Die etwa 150 Teilnehmenden loteten ihre Grenzen aus oder sprangen über sie hinweg – dies mit viel Mut und Spass.

Dunkel ist es in dem einen «Speisesaal» im Schulhaus Zweien. Abgesehen vom Leuchten der Stirnlampen der Frauen, die das Essen bringen: so dunkel wie im Bauch einer Kuh. Die Schritte der Gäste, die zu ihren Tischen geführt werden, gehen schnell in ein vorsichtiges Schlurfen über. Sehen können die Lehrerinnen und Lehrer rein gar nichts, denn sie tragen noch zusätzlich eine schwarze Augenmaske. «Es riecht nach Salat», stellt jemand fest. Stimmt, Salat und Lasagne gibt’s.

Vorsichtig füllt man sich gegenseitig die Gläser. Eine Wasserflasche fällt um – ob sich das Wasser über den Salat ergiesst, kann man nicht sehen. Ist der Teller leer? Vorsichtig wird mit der Gabel herumgestochert, mit den Fingern nachgetastet. Grenzen erfahren oder überwinden, in dem man Ungewohntes tut. «Also ich schmecke das Essen sehr viel intensiver als sonst», meint ein Teilnehmer, «und man hört viel besser.» Eine Lehrerin: «Der Lärmpegel ist sehr hoch. Wer nicht redet, wird gar nicht als anwesend wahrgenommen.» Schnell essen liegt nicht drin – das wird von einigen durchaus als «Entschleunigung» erfahren.

Fingerabschlecken erlaubt

Im anderen «Speisesaal» sieht man zwar alles, aber hat zum Essen kein Besteck. Die Salatstreifen werden ganz gut gepackt und in den Mund geschoben – Fingerabschlecken ist erlaubt… aber die Lasagne? Es wird versucht, kleine Bällchen zu drehen, die aber schnell zwischen den Fingerkuppen zerbröseln.

Man wird – vielleicht vom Hunger getrieben – erfinderisch: Die Lasagneblätter werden mit möglichst viel Fleisch oder Gemüse einzeln aufgerollt, doch ohne substanzielle Verluste gelingt der Transport in den Mund selten. «Es ist doch schön, die Kollegen und Kolleginnen, die man nur vom seriösen Arbeiten kennt, einmal so zu sehen», feixt eine Teilnehmerin. «He, schweig, ich muss mich konzentrieren», bekommt sie zur Antwort. Ein Lehrer meint: «Also mit Besteck hätte ich jetzt schon drei Portionen verdrückt. Jetzt bin ich nach einer Portion schon satt. Vielleicht sollte ich immer mit den Fingern essen?»

Kein Drehbuch

Nach dem Mittagessen werden verschiedene Workshops angeboten. Es wird empfohlen, bei der Wahl eines Kurses Mut zu haben und ein Thema zu wählen, dem man für gewöhnlich lieber aus dem Wege geht. Während sich einige mit dem Bike zu einem Geschicklichkeits-Parcours aufmachen, treffen sich andere zu einem Theaterworkshop – Improvisieren ist angesagt. «Ich exponiere mich nicht gerne. So habe ich mich eigentlich gar nicht auf den Kurs gefreut», meint eine Frau. Und eine andere: «Also mit einem Drehbuch wäre mir wohler, dann wäre das Ganze kontrollierter.» Doch die Kursleiterin weiss die selbst gesetzten Grenzen schnell zu sprengen.

Keine Angst vor Chinesisch: Die Kursteilnehmer sind ins kalte Wasser gesprungen und parlieren bereits in der Sprache, als läge China im Wasseramt. Schon im Gang hört man dann: «Es tönt us mine Bärge…» Aber hallo, da sind Profis am Werk! Doch die Kursleiterin verlangt mehr Schwung. Die «Jodlergruppe» steigert sich und setzt zum ersten Jutz an. Das muss Spass machen. «Auf jeden Fall tönt es… sehr gut», wird gelobt.

Nach Schnuppern in weiteren Kursen, wie etwa Body-Percussion oder Zauberei, schaut man nach einer Stunde wieder bei der Theatergruppe vorbei: Da liegen die Frauen am herbeigedachten Strand, freuen sich – gar nicht leise – über den Sonnenschein. Und improvisieren munter drauf los; mit dem Spiel «Weisst du noch» – «Ja, genau» entstehen wilde, witzige Geschichten, die mit viel Gelächter quittiert werden. Ein Drehbuch wird jetzt überhaupt nicht mehr vermisst: Diese Grenze haben die Frauen weit hinter sich gelassen.