinderat einstimmig?

Es war ein Mehrheitsentscheid, und diesen habe ich solidarisch durchgezogen. Das Gleiche erwarte ich auch von den anderen Gemeinderäten. Dass sie Mehrheitsentscheide vertreten. Auch wenn sie im Einzelnen nicht die gleiche Meinung haben.

Arbeitet das neue Gemeinderats-Kollegium gut zusammen?

Am Anfang gab es einige Reibungen. Da trafen halt verschiedene Kulturen aufeinander. Das ist ein normaler Prozess. Zuerst muss man sich etwas spüren. Mittlerweile fühle ich mich aber von den Kollegen getragen.

Können Sie diese Kulturen etwas beschreiben?

Es gibt in einem Zehner-Rat Mitglieder, die die vernachlässigte Infrastruktur sofort auf den neusten Stand bringen wollen. Sie sind mutiger bei den Investitionen. Dann gibt es solche, die vorsichtiger sind, eben gerade weil wir noch keine gesicherten Zahlen haben. Manche wiederum wollen möglichst viele Entscheidungen im Rat fällen, während andere sagen: Alle Entscheide müssen vor die Gemeindeversammlung. Da muss man die Balance finden.

Und die Mentalitäten in den Dörfern?

Unsere Gemeinde umfasst eine grosse Fläche mit zehn verschiedenen Mentalitäten. Ein Aetinger und ein Gossliwiler sind nun mal nicht die Gleichen, das ist halt so. Eine bahnbrechende Institution ist die Feuerwehr. Es gibt einen jungen Kommandanten und junge Feuerwehrleute, die von unten stossen. Für sie ist die Dorfgrenze schon lange nicht mehr so eng gesteckt wie früher. Die grosse Gefahr ist heute jedoch, dass sich jeder in sein privates Schneckenhaus zurückziehen will und nichts mehr für die Allgemeinheit macht.

Gehen so nicht die verschiedenen Mentalitäten verloren?

Ich sage immer: Die Dörfer sollen ihren Geist behalten dürfen. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn man von Ortsteilen spricht. Das sind weiterhin eigenständige Dörfer. Wir versuchen auch, Leute aus allen Dörfern in die Kommissionen einzubeziehen. Damit das Wissen nicht verloren geht. Aber wir müssen zusätzlich eine Gemeindekultur entwickeln. Die Leute sollen denken: Ich lebe in einem guten Dorf, aber auch in einer guten Gemeinde. Dazu möchten wir etwas Neues schaffen, zusätzlich zu den Augustfeiern, die weiterhin traditionell in den Dörfern stattfinden. Etwas Unbelastetes. Vielleicht ein Gemeindefest für alle? Wir dürfen jedoch nicht meinen, dass wir diese neue Gemeindementalität in vier Jahren hinbekommen.

Was erhalten Sie für Reaktionen aus der Bevölkerung?

Kritisiert wurde die mangelnde Kommunikation des Gemeinderates. Wir brachten die Homepage lange nicht online. Gewisse Gemeinderäte fanden, der Rat soll nicht selber an die Presse gelangen und gewisse Geschäfte unter Ausschluss der Öffentlichkeit beraten. Eine Weile wurde in der Zeitung nicht so viel berichtet. Jetzt, mit der neuen Homepage, ist das besser geworden. Zudem schreibe ich neu von jeder Gemeinderatssitzung eine Zusammenfassung für den Anzeiger. Regelmässige Berichterstattung ist wichtig.

Man kennt Vreni Meyer im Bucheggberg. Wie kam es dazu?

Das ist sicher ein Vorteil für mich. Ich kenne Leute aus allen zehn Dörfern und hatte immer viel Kontakt zur Bevölkerung. Ich war die erste Präsidentin der Landjugend. Ich «lafere» gerne mit den Menschen, mit Alten wie mit Jungen. Das war nie ein Problem für mich. Ich bin zum Beispiel an fünf 1.-August-Reden aufgetreten. Die Leute sollen merken: Vreni Meyer ist nicht zu fein, um zu ihnen zu gehen. Zudem haben manche Leute Hemmungen, sich zu melden. Darum plane ich nächstes Jahr, in allen Dörfern eine Art Sprechstunde einzuführen. Damit diese nicht abgehängt werden.

Sie sind Gemeindepräsidentin und Kantonsrätin. Folgt nächstes Jahr der Nationalrat?

Ich habe vor 12 Jahren für den Nationalrat kandidiert und ein gutes Resultat erzielt auf dem ersten Ersatzplatz. Darauf bin ich stolz. Mehr will ich nicht. Ich wüsste gar nicht, wo ich die Zeit hernehmen sollte. Mein oberstes Ziel ist, dass es mit der Gemeinde Buchegg gut kommt. Da will ich nichts riskieren. Zudem interessiert mich das Kantonale mehr als Nationale. Das ist meine Welt.

Sie engagieren sich stark. Leidet da manchmal das Private?

Hat Sie etwa mein Mann angerufen und geklagt? (Lacht) Er hat manchmal schon das Gefühl, er kommt etwas zu kurz und die Frau sei nur noch am «Chrampfen». Ja, die Ämter geben viel zu tun. Vieles erledige ich in der Nacht.

Ihr Pensum als Gemeindepräsidentin wurde auf 20 Prozent festgelegt. Reicht das?

Ich habe im August einmal die Arbeitsstunden rapportiert. Ich bin auf ein 40-Prozent-Pensum gekommen. Also habe ich schnell wieder aufgehört mit dem Rapportieren. Ich will mich doch nicht frustrieren (lacht).

Wird das Pensum aufgestockt?

Das liegt nicht an mir. Der übrige Gemeinderat sieht ja auch, was ich mache.

Sie kommen aus einem politischen Haus. Ihr Vater Moritz Burkhard war 16 Jahre Gemeindepräsident von Mühledorf. Ihr Grossvater Willy Arni war 20 Jahre Nationalrat. Hat Sie das geprägt?

Ja, sicher. Mit meinem Vater tausche ich mich aus. Er war zum Beispiel zuerst kritisch eingestellt zur Fusion, so wie viele ältere Leute. Doch je mehr ich ihm erklärt habe, worum es geht, desto mehr hat er am Stammtisch seine Kollegen von der Fusion zu überzeugen versucht. Sie haben am Samstag im «Kreuz» Mühledorf ihren Stamm. Dort sagen sie jeweils: ‹Wir verbessern die Welt. Wir biegen gerade, was die in der aktiven Politik verkrümmt haben.› Das ist doch eine gute Sache: Wenn man sich für etwas interessiert, bleibt man länger jung.

Sie sind in Messen aufgewachsen, waren Gemeindepräsidentin von Mühledorf, jetzt von Buchegg. Wie definieren Sie sich eigentlich?

Am meisten wohl als Bucheggbergerin. Das kommt davon, dass ich den Bezirksverein der Landjugend geleitet habe. Ich fand es schon damals schön, etwas über die Nasenspitze hinauszuschauen.

Was macht eine Bucheggbergerin aus?

Ich würde die Bucheggberger als initiativ einstufen, und als clever. Und sie sind vorwärtsgerichtet. Wir Bucheggberger sind schon sehr bodenständig, aber auch offen für Neues.

Und was beschäftigt die Gemeinde Buchegg in nächster Zeit?

Der kantonale Richtplan und die gesamte Zonenplanung. Wir haben zum Beispiel zwei zur Genehmigung eingereichte Zonenplanrevisionen geerbt aus Küttigkofen und Aetingen. Doch der Kanton will nun offenbar nach Inkrafttreten des neuen Raumplanungsgesetzes die Vorarbeit der Alt-Gemeinden nicht goutieren und die Situation vor der Zonenplanrevision zementieren.

Wie stehen Sie zum neuen Raumplanungsgesetz?

Die Idee dahinter ist gut. Dass man nicht einfach Land verschwenden soll, leuchtet ein. Aber der Gedanke, dass eine Nachbargemeinde für uns kompensatorisch Land auszont, ist unvorstellbar. Biezwil, Lüterswil-Gächliwil oder Unterramsern haben vor dem dem 1. Mai noch für Bauplätze gekämpft und diese teilweise auch erhalten. Wir sind nun etwas die Abgesägten. Wenn man schon das gesamte Gebiet geeint anschauen will, hätte man bei diesen Gemeinden auch bremsen müssen.

In welcher Verfassung ist die Infrastruktur von Buchegg?

Buchegg hat als flächenmässig drittgrösste Solothurner Gemeinde ein sehr langes Wegnetz. Zum Glück gibt es beim neuen Finanzausgleich einen topografischen Lastenausgleich. Zudem haben wir lange Wasser- und Abwasserleitungen. Mühledorf und Gossliwil haben noch immer keine öffentliche Wasserversorgung. In Mühledorf mit den vielen Quellen ist das kein Problem, aber in Gossliwil gab es teilweise Probleme mit dem Wasser. Sie sehen: Wir haben viele schwierige Prozesse vor uns.