Der strenge Blick des Richters, der vorwurfsvolle Ton des Staatsanwaltes, die förmliche Atmosphäre. Das Gericht gehört zu den wenigen Institutionen, die uns einschüchtern. Besonders dann, wenn wir selber vor den Richter zitiert werden. Er uns mit unseren Fehler konfrontiert. Über uns urteilt. Das Beispiel des Ehepaars Meier (Name geändert) zeigt, wie schnell sich auch bisher unbescholtene Bürger auf der Anklagebank wiederfinden können.

Die Hauptakteure fehlen

Wobei das Ehepaar Meier zu spät auf der Anklagebank Platz nahm. «Ausgerechnet die beiden Hauptakteure fehlen noch», sagte Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt gut gelaunt, als bei Verhandlungsbeginn von den beiden Beschuldigten noch jede Spur fehlte. Kurz darauf trafen sie doch noch vor dem Richteramt Bucheggberg-Wasseramt ein. Ausser Atem. «Wir sind jetzt auf der Suche durch halb Solothurn gelaufen», keuchte Frau Meier. Richter Altermatt zeigte sich nachsichtig: «Brauchen sie noch einen Moment, um sich zu erholen?»

Brauchten sie nicht und Frau Meier gab Einblick in ihre Gefühlswelt und in die ihres Ehemannes: «Wir hatten beide noch nie mit der Justiz zu tun. Jetzt sitzen wir hier. Das belastet uns», sagte sie zum Amtsgerichtspräsidenten. Dieser nickte ihr zu. Wissend. Verständnisvoll. Als er eine Stunde später das Urteil verkündete, klang seine Erklärung beinahe nach einer Entschuldigung. «Ist eine blöde Sache», sagte Altermatt. «Sie haben sich zu einer blöden Aussage hinreissen lassen.»

Als Mörder beschuldigt

Diese «blöde Aussage» ist genau genommen ein Satz in einem Brief, der das Ehepaar im Oktober 2015 verfasste. Darin schreiben sie: «Er hat aber euch nur so viel erzählt, wie er wollte. Sicherlich nichts davon, dass die schon in Thailand gemordet haben oder dass seine Frau auch probiert hatte, ihn umzubringen.» Niedergeschriebener Dorfklatsch über ein Paar in der Nachbarschaft, das nie für ein solches Vergehen verurteilt wurde.

«Jeder im Dorf spricht darüber», verteidigte sich Frau Meier. Sie zeigte sich aber auch einsichtig. «Es war ein Fehler, dies an eine dritte Person zu schreiben.» Das wisse sie jetzt. «Das nehme ich auf meine Kappe.» Weiter geht ihre Einsicht aber nicht. Sie stehe dazu, was sie geschrieben habe. Ähnlich klingt ihr Mann. Beweisen könne er es nicht, es sich aber gut vorstellen.

Sie hätten die Gerüchte von Personen gehört, die ihren Nachbarn sehr nahe stünden. Darunter eine weitere Nachbarin und die Schwester des Mordes beschuldigten Nachbarn. Die beste Quelle sei aber der Nachbar selber. Das Paar erinnert sich an einen Sommerabend, den sie mit ihrem Nachbarn im gemeinsamen Garten verbrachten.

«Er hat Cannabis geraucht», erzählte Herr Meier vor Gericht, «dann hat er uns erzählt, wie seine Frau ihn versucht hat umzubringen, indem sie die Milch vergiftete.» «Wir haben zuerst gedacht, es sei ein Gag», ergänzte Frau Meier. «Doch seine Schwester hat es uns später bestätigt.»

Diese hätte sowieso nichts anderes getan, als schlecht über ihren Bruder zu reden. «Wir konnten nicht einmal mit ihr ein Kaffee trinken, ohne dass sie uns wieder davon erzählte. Dabei wollten wir es gar nicht hören. Ihr Gerede ging uns auf den Wecker.»

Aus dem Dorf geflüchtet

«Es wäre besser gewesen, wir hätten gar nie davon gehört», sagte Frau Meier. Denn: «Wir wollen nur in Ruhe unser Leben leben.» Mittlerweile ist die Familie umgezogen. Aus dem Dorf «geflüchtet», wie sie selber sagen.

Bei der Urteilsverkündung erklärte der Richter den Beschuldigten geduldig das Urteil. Punkt für Punkt ging er es mit ihnen durch, zeigte auf, was es für sie genau bedeutet. Beide werden wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt. Herr Meier zu 20 Tagessätzen an 10 Franken, seine Frau zu 20 Tagessätzen an 50 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
«Jetzt kommt das Wichtige: Die Strafe ist bedingt», sagte Altermatt und erläuterte: «Die Strafe müssen sie jetzt nicht zahlen. Nur dann, wenn sie in nächster Zeit wieder jemanden des Mordes beschuldigen. Ansonsten ist die Strafe in zwei Jahren vom Tisch.»

Frau Meier hat am Schluss noch eine Frage an den Richter: «Gibt es einen Eintrag ins Strafregister?» Amtsgerichtspräsident Stefan Altermatt verneint. Meier: «Dann ist ja gut.» Als der Richter die Verhandlung schliesst, verlassen Frau und Herr Meier so schnell wie möglich den Gerichtssaal. Mit der Absicht, nie mehr hierher zurückzukehren.